Nova Rock: Diskurstheater und Tinnitus-Show

15. Juni 2015, 06:47
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Mit Deichkind und Slipknot ging am Sonntag Österreichs größtes Rockfestival zu Ende. Ein heftiges Unwetter sorgte für Probleme

Nickelsdorf – Zurück in der Wüste. Am dritten und letzten Tag des Nova-Rock-Festivals war die Abkühlung vom Samstag schnell wieder gewichen. Die gut versteckten Gratis-Wassertränken liefen in Strömen, Alkoholika mittlerweile weniger, die große Ermattung schien einzusetzen.

Rapperin Fiva und Jennifer Weist, Sängerin von Jennifer Rostock, durchbrachen am Nachmittag das testosteronübersäuerte Line-up und spielten früh (zu früh) auf einer gut besuchten Red Stage. Danach übernahmen Madsen. Die Teenie-Punkband aus Niedersachsen war bemüht, versuchte viel, erreichte wenig. "Freunde, ihr müsst mehr tanzen!", appellierte Sänger Johannes Madsen. Doch es halfen selbst Scooter-Dödödö-Animierungsversuche und ein angespieltes "Smells like Teen Spirit" (Vorsicht, heilig!) wenig. Einzig der brandneue Song "Sirenen" macht mit einem scharfen Gitarrenriff Hoffnung, dass das im August erscheinende Album ein härteres werden könnte.

Todesengel spielen Krieg

Auf der Brandwagen Stage zeigte Sänger Lukas Mantsch von der jungen Wiener Post-Hardcore-Band All Faces Down, dass er sowohl die sanften wie die bösen Töne in beachtlichem Umfang trifft. Hollywood Undead aus Kalifornien werkten mit ihrem wilden Stilmix, der vom harten Metal über Schunkelrock bis zu elektronischen Erzeugnissen reicht und mit mehrstimmigem Rap verschnitten wird, auf der Blue Stage. Eine Freude, mit welcher musikalischen und auch optischen Bandbreite Hollywood Undead auftrumpfen.

Zur Einstimmung auf Five Finger Death Punch zogen dann nicht nur gut bestückte Leute im Publikum blank, auch die Bühnentechnik präsentierte via Videowall die eine oder andere Hendlbrust. Anschließend betraten fünf überharte Todesengel die Arena und spielten ein bisschen Krieg. "Are you fuckin’ ready?" Wenn Five Finger Death Punch zuschlagen, bekommt man gewaschene Maschinengewehr-Riffs, die das ausdrücken, was sich viele dachten: So muss Nova Rock eigentlich klingen.

Unwetter sorgt für Verschiebungen

Dann passierte die wettertechnische Wiederholung vom Vortag, nur eine Nummer härter. Die präzise vorausgesagte Gewitterwarnung traf ein. Es scheint, als schickten die ewigen Rockgötter in Nickelsdorf zwar immer nur ganz kurze, dafür umso brutalere Wolkenbrüche zur Erde. Diesmal mit der Folge, dass alle Bühnen geräumt werden mussten und The Gaslight Anthem um ihren Auftritt umfielen. Das Programm verschob sich gehörig nach hinten. Einzig das Klima war nach der Regenattacke wieder einigermaßen erträglich.

Also konnte auf der Red Stage endlich der Fahr-in-Urlaub-Autoclub sein Animationsprogramm starten: "Macht ruhig mit da hinten – es macht mehr Spaß, wenn alle mitmachen!" Zum Beispiel bei einer Posaunenimprovisation des Donauwalzers. Ja, eh lustig – nur erinnert das inflationäre Betätigen dieser Sitz-, Spring-, Klatsch-, Nachschreispielchen manchmal schon an All-inclusive-Clubs. Keine Faxen machten Motörhead auf der Blue Stage. Nur war entweder die Anlage schlecht eingestellt, oder der alte Cowboy singt nur noch mit einem Stimmband. Lemmy Kilmisters Gesang war jedenfalls ein Reinfall. Dafür gab es feine Soli von Gitarrist Philip Campbell. Und Drummer Mikkey Dee (Haare) war beim Kopfschütteln einfach schön anzusehen. Zu dieser Zeit hätte sich ein Abstecher zu Orchid auf der Brandwagen Stage gelohnt, den leider nur wenige nahmen.

Perchten und Pyramidenhüte

Auf der anderen Seite zupften die Hamburger Electro-Hip-Hop-Asse Deichkind ihre Dubstep-Bässe auf. Die Rapper hatten nicht nur ihr neues Album "Niveau weshalb warum" (2015) anzubieten, sondern zeigten neben ihren blinkenden Pyramidenhüten auch überdimensionierte Gehirnhauben und ein gutes Dutzend neuer Choreografien. Auch diese Deichkind-Show ist politisch, innovativ, sendungsbewusst, auf der Höhe der Zeit, aber ohne Besserwisserei. Das ist kein Konzert, sondern kluges, subversives Diskurstheater, das obendrein ganz viel Spaß macht.

Erstaunlich freundlich gaben sich die Headliner Slipknot. Das Bühnenbild zeigte den Vorhof zur Hölle. Über den Köpfen der maskierten Protagonisten starrte eine riesige blauäugige Perchte ins Publikum. Links und rechts davon zwei sich drehende Hydraulikbühnen, auf denen ein wahnsinniges Arsenal an Trommeln gedroschen wurde. Dazwischen eine Unzahl an Flammenwerfern. Sänger Corey Taylor klinkte sich immer wieder aus dem Konzert aus, um im Scheinwerferkegel fast charmant wie der Moderator einer Late-Night-Show durch das Programm zu führen. "The Devil in I", "Before I Forget" und das geniale "Duality" waren die musikalischen Höhepunkte einer lieb-dämonischen Tinnitus-Show. Ein teuflisch schöner Endgegner im dreitägigen Kampf gegen Hitze, Staub und Himmelsfluten. (Stefan Weiss, 15.6.2015)

  • Riesenperchte und Flammenwerfer dürfen auf einer Slipknot-Bühne nicht fehlen.
    foto: apa/herbert p. oczeret

    Riesenperchte und Flammenwerfer dürfen auf einer Slipknot-Bühne nicht fehlen.

  • Slipknot-Sänger Corey Taylor moderierte das Konzert wie eine Late-Night-Show.
    foto: apa/herbert p. oczeret

    Slipknot-Sänger Corey Taylor moderierte das Konzert wie eine Late-Night-Show.

  • "Denken Sie groß": Die Hamburger Deichkind boten kluges und subversives Theater.
    foto: apa/epa/thomasüfrey

    "Denken Sie groß": Die Hamburger Deichkind boten kluges und subversives Theater.

  • hollywoodundeadvevo

    Hollywood Undead und ihr wilder Stilmix aus Rap, Metal und Electro: "Day of the Dead".

  • all faces down

    Die Wiener Post-Hardcore-Band All Faces Down spielte auf der Red Bull Brandwagen Stage.

  • nuclear blast records

    Dunkel und leicht psychedelisch: die Doom-Metal-Band Orchid mit "Mouths of Madness".

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