Huawei Honor 6+ im Test: Zweiauge mit Marathonakku

29. Juni 2015, 09:14
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Passable Kamera und lange Laufzeit teffen auf mühsame Android-Oberfläche und problematische Grafikperformance

Der chinesische Hersteller Huawei hat sich in Österreich etwas Zeit gelassen. Zwar liefert der Konzern schon einigen Jahren Smartphones der Einsteigerklasse in die Alpenrepublik und seit 2013 mit den Ascend P-Modellen auch seine auf stilbewusste Kunden abzielende Midrange-Serie, doch die Honor-Reihe gab es bislang noch nicht offiziell zu kaufen. Das ändert sich nun – mit dem Honor "Holly", dem Honor 4X und dem Honor 6+ sind nunmehr gleich drei Geräte der Reihe verfügbar und man versucht, den Namen als separate Marke zu etablieren. Dementsprechend wurde sie auch in ein eigenes Unternehmen ausgelagert.

Während das Modell Holly im Budgetbereich Marktanteile erobern soll und das 4X sich als günstige Allround-Option anbietet, wird das Honor 6+ als Flaggschiff positioniert, das mit mit einer besonderen Kamera und niedrigem Preispunkt stechen soll. Der WebStandard hat sich den Androiden näher angesehen.

foto: derstandard.at/pichler

Designtechnische gehört das Gerät, zumindest wenn man die Vorderseite betrachtet, in die Kategorie "unspektakulär". Ein Rechteck mit abgerundeten Ecken, vertretbar dünnen Seitenrändern, gehalten in verglastem Kunststoff in einer Farbe. Die ebenfalls verglaste Rückseite bietet immerhin eine interessante Musterung und erinnert ein wenig an manches Sony-Modell. Der Rand wird an drei Seiten von einem metallenen Rahmen umlagert.

Der Kunststoff beim getesteten, weißen Modell wirkt optisch nicht übermäßig hochwertig, macht haptisch einen durchaus widerstandsfähigen Eindruck. An der Verarbeitung gibt es nichts auszusetzen.

foto: derstandard.at/pichler

Das Honor 6+ misst 150,5 x 75,7 x 7,5 Millimeter und ist mit 165 Gramm ein etwas schwererer Vertreter seiner Zunft. Trotz seiner glatt anmutenden Rückseite lässt sich das Handy sicher halten – zumindest wenn man nicht gerade über kleinere Hände verfügt. Einhändig lässt sich das Gerät nur sehr bedingt bedienen. Das 5,5-Zoll-IPS-Display löst mit 1.920 x 1.080 Pixel auf (401 PPI). Farbwiedergabe und Kontraste sind sehr ordentlich, wenn auch nicht ganz am Niveau der AMOLED-Panels, wie man sie etwa im Moto X oder dem Galaxy S6 findet.

Für ein Flaggschiff könnte die maximale Helligkeit allerdings höher ausfallen. Bei gutem Sommerwetter sollte man sich schon ein schattiges Plätzchen suchen, um Bildschirminhalte ohne Anstrengung zu erkennen. Praktisch: Für den Winter gibt es einen Zuschaltbaren Handschuhmodus.

foto: derstandard.at/pichler

Bei den inneren Werten setzt Huawei auf Eigenbau. Als Plattform wurde der Kirin 925-Chip gewählt, der vom Inhouse-Hersteller HiSilicon gefertigt wird. Er bringt eine Kombination aus vier Cortex A-15-Kernen (1,8 GHz) und vier Cortex-A7-Kernen (1,3 GHz). Erstere kümmern sich vorwiegend um anspruchsvolle Aufgaben, zweitere um wenig fordernde Alltags-Tasks. Dazu sind drei GB RAM an Bord, der Onboardspeicher der LTE-Version beträgt je nach Modell 16 oder 32 GB.

