Wort der Woche: Verkommen, verlottert, abgesandelt

13. Juni 2015, 17:00
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Hochdeutsche und österreichische Degenerationsbegriffe

Die meisten Wörter führen jahrelang ein bescheidenes Dasein unter ihren Wortkollegen. Dann aber werden sie mit einem Mal auf die öffentliche Bühne gebeten und avancieren quasi zu Wortstars, denen man wieder und wieder begegnet.

Das Wort "abgesandelt" ist so ein Wort. Zwischen 1995 und August 2013 taucht es ein einziges Mal im elektronischen STANDARD-Archiv auf, von August 2013 bis heute 65-mal. Diesen Popularitätsschub verdankt "abgesandelt" natürlich Christoph Leitl, der es zur Charakterisierung des Wirtschaftsstandortes Österreich bemüht hatte.

"Absandeln" ist einerseits ein Fachbegriff aus der Malersprache: Ein nicht fachmännisch aufgetragener Putz sandelt ab, das heißt Sandkörner lösen sich, wenn man mit der Hand über ihn hinwegstreicht. Das österreichische "absandeln" hat aber nichts mit Sand zu tun, sondern leitet sich vom Sandler her (heruntergekommener, arbeitsscheuer Mensch, Obdachloser; von mittelhochdeutsch seine: "langsam, träge"; R. Sedlaczek, Wörterbuch des Wienerischen).

Vom "Absandeln" sprechen auch die Bayern gelegentlich, im Wesentlichen aber haben wir es mit einem feinen Austriazismus zu tun, den man mit hochdeutschen Synonymen wie "verlottert, verkommen, abgewirtschaftet" nur saft- und kraftlos wiedergäbe. Wer in kerniger Sprache beschreiben will, was mit Politik und Parteien in diesem Land vor sich geht, wird also nicht sagen: "Sie verlottern." Die viel bessere, weil bodenständigere Alternative lautet: "Sie sandeln ab". (win, 13.6.2015)

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