Journalismus monetarisiert

13. Juni 2015, 09:09
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Da findet gerade ein Umdenken statt: Jetzt kommen auch Google und Co. darauf, dass Content etwas wert ist

Wie werden die Leser von „Heute“ das nur verkraften! „Heute“-Chefin Eva Dichand zieht mit Mann und Kindern nach Manhattan, und das gleich für ein ganzes Jahr. Dem Ereignis von atlantikübergreifender Bedeutung widmete „News“ sieben Seiten, zwei davon sind der Abbildung der Boulevard-Queen von Wien auf dem Dach des „Heute“-Redaktionsgebäudes am Wiener Donaukanal gewidmet. Was eine echte Persönlichkeit ist, braucht schließlich Platz zur Selbstdarstellung, so weit muss Frauensolidarität in der Medienwelt gehen. Natürlich wäre auch die Frage fällig, wie die Leser der „Kronen Zeitung“ eine einjährige Abwesenheit des angeheirateten Boulevard-Kings verkraften werden, von dem sich nur ein mickriges Foto, und das in Gesellschaft seines Vaters, findet. Aber vielleicht ist er nicht schwindelfrei genug, um auf dem Dach des „Krone“-Redaktionsgebäudes zu posieren. Seine Leser können sich trösten, dass ihnen wenigstens Michael Jeannée bleibt, die „Heute“-Gemeinde muss sich mit einmal wöchentlich Kardinal gfretten.

Frau Dichands Ozeanüberquerung hat ähnlich welthistorische Bedeutung wie jene des anderen Christoph, denn sie will dort her ausfinden, wie man im Medien geschäft noch Zukunft hat. Dass auch „News“ an einem solchen Fund, sollte er gefunden werden, lebhaftes Interesse haben muss, liegt auf der Hand. Zu diesem Zweck nimmt man schon einiges auf sich. Wir werden viele Menschen treffen und uns anschauen, welche neuen Entwicklungen es zum Thema Content im Netz gibt. Es hat sich ja bisher keiner über Content Gedanken gemacht, was die Betreiberin einer Gratiszeitung begreiflicherweise beunruhigen muss. Doch Glück muss man haben. Da findet gerade ein Umdenken statt: Jetzt kommen auch Google und Co. darauf, dass Content etwas wert ist. Damit nicht genug – es geht aber darum, ihn zu monetarisieren. Was ist ein Content schon wert, der unmonetarisiert bleibt?

Dem hehren Ziel der Content-Monetarisierung sind die Dichands bereit, schwere Opfer zu bringen. Nein, es wird keine Auszeit. Aber wir wollen uns eine Zeitlang bewusst aus dem Tages geschäft herausnehmen, um der Frage nachzugehen: Wie wird sich der Medienkonsum, wie werden sich die Zeitungen in den nächsten Jahren verändern? Darauf eine Antwort zu suchen ist es schon wert, sich eine Zeitlang aus dem Tagesgeschäft herauszunehmen, und vor allem bewusst. Denn die Leserinnen und Leser von „News“ sollen sich da keine Illusionen machen: Wenn wir in den USA nicht etwas finden, womit wir in zehn Jahren überleben, dann haben wir ein Problem.

Alles hängt also wieder einmal an den Dichands. Hätten sie nicht schon vor etlichen Jahren herausgefunden, wie man den Content, den sie ab August in New York suchen wollen, in ei ner Gratiszeitung monetarisiert, man müsste schier verzweifeln. Denn entweder findet man einen Weg, wie man neben den Nachrichten Geld macht. Oder man findet eine neue Geschäftsidee, mit der sich der Journalismus querfinanzieren lässt.

Mit „Heute“ wurde diese Idee ei gentlich schon gefunden. Damit kann man den Leuten geben, was sie wollen. Ich habe keinen Erziehungsanspruch – ein Verdacht, den man sich bei der Lektüre nur schwer verkneifen kann – und will auch nicht die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ ersetzen – eine löbliche Selbstbeschränkung beim Monetarisieren. Wenn ich merke, die Leute wollen mehr Entertainment, dann biete ich ihnen das. Wenn die Menschen Bilder von springenden Hündchen im Internet sehen wollen, bekommen sie sie.

So soll Journalismus sein! Und als Nächstes hat Frau Dichand schon die Monetarisierung der Journalisten im Auge. Viele verstehen auch nicht, dass der Marktwert eines Journalisten wesentlich höher ist, wenn er auf Twitter zum Beispiel 177.000 Follower hat, als wenn er zwei hat. Wenn du jemanden abwirbst, der viele Follower hat, dann bekommst du die Follower dazu, denn sie folgen ja dem Namen. Dazu muss jemand gar kein Journalist sein. Der Wert, den etwa Strache mit seinen Followern für ein Medium ohne Erziehungsanspruch darstellt, ist gar nicht hoch genug zu veranschlagen, und das spiegelt sich in den Dichand-Medien. Doch auch für die Boulevard-Queen bleibt der Markt gelegentlich geheimnisumwittert. Zum Beispiel ist mir ein Rätsel, warum die Karda shian-Schwestern zig Millionen Follower auf Instagram haben.

Aber auch das wird sich in New York klären lassen. Und jetzt keine Traurigkeit – ein Jahr geht rasch vorbei. (Günter Traxler, 13/14.6.2015)

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