Der Speicherplatz kann optional erweitert werden. Macht man davon Gebrauch, muss man allerdings auf den ebenfalls unterstützten Einsatz der Dual-SIM-Funktion verzichten. Das Honor 6+ verfügt über zwei seitliche Einschübe. Ersterer beherbergt eine microSIM-Karte, der zweite kombiniert nach dem Entweder-Oder-Prinzip einen nano-SIM-Steckplatz und einen microSD-Slot. Eine vermutlich aus Platzgründen gewählte Lösung, die aber immerhin beide Nutzungsszenarien offen lässt, anstatt eines komplett zu eliminieren.

foto: derstandard.at/pichler

Prozessor und Arbeitsspeicher, die auf dem Papier her ungefähr auf dem Niveau des Snapdragon-801 von Qualcomm liegen, versprechen flotten Betrieb. Und in der Tat gibt sich das Handy bei einfachen Apps, Casual Games, Browsen und sonstigen üblichen Aufgaben keine Blöße und führt Programme auch flott aus. Das bestätigen auch die Benchmarks. Mit 44.000 Zählern landet das Honor 6+ beim Allroundtest mit Antutu knapp büer dem HTC One M8 und Samsung Galaxy S5. Der Browserbenchmark Vellamo verortet es am Niveau des OnePlus One (3.000 Punkte unter Chrome).

Ein Handy für anspruchsvolle Gamer ist der oberste Sprössling der Honor-Reihe jedoch bestenfalls mit Abstrichen. Der verwendete Grafikchip, Mali-T628 MP4 ist nicht mehr ganz taufrisch und auch bei der Optimierung dürfte so manches nicht funktioniert haben. Grafisch aufwändige Programme bringen die Darstellung merkbar ins Stottern.

Das gilt auch für Games wie "Ingress", die zwar mit 3D-Modellen und Partikeleffekten arbeiten, aber längst keine Highend-Anforderungen an die Grafik stellen. Beim 3D-Benchmark mit Epic Citadel schafft das Honor 6+ den Durchlauf mit 33 bis 35 Bildern pro Sekunde mit einigen deutlichen Einbrüchen bei komplexeren Szenen.

foto: derstandard.at/pichler

Als Ärgernis entpuppt sich auch die Systemoberfläche. Wie manche andere Hersteller kann es auch Huawei nicht lassen, das Android-System mit einer eigenen Oberfläche zu versehen, die man "Emotion UI" genannt hat. Diese stellt einen massiven grafischen Umbau dar, der sich vom Homescreen über die Benachrichtigungsleiste bis in die System-Menüs erstreckt.

Dort bleibt zwar die Bedienlogik gleich, doch alleine schon der Verzicht auf einen App-Drawer ist unverständlich. Statt Programme nach Belieben und Verwendung über die Homescreens zu verteilen, kann man sie dort lediglich anordnen oder muss wenig genutzte Apps mühselig in einem Ordner verstecken. Dass sich das Aussehen der Oberfläche in vielen Aspekten anpassen lässt, ist da nur ein schwacher Trost.

Von den Navigationsbutton sollte man sich übrigens nicht täuschen lassen: Trotz "Lollipop"-Optik verweilt das Honor 6+ aktuell noch auf Android 4.4 "Kitkat". Laut Roadmap soll die Aktualisierung auf die neueste Generation des Betriebssystems aber in den nächsten Wochen folgen.

foto: derstandard.at/pichler

Das große und auffälligste Alleinstellungsmerkmal des Honor 6+ sind seine beiden rückseitigen Kameras. Es handelt sich um zwei Acht-Megapixel-Module, die mit einem Dual-LED-Blitz arbeiten. Die beiden Sensoren sollen sich in puncto Lichtaufnahme ergänzen und auch bei wenig Licht gute Aufnahmen mit einer kombinierten Auflösung von 13 Megapixel liefern.

Das Experiment ist teilweise gelungen. Bilder am hellichten Tage gelingen gut und mit natürlichen Farben. Bei genauem Hinsehen lässt sich aber bemerken, dass feine Details nicht gar so gut abgebildet werden. Im Vergleich zu vielen anderen Smartphones verschlimmert sich dieses Phänomen bei weichendem Echtlicht nur langsam. Auch unter reinem Kunstlicht arbeitet der Auslöser zudem noch recht flott.

foto: derstandard.at/pichler

Darüber hinaus bringt die Kamerasoftware einen "Super Night Mode" mit. Für diesen sollte man das Handy allerdings entweder auf seiner Seitenkante aufstellen oder über ein Stativ verfügen. Je nach Szene dauert die Belichtung auch schon einmal eine halbe Minute lang. Für unbewegte Szenerie zahlt sich das auch aus, hier sind die Ergebnisse für ein Smartphone absolut sehenswert. Bei Bewegung zeigt sich freilich ein Ghosting-Effekt.

