Hillary Clintons Start: Linke Signale und lautes Schweigen

14. Juni 2015, 18:01
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Die Demokratin hielt ihre erste große Wahlkampfrede – und schwieg zu Handelsabkommen und Außenpolitik

Dorothy Howell war acht, als ihre überforderten Eltern sie neben ihre kleine Schwester Isabelle in einen Zug setzten, der von Chicago nach Los Angeles fuhr, zu einer der beiden Großmütter. Mit drakonischer Strenge machte die Frau den Enkelinnen das Leben zur Hölle. Mit 14 suchte sie das Weite, um bei fremden Leuten Kinder zu hüten. Die Gastfamilie erwies sich als Glücksfall: Sie ermutigte Dorothy, auf die High School zu gehen. Lehrerinnen kümmerten sich, sie schaffte den Abschluss, kehrte nach Chicago zurück und bekam einen Job als Sekretärin.

Wie es sich für das Land der Berufsoptimisten gehört, hat die Geschichte ein Happy End: Dorothy Howell, später Rodham, sah ihre Tochter Hillary als First Lady ins Weiße Haus einziehen, Senatorin und Außenministerin werden, bevor sie 2011 verstarb. Heute dient sie der Kandidatin Hillary Clinton als Beleg dafür, dass sie die Nöte der kleinen Leute auch dann versteht, wenn Redehonorare und ein Memoirenband ihren Kontostand um etliche Millionen anwachsen ließen.

Kampf für die Mittelschicht

So wie ihrer Mutter in einer traumatischen Lebensphase von anderen geholfen wurde, betont sie bei ihrem ersten großen Wahlkampfauftritt auf Roosevelt Island, werde auch sie für andere kämpfen. Für die Mittelschicht, deren Realeinkommen trotz harter Arbeit stagniere und die sich nach überstandener Finanzkrise frage: "Wann geht es auch für meine Familie voran?"- "Wann? Jetzt, sage ich!"

Sie trete nicht nur für einige Amerikaner an, sie gehe für alle ins Rennen. Wenn die Konservativen weiszumachen versuchten, man brauche nur ganz oben die Steuern zu senken, dann werde der Erfolg der Spitzenverdiener schon nach unten durchsickern, spielten sie eine uralte Melodie. "Es mag einige neue Stimmen im Chor der republikanischen Präsidentschaftsanwärter geben, aber sie singen alle das gleiche Lied. Das Lied heißt 'Yesterday'".

Clintons Schwiegersohn managt Hedgefonds, ihr Ehemann Bill ließ inmitten von Wirtschaftsboom und Börseneuphorie Finanzgesetze lockern. Doch so lautstark die Parteilinke über ihre mangelnde Glaubwürdigkeit klagt, so gezielt versucht sie selber, Themen ihrer linken Rivalen zu besetzen, bevor Konkurrenten wie Bernie Sanders die Favoritin in Bedrängnis bringen können.

"Der Teufel im Detail"

"Nun, der Teufel steckt im Detail", reagiert Sanders, ein Senatsveteran, auf die populistische Offensive. Clinton müsse die Leute erst noch davon überzeugen, dass sie in der Lage sei, zum Clinch gegen die "Milliardärsklasse" in den Ring zu steigen.

Für den Fall eines Wahlsieges verspricht sie eine gerechte Steuerreform, Anreize für Firmen, die ihre Arbeiter fair an den Gewinnen beteiligen, Verbesserungen der vielerorts bedenklich maroden Infrastruktur, bezahlbaren Zugang zu Kindergärten und erschwingliche Studienplätze.

Doch zu einem Kapitel, das ihre Partei gerade aufs Intensivste beschäftigt, weil es für die Linke zum Symbol des globalen Wettrennens um immer niedrigere Löhne, immer niedrigere Sozialstandards wird, verliert sie kein Wort. Das transpazifische Handelsabkommen, von Präsident Barack Obama angepeilt, vom Gros der Republikaner unterstützt, von vielen Demokraten abgelehnt, übergeht sie mit Schweigen. Auch die Außenpolitik ist ihr nur eine Erwähnung am Rande wert, ziemlich bizarr bei einer Politikerin, die vier Jahre Außenministerin war. Sie habe Widersachern wie Wladimir Putin die Stirn geboten und Verbündete wie Israel unterstützt, "ich saß im Situation Room, als wir Bin Laden kriegten". Das war's. Atomdeal mit dem Iran, Diskurs um Eingreifen oder Nichteingreifen im Irak: Im Moment sind es keine Themen für Hillary Clinton. (Frank Herrmann aus Washington, 14.6.2015)

  • Die ehemalige First Lady und Ex-Außenministerin Hillary Clinton inmitten ihrer Fans vor ihrer Rede auf Roosevelt Island in New York.
    foto: reuters / lucas jackson

    Die ehemalige First Lady und Ex-Außenministerin Hillary Clinton inmitten ihrer Fans vor ihrer Rede auf Roosevelt Island in New York.

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