Vorarlberg: Gespräche gegen die "Angst vor Überfremdung"

15. Juni 2015, 09:00
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Wie man in Vorarlberg die Ablehnung von Asylwerbern im Ort zu entkräften versucht

Lustenau/Raggal - Die Frage, worin sich Orte, die Asylwerber beherbergen, von jenen unterscheiden, die das nicht tun, stellt sich auch in Vorarlberg: "Knapp 50 Prozent der Gemeinden können oder wollen keine Flüchtlinge aufnehmen", beschrieb Roland Frühstück, Klubobmann der ÖVP, in der vergangenen Landtagssitzung die humanitäre Situation im Land.

Vorarlberg erfüllt seine Aufnahmequote nur schleppend, liegt derzeit bei 92 Prozent. Frühstücks Schlussfolgerung: "Wir müssen tiefe Gespräche mit den Bürgermeistern führen, den Vorarlbergern die Angst vor Jobverlust, Gewalt, Überfremdung nehmen."

Derzeit leben 1549 Asylwerberinnen und -werber in Vorarlberg. Wöchentlich kommen weitere 50 bis 55 an. Die Caritas, in Vorarlberg für die Betreuung zuständig, sucht intensiv nach Wohnraum. Aber 40 der 96 Gemeinden stellen keine Unterkünfte zur Verfügung. "Die Bereitschaft der Bürgermeister ist enden wollend", kritisiert Gabi Sprickler-Falschlunger. "Keiner will sich vermeintliche Probleme in die Gemeinde holen", vermutet die Integrationssprecherin der SPÖ.

Fußballclub lädt ein

Keinen Beitrag zur Quotenerfüllung leistet Lustenau, mit knapp über 22.000 Menschen Österreichs größte Marktgemeinde. Obwohl dort 830 der 9800 Haushalte leer stehen, hatte man bisher keinen Platz für Asylsuchende. Bis vor wenigen Tagen der FC Lustenau den Bann brach. Der Fußballclub lud Flüchtlinge aus dem Übergangsquartier in Dornbirn zu einem Match ein. Drei der Männer fanden nun Aufnahme im Lustenauer Sozialzentrum.

Bürgermeister Kurt Fischer (VP) sieht strukturelle Gründe für die mangelnde Hilfsbereitschaft der Lustenauer: "Wir haben keine leerstehenden Ferienheime und Gasthäuser. Lustenau hat eine sehr ausgeprägte Einfamilienhausstruktur, die Häuser sind in Privatbesitz." Viele Besitzer hätten kein Interesse an einer Vermietung. "Weil sie fürchten, dass die Wohnung dann bei Eigenbedarf blockiert ist", weiß Fischer aus zahlreichen Gesprächen.

Leerstandsaktivierung

Nun will die Gemeinde ein Projekt zur Leerstandaktivierung starten. Potenzielle Vermieter sollen Hilfestellung bekommen, als Mieter könnten Caritas oder die Gemeinde auftreten. Für kommenden Dienstag ist ein kommunaler Flüchtlingsgipfel geplant.

Im Gegensatz zur Großgemeinde Lustenau hat das Bergdorf Raggal im Großen Walsertal (Bezirk Bludenz) keine "strukturellen" Probleme. Im Dorf wohnen insgesamt 839 Menschen, im Ferienheim Tobelhaus leben 33 Asylsuchende. Erfahrung mit Flüchtlingen habe man schon in den 1990er-Jahren gemacht, erzählt Bürgermeister Hermann Manahl (VP): "Während der Jugoslawien-Krise hatten wir über 100 Flüchtlinge im Dorf, das hat gut funktioniert."

Im Tobelhaus möchte man nun aber nicht mehr als 35 Menschen aufnehmen: "Damit die Menschen dort Platz genug haben und menschenwürdig wohnen können." Die Dorfgemeinschaft bemüht sich, die Flüchtlinge zu integrieren. Sie sind bei Festen mit dabei, die Gemeinde vergibt im Rahmen der Nachbarschaftshilfe Arbeiten im Bauhof. "Das größte Problem für die Flüchtlinge ist, dass man sie nicht arbeiten lässt", kritisiert Manahl die Bundespolitik. "Es gäbe für sie genug Jobs in den Tourismusbetrieben."

Manahl sieht die Aufnahme von Flüchtlingen als "Verpflichtung ". Vorausgesetzt, die Bevölkerung werde umfassend informiert. (Jutta Berger, 15.6.2015)

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