Die Frontkamera (acht Megapixel) liefert zwar beeindruckende Auflösung und an und für sich gute Qualität, allerdings ist es schwer, auf normale "Selfie"-Distanz scharfe Schnappschüsse zu erzeugen.

foto: derstandard.at/pichler

3.600 mAh beträgt die Kapazität des nicht entfernbaren Litium-Polymer-Akkus des Huawei-Smartphones. Und in Sachen Laufzeit vermag das Handy zu beeindrucken. Selbst bei intensiver Bearbeitung mit Spielen und Videos kommt man gut über den Tag. Wer seinen mobilen Begleiter weniger heftig mit Aufgaben traktiert, sollte auch komfortabel über zwei Tage kommen. Herausstechend ist die Reverse Charging-Funktion – das Telefon lässt sich auch verwenden, um andere Geräte aufzuladen.

Geht der Akku zur Neige, bietet das Gerät softwareseitige Unterstützung an. Drei Energiesparmodi, die verschieden starke Einschränkungen mitbringen, helfen im Notfall, noch die eine und andere Stunde Laufzeit herauszuholen.

Bei den Kommunikationsbasics zeigt sich das Handy durchschnittlich. Die Sprachqualität ist in beide Richtungen gut, ebenso auch der GSM- und 3G-Empfang. Dafür schwächelt das Gerät ein wenig beim WLAN-Empfang (802.11n) und kann außerdem nicht mit LTE-Band 20 (800 MHz) umgehen, ist hinsichtlich 4G-Nutzung also auf Ballungszentren beschränkt.

foto: derstandard.at/pichler

Bluetooth 4.0, NFC und GPS-Navigation sind auch an Bord. Die Satellitenortung arbeitet flott und genau. Einen Infrarot-Sensor hat Huawei ebenfalls hinzugepackt. Dieser funktioniert prinzipiell, erwies sich im Test aber fallweise etwas störrisch. Jener des HTC One M9 kommunizierte mit dem gleichen Fernseher praktisch problemfrei, beim Honor 6+ mussten einige Kommandos oft mehr fach ausgelöst werden, um eine Reaktion der Flimmerkiste zu erhalten. Die könnte aber auch der Tatsache geschuldet sein, dass es sich beim TV-Gerät um ein wenig verbreitetes Modell handelt.

In puncto Audioqualität gewinnt das Honor 6+ keine Preise. Der rückseitige Monolautsprecher kommt akustisch nicht über Smartphone-Durchschnittskost hinaus. Die Maximallautstärke ist zwar recht hoch, dabei klingt er allerdings merkbar blechern und verrauscht. Keinen Grund zur Klage gibt es bei der Muskwiedergabe über Kopfhörer.

Fazit

In Österreich bietet Huawei das Honor 6+ vorerst exklusiv über den Shop electronic4you.at an. 419 Euro werden für das Handy in der 32 GB-Ausgabe mit LTE-Support verlangt. Wer vor allem auf der Suche nach einem Arbeitstier mit großem Display und passabler Kamera ist, das auch lange Akkulaufzeit bietet, macht hier nicht viel falsch. Wer eine exzellente Kamera verlangt oder häufig grafisch anspruchsvolle Apps nutzt, sollte sich allerdings anderweitig umsehen.

Testfotos

foto: derstandard.at/pichler
Automatik, Tageslicht
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Automatik, Tageslicht
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Automatik, teils Tages-, teils Kunstlicht
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Super Night Modus (30 sec. Belichtung)
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(Georg Pichler, 29.06.2015)

Hinweis im Sinne der : Das Testgerät wurde der Redaktion von Honor zur Verfügung gestellt.Leitlinien

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