Frankreich, wir kommen schon wieder!

14. Juni 2015, 20:30
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Österreich bleibt in der EM-Qualifikation für 2016 ungeschlagen, ja, feiert in und gegen Russland den sechsten Auswärtssieg en suite. Marc Janko macht mit einem Traum von einem Tor die Reise nach Frankreich beinahe zur Gewissheit

Moskau - Sie wollten unmittelbar vor dem Urlaub die allerletzten Kräfte mobilisieren, im abschließenden Saisonspiel einen Kampf bis zum Umfallen abliefern, den Russen zeigen, wer Tabellenführer der Gruppe G ist. Und die österreichische Fußballnationalmannschaft mobilisierte, zeigte. Umgefallen ist sie nicht. Teamchef Marcel Koller konnte, vom verletzten David Alaba abgesehen (wurde durch Stefan Ilsanker ersetzt), aus dem Vollen schöpfen. Martin Harnik ist fit geworden, also lief die Einsergarnitur ein. Der Boss hatte den Auftrag erteilt, hinten kompakt zu stehen, aber in erster Linie Fußball zu spielen.

Und sie spielten von Anpfiff an. Russland kam gar nicht zum Schauen, fand keine Zeit, eine Ordnung zu finden. Die Gäste pressten, drückten, kombinierten. Sie waren geistig voll auf der Höhe und konzentriert, kombinierten sich durch die nicht ausverkaufte Otkrytije Arena. Die linke Seite mit Kapitän Christian Fuchs und Marko Arnautovic wirbelte in der Moskauer Schwüle, schon bald war klar, dass Zlatko Junuzovic der absolute Wahnsinn ist. Er schaltete seinen Motor ein, das gesamte Feld wurde sein Arbeitsplatz, der Bremen-Legionär war Passgeber, Antreiber, Schaltzentrale, Herz, Lunge, Hirn.

Jankos Bewerbung

In der vierten Minute wurde Russlands Torhüter Igor Akinfejew noch von einem eigenen Verteidiger geprüft, danach sorgten die Österreicher selbst für Gefahr. 7. Minute: Arnautovic misslingt der allerletzte Pass ganz knapp. Zehnte Minute: Outeinwurf von Fuchs in die Tiefe, Junuzovic, wer sonst, scheitert. Russland wirkte gehemmt, überrascht, perplex. Trainer Fabio Capello stand wie versteinert an der Seitenlinie. Nur eine gute Aktion hat er von den Seinen schon gesehen, Robert Almer parierte einen Schuss von Oleg Schatow (28.).

Aus Capellos Sicht war das Gegentor allerdings nur eine Frage der Zeit, in der 33. Minute ist es gefallen. Junuzovic, von Harnik bedient, scheitert binnen Sekunden zweimal an Akinfejew, die Verteidigung bringt den Ball nicht aus dem Gefahrenbereich. Gefahr wird im österreichischen Spitzenfußball bekanntlich durch Marc Janko personifiziert. Der 31-Jährige hebt ab, legt sich quer, mit dem Rücken zum Tor. Es war der Beginn eines großartigen Fallrückziehers, der im 1:0 endete. Adjektive wie fulminant, famos, traumhaft für sein 21. Länderspieltor (46 Einsätze) sind schamlose Untertreibungen. Jubel. "Das war eines der schöneren und wichtigeren Tore meine Karriere, ich hoffe, es war nicht das letzte", sollte Janko danach sagen. Der Mann sucht übrigens einen Verein.

Russland im Schock, mit dieser Sanktion war nicht zu rechnen. 35. Minute: Junuzovic spielt Julian Baumgartlinger frei, der läuft ohne Verfolger gen Tor, schießt daneben. Das 2:0 wäre die Entscheidung gewesen.

"Es muss schon sehr blöd hergehen"

Nach der Pause änderte sich das Bild doch ein bisserl drastisch. Die Russen wollten nicht als Versager dastehen, legten zu. Almer war urplötzlich nicht mehr unterbeschäftigt, die Innenverteidiger Aleksandar Dragovic und Martin Hinteregger wurden mit einer Art Walze konfrontiert. Die Österreicher hatten Teilchen ihrer Aggressivität verloren. Der erschöpfte Harnik wurde durch Marcel Sabitzer ersetzt (65.), Torschütze Janko machte Platz für Rubin Okotie (75.). Der knappe Vorsprung wurde dank einer fast schon kitschigen Aufopferung über die Runden gebracht. "Da haben die Jungs alles rausgehaut", sagte Coach Marcel Koller. Die Teilnahme an der EM-Endrunde 2016 in Frankreich ist kaum noch zu verhindern. ÖFB-Präsident Leo Windtner sprach:_"Wir haben den TGV Richtung Frankreich in Bewegung gesetzt." Russland, zuvor 21 Heimspiele en suite unbesiegt, wird eher zuschauen müssen. Nochmals Janko: "Jetzt muss es schon sehr blöd hergehen, dass wir das aus der Hand geben."

Österreichs Lustreise zum Wiedersehen mit Frankreich nach der WM-Teilnahme 1998 wird am 5. September in Wien gegen die Republik Moldau fortgesetzt, drei Tage später werden in Stockholm die Schweden beehrt. Aber jetzt ist Urlaub. Wohlverdient. (Christian Hackl aus Moskau, 14.6.2015)

Fußball-EM-Qualifikation, Gruppe G/6. Runde:

Russland - Österreich 0:1 (0:1). Moskau, Otkrytije Arena, 35.000, SR Milorad Mazic (SRB)

Tor: 0:1 (33.) Janko

Russland: Akinfejew - Smolnikow, Nowoselzew, Beresuzki (12. Tschernow), Kombarow (72. Kerschakow) - Gluschakow, Iwanow (46. Mirantschuk) - Schatow, Schirokow, Schirkow - Kokorin

Österreich: Almer - Klein, Dragovic, Hinteregger, Fuchs - Baumgartlinger, Ilsanker - Harnik (65. Sabitzer), Junuzovic (87. Prödl), Arnautovic - Janko (76. Okotie)

Gelbe Karten: Kokorin bzw. Klein

  • Marc Janko hat mit einem derart pipifeinen Fallrückzieher genetzt...
    foto: epa/kochetkov

    Marc Janko hat mit einem derart pipifeinen Fallrückzieher genetzt...

  • ...dass er danach gleich sitzen geblieben ist.
    foto: epa/kochetkov

    ...dass er danach gleich sitzen geblieben ist.

  • In einem echten Team, freuen sich am Ende alle.
    foto: reuters/shemetov

    In einem echten Team, freuen sich am Ende alle.

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