Schöpfungstraum einer Geigerin

15. Juni 2015, 06:38
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Das ORF RSO mit Patricia Kopatchinskaja

Wien - Eigentlich möchte sie ja nur komponieren, und wenn sie ein Stück interpretiere, stelle sie sich vor, sie sei der Komponist, der es gerade jetzt erschaffe. Was Patricia Kopatchinskaja unlängst in einem Gespräch bekannte, ist deutlich zu verspüren, wenn sie auf der Bühne steht: ein Wille zu Dringlichkeit und Präsenz.

Vollständig präsent ist die Geigerin dann, wenn sie sich mit ganzem Körpereinsatz einbringen kann, bevorzugt, wenn sie zugleich singt und spielt - so wie in Heinz Holligers Das kleine Irgendwas (Eine kleine Geschichte von Alice), einem aberwitzig vertonten Kindertext, den Kopatchinskaja als Encore mit Kindlichkeit und subversiver Lust umsetzte.

Die Ernsthaftigkeit und der Grad an Zuspitzung unterschieden sich im Vergleich zum offiziellen Programmpunkt nicht: Béla Bartóks spätes 2. Violinkonzert zeigt exemplarisch, wie weit die Amalgamierung einer folkloristischen Basis mit modernistischen Techniken bei ihm reichen konnte - die Gegensätze sind hier wie die zwei Seiten einer Medaille. Und aus diesem Spannungsfeld entwickelt sich eine Musiksprache auf dem Höhepunkt ihrer Ausdrucksfähigkeit, eine Plattform für Trauertöne, aber auch für musikantische Aktivität.

Kopatchinskaja war da ebenfalls ganz in ihrem Element, nicht nur dort, wo sie mit vollem Körpereinsatz wild stampfend oder graziös tänzelnd agierte, sondern auch dort, wo sie volle Aufmerksamkeit für musikalische Besonderheiten erzwang: die zwölftönige Passage am Ende des ersten Satzes spielte sie entrückt wie eine Traumsequenz. Die Wogen ihres Temperaments gingen zunehmend auf das ORF RSO Wien und seine Dirigentin Suanna Mälkki über, einer ganz anderen Persönlichkeit, die eher über den Intellekt zur Sinnlichkeit kommt.

Mit dem blendend disponierten Orchester folgte Mälkki mit guter Übersicht sowohl den Métaboles von Henri Dutilleux, wobei sie dafür sorgte, dass die strukturellen Entwicklungen klar nachvollziehbar wurden, als auch Ravels La Valse. Als Neue-Musik-Spezialistin zeigte sie die Auflösungstendenzen dieses Tanzes auf dem Vulkan besonders konsequent, um schließlich doch seinen körperlichen Schwung dramatisch zu entfesseln. Ein außergewöhnlicher Abend, der seinem Rahmen - dem Musikfest des Konzerthauses - vollständig gerecht wurde. (Daniel Ender, 15.6.2015)

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