Placebo: Das große wirkungsvolle Nichts

13. Juni 2015, 10:00
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Pillen ohne Wirkstoff sind bei harmlosen Erkrankungen vielleicht sogar sinnvoller als anerkannte Medikamente mit Nebenwirkungen. Ein Plädoyer für den Placeboeffekt

Jetzt ist wieder die Zeit der Semester-Prüfungen an den Unis. Kürzlich habe ich meinen Studierenden Bögen mit den Fragen zur Semester-Abschlussprüfung ausgeteilt. Eine sichtlich nervöse junge Dame holte ein kleines, braunes Fläschchen aus ihrer Tasche und ließ sich eilig ein paar Tropfen davon auf die Zunge fallen. "Nur Bachblüten-Notfalltropfen", erklärte sie etwas verlegen, als ich sie fragend ansehe.

Bachblüten sind wirkungslos, das zeigen bisher durchgeführte Studien ganz eindeutig. Gegen Prüfungsangst helfen Notfalltropfen demnach nicht besser als ein paar Tropfen Wasser. Wie kommt es also, dass solche Mittel dennoch beliebt sind? "Bei mir wirken sie jedenfalls, ich fühle mich damit viel ruhiger" ist ein oft genanntes Argument. Und nur schwer von der Hand zu weisen.

Wirksame Erwartungen

Tatsächlich, knapp zwei Drittel der Anwender sind mit der Wirkung von Bachblüten-Präparaten zufrieden. Wie kann das sein? Sind die wissenschaftlichen Studien alle Humbug? Von der Pharmaindustrie durchgeführt, um alternative Heilmethoden zu diskreditieren?

Nein, in keiner einzigen der Studien hatten Pharmafirmen ihre Finger im Spiel. Die Ursache des scheinbaren Widerspruchs liegt schlicht im Placebo-Effekt: Wenn wir erwarten, dass ein Mittel oder eine Behandlung gut wirkt, dann wird das auch eintreffen – zumindest ein wenig.

So können Wirkstoff-freie Scheinmedikamente (Placebos) tatsächlich eine heilende Wirkung haben. Die zusammengefassten Ergebnisse bisheriger Studien zeigen deutlich, dass Placebobehandlungen etwa Schmerzen stillen oder Übelkeit besänftigen können – auch wenn die Effekte nicht immer groß sind.

Schmerzstillendes Ritual

Das gilt nicht nur für Wirkstoff-freie Medikamente, auch Scheinbehandlungen haben eine Wirkung. Je aufwändiger das Behandlungsritual, umso größer der Placeboeffekt. So sind etwa Schein-Akupunkturen, bei denen die Nadeln die Haut nur oberflächlich berühren, deutlich effektvoller als wenn eine Ärztin ihrem Patienten bloß eine Placebo-Pille verschreibt.

Auch positive Stimmung verringert die Schmerzwahrnehmung. Nimmt sich die Ärztin bei der Behandlung ausführlich Zeit für ihren Patienten, verringert dieses Mehr an Zuwendung die Schmerzwahrnehmung.

Auch das Gegenteil ist möglich. Eine fehlende Verstärkung durch einen Placebobehandlungs-Effekt kann die Wirkung von etablierten Medikamenten sogar abschwächen. Bekommt eine Person mit starken Schmerzen ein schmerzstillendes Mittel, ohne dass sie davon weiß (etwa über eine automatische Sonde), wirkt es viel schlechter, als wenn ein Arzt ihr dieses Mittel deutlich merkbar verabreicht. Auch das zeigt eine Studie.

Wertvolle Ergänzung

Ärzte sollten diese Placeboeffekte auch gezielt ausnützen. Eine Patientin, die sich von ihrem Arzt ernst genommen und verstanden fühlt, wird eher eine Besserung ihrer Symptome feststellen als jemand, den der Arzt in Mindestzeit unpersönlich abfertigt.

Placebomittel haben noch einen Vorteil: im Gegensatz zu Medikamenten mit nachgewiesener Wirkung haben sie im Normalfall keine unerwünschten Nebenwirkungen. Bei einer harmlosen Erkältung sind homöopathische Globuli oder Vitamin C-Tabletten daher allemal weniger schädlich als Antibiotika, die dagegen sowieso nichts ausrichten könnten. Sogar wenn wissenschaftliche Studien zeigen, dass sowohl Vitamin C als auch Globuli bei einer Erkältung nicht besser helfen als Scheinpräparate.

Warum Placebos helfen

Wie kann eine Erwartung alleine etwas bewirken? Wer darauf vertraut, ein wirksames Medikament gegen Prüfungsangst einzunehmen, den beruhigt allein schon diese Überzeugung. Denn Ängste sind stark von unseren Gedanken beeinflussbar.

Ähnliches gilt auch für Schmerzen. Der Körper kann eigene, schmerzhemmende Substanzen (Endorphine) produzieren. Die schüttet er unter anderem bei einer Scheinbehandlung gegen Schmerzen aus. Das funktioniert sogar unbewusst: hat unser Körper gelernt, dass das Schlucken einer weißen Tablette Kopfschmerzen verschwinden lässt, schafft das bis zu einem gewissen Grad auch eine wirkstofflose Tablette.

Vieles unerforscht

Die Forschung hat noch längst nicht alle Ursachen der Placebo-Wirkung entdeckt. So ist es Wissenschaftlern zum Teil noch immer ein Rätsel, wie ein eigentlich Wirkstoff-freies Mittelchen oder eine effektvolle Scheinbehandlung helfen kann, gesund zu werden. Dass das Immunsystem mit der psychischen Verfassung zusammenhängt, wird dennoch kein Mediziner bestreiten.

So schüttet der Körper etwa in belastenden Situationen Stresshormone aus. Die stellen dem Körper zwar zusätzliche Energie zur Verfügung, unterdrücken aber gleichzeitig das Immunsystem. Wer kennt es nicht, wer zuviel Stress hat, ist häufig krank. Das könnte einer von vielen Wirkmechanismen für den Placeboeffekt sein. (Gerald Gartlehner, 13.6.2015)

Gerald Gartlehner ist Leiter des Departments für Evidenzbasierte Medizin (EbM) und Klinische Epidemiologie der Donau-Uni Krems, Direktor der österreichischen Cochrane-Zweigstelle und Vize-Direktor des Research Triangle Institute – University of North Carolina Evidence-based Practice Center, USA. Er leitet die Plattform medizin-transparent.at und nimmt auf derStandard.at regelmäßig aktuelle Studien unter die Lupe.

  • Der Placebo-Effekt: Wenn wir erwarten, dass ein Mittel oder eine Behandlung gut wirkt, dann wird das auch eintreffen – zumindest ein wenig.
    foto: wikipedia/public domain/fda/bluerasberry/m.j.ermarth

    Der Placebo-Effekt: Wenn wir erwarten, dass ein Mittel oder eine Behandlung gut wirkt, dann wird das auch eintreffen – zumindest ein wenig.

  • EbM-Experte Gerald Gartlehner nimmt für derStandard.at regelmäßig aktuelle Studien unter die Lupe.
    foto: georg h. jeitler/donau-uni krems

    EbM-Experte Gerald Gartlehner nimmt für derStandard.at regelmäßig aktuelle Studien unter die Lupe.

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