Islamisten kommen Syriens Drusen gefährlich nahe

15. Juni 2015, 12:00
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Massaker bei Idlib – Israelische Drusenvertreter bemühen sich um militärische Hilfe

Damaskus/Wien - Bisher ist es den traditionell obrigkeitstreuen syrischen Drusen ganz gut gelungen, sich aus dem Bürgerkrieg herauszuhalten: Wenngleich es innerhalb der Gemeinschaft Meinungsunterschiede gab, überwog eine Haltung zwischen Neutralität und Passivität. Dabei gab es teilweise auch Sympathie für die Rebellen, manche Drusen widersetzten sich der Einberufung zur Armee.

Die Ermordung von mindestens zwanzig Drusen im Dorf Qalb Lawzah bei Idlib durch Kämpfer der islamistischen Nusra-Front vorige Woche treibt nun die Drusen dem Assad-Regime in die Arme zurück. Und die Lage der syrischen Drusen wird auch zum Thema für die anderen Länder mit drusischen Minderheiten: Libanon, Israel und Jordanien.

Die gemäßigte syrische Opposition, deren bewaffneter Arm (Freie Syrische Armee) mit der Nusra-Front zusammenarbeitet, verurteilte das Massaker - und sogar die Führung der Nusra-Front, die zu Al-Kaida gehört, distanzierte sich: ein bedauerlicher Alleingang von Kämpfern. Aber dass die Drusen nichts Gutes zu erwarten haben, wenn die Befreier Islamisten sind, ist klar. Nicht nur ihre Haltung zum Regime, vor allem ihr heterodoxer Glaube macht sie zur Zielscheibe. Der Chef der Nusra-Front, Abu Mohammed al-Jolani, stellte kürzlich in einem Interview in al-Jazeera klar, dass sich die Drusen nicht nur von Assad abwenden, sondern auch zum "wahren Islam" bekehren müssten. Aber anders als etwa die kleine Minderheit der Jesiden im Irak sind die syrischen Drusen mit etwa 700.000 eine bedeutende Gruppe, die sich die Nusra-Front nicht zum kämpfenden Gegner machen will, so wie es die Kurden auch bereits sind.

Weg ins Drusengebirge

Trotz ihrer zahlenmäßigen Stärke wächst jedoch die Sorge um die Drusen, denn eine neue Offensive im Südwesten gegen die Assad-Truppen könnte den Rebellen den Weg ins Drusengebirge, ihrem Stammgebiet, freimachen. Deshalb haben sich zuletzt vermehrt Drusen den Regimetruppen angeschlossen. Am Wochenende wurde weiter um eine wichtige Militärbasis gekämpft. Auch aus dem Osten kommt Gefahr, dort steht der "Islamische Staat".

Besonders in Israel, wo sich unweit des israelisch kontrollierten Teils des Golan eine drusische Enklave mitten im von Rebellen gehaltenen Gebiet befindet, bemühen sich Drusen um Hilfe für ihre Glaubensbrüder in Syrien. Drusenvertreter haben sich an Staatspräsident Reuven Rivlin gewandt, um für militärische Hilfe zu werben. Rivlin brachte das Thema beim Besuch des scheidenden US-Generalstabschefs Martin Dempsey vor. Am Sonntag war ein Treffen der Drusen mit Premier Benjamin Netanjahu vorgesehen. Drusen dienen, teils auf höheren Posten, in der israelischen Armee.

Medienbericht: Israelische Bemühungen bei den USA

Dass Israel offiziell etwas unternimmt und damit das Prinzip der Nichteinmischung in Syrien aufgibt, erwartet kaum jemand, vielmehr soll sich Israel laut "Haaretz" nun bei den USA um eine Intervention zugunsten der syrischen Drusen bemühen.

Ebenfalls aktiv wird der libanesische Drusenführer Walid Jumblat: Als (heutiger) Gegner des Assad-Regimes hat er die syrischen Drusen wiederholt aufgefordert, sich mit den Rebellen "auszusöhnen". Am Wochenende empfahl er ihnen Neutralität: Sie bräuchten weder Hilfe von Assad noch von Israel. Jumblat versucht jedoch seinerseits, bei König Abdullah in Amman für Unterstützung zu mobilisieren. (Gudrun Harrer, 15.6.2015)

Wissen

Der drusische Glauben hat seine Wurzeln in der Ismailiya oder Siebener-Schia (nach ihren sieben Imamen). Die ismailitische Dynastie der Fatimiden beherrschte ab dem 10. Jahrhundert Ägypten, dort entstand Anfang des 11. das Drusentum, als der aus dem Iran stammende Missionar Hamza die Göttlichkeit des fatimidischen Kalifen al-Hakim predigte.

Die Lehre wurde nach einem besonders eifrigen Missionar Darziya genannt, ihre Anhänger Duruz. Nach dem Verschwinden al-Hakims wurde die Darziya verboten und verfolgt, ihre Anhänger zogen sich in schwer zugängliche Gebiete zurück. Das Drusentum ist ein eigenständiger synkretistischer Glaube, mit Elementen anderer Religionen und Ideenwelten (wie etwa die Seelenwanderung).

  • Israelische Drusen bei einem Totengedenken: Ihre Vertreter haben sich an Staatspräsident Reuven Rivlin um Hilfe gewandt.
    foto: epa / atef safadi

    Israelische Drusen bei einem Totengedenken: Ihre Vertreter haben sich an Staatspräsident Reuven Rivlin um Hilfe gewandt.

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