Nova Rock: Scooter statt Motor

13. Juni 2015, 06:24
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Am ersten Festival-Tag gab die legendäre Mötley Crüe ihr vorläufiges Abschiedskonzert. Der Genre-fremde Late-Night-Gast H.P. Baxxter stahl am Ende allen ein bisschen die Show

Nickelsdorf – Es war eine weise Entscheidung der Nova Rock-Veranstalter, die beiden Hauptbühnen näher aneinander zu rücken. Der Wechsel von Blue- zu Red-Stage ist nun in fünf Minuten zu bewältigen und das ohne einen halben Steinbruch im Schuhwerk anzusammeln. Die Hauptbühnen verbindet nun ein Korridor, der an den Seiten von zahlreichen Laser-Leuchttürmen begrenzt wird, die in bestimmten Abständen meterhohe Rauchfontänen in die Luft blasen.

An jedem dieser Türme hängt ein Plakat mit einem Rockstar. Ein Walk of Fame quasi, auf dem man unter den Augen der Rockgötter kiloweise Staub frisst, weil der burgenländische Wüstenwind das trockene Terrain regelmäßig zum Wirbeln bringt. Bei der obligatorisch gewordenen Prater-Unterhaltung hat man sich am Nova Rock auf das Nötigste begrenzt: Riesenrad, Ringelspiel und Bungee-Jumping müssen reichen. Es geht schließlich auch um Musik.

Bis zum Platzen der Halsschlagader

Die begann an diesem ersten von drei ultrasonnigen Tagen auf der Blue Stage mit melodischem Alternative-Metal der schwedischen Zombie-Rocker Deathstars. Auf der roten Bühne setzten die deutschen Punker von Feine Sahne Fischfilet ein erstes Ausrufezeichen. Die linksaktivistische Band hat 2015 bei Audiolith ihr sechstes Album "Bleiben oder Gehen" veröffentlicht. Auf der kleinen Nebenbühne vom Red Bull Brandwagen hatte der 47-jährige Mambo Kurt die Freudenlacher auf seiner Seite. Der schrullige Alleinunterhalter covert auf einer Heimorgel diverseste Stimmungshits. Optisch im Achtzigerjahre-Outfit, irgendwo zwischen Scarface und Hunter S. Thompson gelegen, leierte Mambo mit Hits wie "Willst du mit mir Drogen nehmen" oder "Kids" von MGMT im Minutentakt die Sprechchöre an.

Währenddessen gaben die Eagles of Death Metal rund um Frontmann Jesse Hughes eingängigen und tanzbaren Rock zum Besten. Wo Kuhglocke und Tamborin den Takt angeben und ein Hells Angels-Boss mit Rauschebart und Truckercap die Seiten zupft, kann eigentlich nichts schief gehen. Der rotschopfige Moustache-Träger Jesse Hughes sang jedenfalls bis kurz vorm Platzen der Halsschlagader. Sympathisch.

Richtig eng wurde es vor der Red-Stage dann zum ersten Mal bei der Alternative-Punkband Rise Against, die mit ihrer "erst" 15-jährigen Bandgeschichte noch zu den jüngeren Headlinern zählt. Auf der Bühne: Ein mannshoher "Rise"-Schriftzug aus Plexiglas, der abwechselnd Rot und Blau (schon wieder!) beleuchtet wurde. Sänger Tim McIlrath klang zwar etwas heiser (was später verflog), deutete aber an, woran es gelegen haben könnte: "It’s something in the air, can you feel it? Not just the fucking dust, it’s you!" Die Überhymne "Give it all" knallten Rise Against früh auf die Bühne – stimmlich nicht perfekt, half das Publikum aus. McIlrath klatschte ab.

Pyrotechnik und zweimal "Girls"

Vor der Blue-Stage fieberten indes mehrheitlich ältere Besucher der Nova Rock-Premiere von Mötley Crüe entgegen. Auf der Bühne hatten die finsteren Herren um Goldstimmchen Vince Neil riesige Stahlspieße drapiert. Das Mikrofon von Bassist Nikki Sixx baumelte an einem Pentragram (das später mit einem Gitarren-Flammenwerfer eingeäschert werden sollte) wie ein Traumfänger von der Bühnendecke. Vince Neil trug goldbestickte Glockenhose mit einem größeren Kruzifix im Schritt. Flankiert wurde er von zwei in Lack und Leder gekleideten Background-Tänzerinnen, die zu "Girls, Girls, Girls" und anderen Hits auch Gesang beisteuerten.

Pyrotechnisch haben die alten Hard-Rocker, die ihre Karriere im Jahr 1980 starteten und sich nach ihrer aktuellen Tour trennen wollen, noch einmal alle Register gezogen. Explosionen, Raketen, Donnerschläge. Flammen züngeln sogar über die Köpfe der Zuschauer hinweg und heizen das Feld zu später Stunde noch einmal auf. Zur vielbejubelten Überraschung wird ein feines Cover von "Anarchy in the UK" der Sex Pistols. Solo-Gitarrist Mick Mars fingert aus seiner Fidel dann noch Klänge heraus, die wie aus einem Nintendo-Wrestling-Spiel klingen. Die "Girls" gibt’s zum Schluss noch einmal mit Volldampf. Kanonenschläge! Flammen! Raketen! Alles inklusive. Dann ist es aus. Bei der Balladen-Zugabe "Home sweet home" sind viele gedanklich schon bei "Hyper Hyper".

Ein Loveparade-Gedächtnis-Abend

Scooter waren auf diesem Nova Rock klarerweise die Außerirdischen unter Außerirdischen. (Und das obwohl H.P. Baxxter in seiner Kindheit Hard Rock-begeistert war) Aber als "Late Night-Guest" stellten die Alt-Raver ihre Rock-Kollegen dann doch irgendwie in den Schatten. Optisch hatten Mötley Crüe und Scooter durchaus Ähnlichkeiten. Auch Microphone-Checker H.P. Baxxter scharte zwei in neonfarbene Neoprenteile gekleidete Tänzerinnen um sich. Zu manchen der dargebotenen Industrial Atombomben-Beats steppten sich allerdings auch zwei B-Boys die Füße wund. Hyper Hyper, How much is the fish, I feel hardcore - und himmelschreiende Bass-Varianten: Tausende mehrteilig junge Nova Rocker machten mit Knicklichtern und dutzenden von Baxxter angeleiteten "Yeaahs" und "Whoaas" die Nacht noch zum Loveparade-Gedächtnis-Abend. Tanzende Römer in Techno-Pannonia und keiner räumte das Feld. Yeeeah. Fuck the Millennium. (Stefan Weiss, 13.6.2015)

Line Up: www.novarock.at

Weiterlesen: Vorbericht

  • Rave-Haudegen H.P. Baxxter stahl mit seiner Band Scooter den Altrockern die Show.
    foto: apa/herbert p. oczeret

    Rave-Haudegen H.P. Baxxter stahl mit seiner Band Scooter den Altrockern die Show.

  • audiolith

    Die Punkband Feine Sahne Fischhilet mit "Für diese eine Nacht".

  • orgelgott

    Der Heimorgel-Alleinunterhalter Mambo Kurt hatte auf der Nebenbühne das Publikum auf seiner Seite.

  • motleycruevevo

    Ihren größten Hit "Girls, Girls Girls" von 1987 spielten Mötley Crüe gleich zweimal.

  • kontor.tv

    Nur einer der zahlreichen Euro-Dance-Hits, die Scooter am Nova Rock abfeuerten: One (Always Hardcore).

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