"The Civil Wars": Ruhige Revolten

15. Juni 2015, 12:00
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Milo Raus erster Teil einer Europa-Trilogie im Brut Künstlerhaus

Wien – Milo Rau stellt zu viele Fragen auf einmal. Er will wissen, warum junge Menschen aus Europa in den Jihad ziehen. Er hinterfragt das betäubte Revolutionspotenzial der individualisierten europäischen Gesellschaften. Er interessiert sich aber auch und besonders für die Familiengeschichten seiner vier Schauspieler, vor allem für die "abwesenden Väter".

All das fasst Milo Rau im Festwochen-Gastspiel unter dem Titel "The Civil Wars" zusammen. Es hatte im Sommer 2014 Uraufführung in Zürich und bildet den ersten Teil einer Europa-Trilogie, deren Teil zwei bereits existiert: "The Dark Ages" handelt von Fluchtgeschichten und war am Münchner Residenztheater zu sehen. Auch hier erzählen Schauspieler persönliche Erlebnisse. Teil drei folgt im Dezember in Berlin ("Empire").

Mit Arbeiten zum Völkermord in Ruanda, Pussy Riot oder Anders Breivik ist der Schweizer zu einem Star des Dokumentartheaters geworden. Bei "The Civil Wars" aber greifen die montierten Gedanken nicht ineinander. Die zwischen entwurzelten Jugendlichen und sektiererischem Fanatismus gesponnenen Verbindungslinien sind platt. Für sich allein stehend sind die einzelnen Erzählungen aber wertvoll.

In den Bürgerkrieg ziehen

Die Rahmenerzählung handelt von einem jungen Belgier, der in den Bürgerkrieg nach Syrien zog, um bei der Auslöschung einer würde- und gottlosen Welt mitzuhelfen. Sein Vater hat ihn unter höchstem Risiko wieder nach Belgien zurückgeholt, sein Kind, das durch die Erfahrungen der Kriegshandlungen innerlich ganz ruhig und besonnen wurde, aber doch an die Ideologie verloren.

Dazwischen berichten vier Schauspieler in einem heimeligen Wohnzimmer, das sich im Brut von einem bombastisch-goldenen Guckkastentheater abwendet, von ihren eigenen Familien, von früh verstorbenen, krank gewordenen oder lieblosen Vätern. Raum in den Erzählungen bekommen aber auch andere Inhalte, etwa berufliche Erlebnisse (z. B. Dreharbeiten zu Godards "Je vous salue, Marie"). Dazwischen plätschert traurige Musik von Pergolesi.

Milo Rau sucht im kleinsten Detail dieser Biografien nach dem großen gemeinsamen Nenner, bei dem unser Europa zusammenlaufen könnte. Doch es bleibt alles zersplittert. Es lassen sich die Trotzkisten der 1970er-Jahre nicht als Vorläufer der Jihadisten von heute deuten. (Margarete Affenzeller, 15.6.2015)

Termin: 15. 6.

  • Sara De Bosschere und Sébastien Foucault erzählen in "The Civil Wars" von "abwesenden Vätern".
    foto: marc stephan

    Sara De Bosschere und Sébastien Foucault erzählen in "The Civil Wars" von "abwesenden Vätern".

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