Kohlegigant soll Ebolakrise benutzt haben, um Gewinne zu machen

6. Juli 2015, 12:32
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Gesundheitsexperten verurteilen eine Kampagne von Peabody Energy, die sie als lächerlich und beleidigend bezeichnen

Experten für das öffentliche Gesundheitswesen sind schockiert: Das größte private Kohleunternehmen der Welt, Peabody Energy, bewirbt im Rahmen einer Werbekampagne, die den fossilen Brennstoff als Lösung für weltweite Armut neu positionieren soll, Kohle im Kampf gegen Ebola in Afrika.

Gesundheitsexperten, die am Kampf gegen die Ebolakrise beteiligt waren, verurteilten eine Kampagne, die sie als lächerlichen, beleidigenden und opportunistischen Versuch des weltgrößten privaten Kohleunternehmens, Gewinne aus der Seuche zu schlagen, werten.

Wie jetzt bekannt wurde, bewarb Peabody Energy Kohle als Antwort auf Afrikas verheerende Krise im öffentlichen Gesundheitswesen – und zwar als Teil einer PR-Offensive zur Neupositionierung von Kohle als "Treibstoff des 21. Jahrhunderts", der helfen kann, das Problem der weltweiten Armut zu lösen.

Greg Boyce, Geschäftsführer von Peabody, ein multinationaler Konzern mit Sitz in den USA und Abbaurechten auf der ganzen Welt, hielt im September 2014 einen Vortrag bei einer Konferenz der Kohleindustrie, bei dessen Präsentation auch auf die Themen Ebola und Energie eingegangen wurde. Dabei wurde darauf hingewiesen, dass mehr Energie die Verteilung eines hypothetischen Ebolaimpfstoffs befördert hätte – als Beleg wurde ein Experte für Infektionskrankheiten der University of Pennsylvania zitiert.

27.000 Menschen mit Ebola infiziert

Die Weltgesundheitsorganisation geht davon aus, dass bei einem Ausbruch des Virus in Westafrika 2014 fast 27.000 Menschen mit Ebola infiziert wurden und fast 11.000 starben – die internationale Organisation glaubt jedoch auch, dass diese Zahlen wahrscheinlich zu niedrig geschätzt sind.

Gesundheitsexperten, die die Ausbreitung des Virus mitbekämpft haben, waren über Peabodys Behauptung, dass eine Ausweitung des Zugangs zu Energie durch Kohleabbau die Verbreitung des Virus verhindert und die Verteilung eines Impfstoffs unterstützt hätte, empört – zumal es gar keinen zugelassenen Impfstoff gegen die Krankheit gibt.

Inzwischen hat der von Peabody zur Unterstützung seiner Thesen genannte medizinische Experte dem "Guardian" gegenüber bestätigt, dass er von der Firma noch nie gehört habe – und dass sie seinen Namen falsch geschrieben hätten.

"Ziemlich weit hergeholt"

"Es gibt keine offensichtlichen Tatsachen oder Beweise, die eine derartige These unterstützen", sagte Irwin Redlener, der Direktor des National Centre for Disaster Preparedness an der Columbia University und Berater des Weißen Hauses für die Reaktion der USA auf die Ebolakrise. "Peabody hat sehr charakteristische und deutliche Unternehmensziele. Ich denke, eine globale Krise zur Rechtfertigung für die Existenz eines Unternehmens, das Kohle fördern und verkaufen möchte, heranzuziehen ist schon ziemlich weit hergeholt."

Redlener fügte hinzu: "Aus meiner Sicht ist dies ein opportunistischer und ziemlich verzweifelter Versuch, unternehmerische Eigeninteressen mit einer massiven Krise des öffentlichen Gesundheitswesen in Verbindung zu bringen."

Skip Burkle, Senior Fellow der Harvard Humanitarian Initiative an der Schule für öffentliche Gesundheitsvorsorge derselben Universität sagte, Peabodys Behauptungen seien "absolut lächerlich". "Es geht hier um die Infrastruktur der öffentlichen Gesundheitsvorsorge", sagte er. "Energie ist nur ein Teil davon. Es gibt so viele andere Faktoren, die zusammenkommen müssen."

Er fuhr fort: "Die Kohleindustrie verliert an Bedeutung, aber es gibt andere Antworten auf dieses Problem, als es in Afrika abzuladen. Das ist eine Beleidigung für die Bevölkerung."

Mangel an Elektrizität als Problem

Peabody stritt ab, die Ebolakrise zum eigenen Nutzen verwendet zu haben. "Herr Boyce wies lediglich darauf hin, dass ein Mangel an Elektrizität die Möglichkeiten zur Bekämpfung von Ebola erheblich behindert hat – in wichtigen Ländern, die nur geringen Zugang zu Elektrizität haben und in denen Krankenhäuser zur Stromversorgung auf Generatoren angewiesen sind", sagte Vic Svec, der Senior Vice President für globale Investor- und Corporate Relations, gegenüber dem "Guardian".

Der Arzt, dessen Aussagen zur Unterstützung von Peabodys Behauptungen verwendet worden waren, war eher positiv gestimmt. "Ich habe keine Ahnung von der Kohleindustrie", meinte Harvey Rubin, ein Experte für Infektionskrankheiten an der University of Pennsylvania. Er sagte, er habe vorgehabt, sich an das Unternehmen zu wenden und um die Korrektur seines Namens zu bitten – dieser war nämlich auf der Power-Point-Folie falsch abgedruckt gewesen. Boyce hatte in der Präsentation behauptet, dass Stromausfälle die Bekämpfung von Ebola behindert hätten.

Impfstoffverteilung benötigt Strom

"Stromknappheit beeinträchtigt die Kapazitäten zur Bekämpfung von Krisen wie Ebola", lautete die Überschrift in Boyces Power-Point-Präsentation. Danach wurde Rubin (der als Harry und nicht Harvey identifiziert wurde) hinsichtlich der Bedeutung zuverlässiger Stromversorgung für öffentliche Impfprogramme zitiert. "Nehmen wir an, jemand würde einen Impfstoff gegen Ebola entwickeln. Die Verteilung eines Impfstoffs würde eine ununterbrochene Kühlkette voraussetzen", sagte Rubin.

Rubin sagte dem "Guardian" jedoch, er sei im Hinblick auf Energiequellen "Agnostiker". Er gab an, es gebe bereits ausreichende Elektrizitätsversorgung in Afrika, um eine effektive Verteilung von Impfstoffen zu gewährleisten – man könne bestehende Mobilfunkmasten nutzen. "Wir können uns an diese Türme anhängen", erläuterte er.

Kampagne "Keep it in the Ground"

In den vergangenen zwei Jahren haben sich mehr als 200 Institutionen und Großinvestoren verpflichtet, ihre Wertpapiere in Öl, Kohle und Gas zu verkaufen, weil ein Großteil der weltweiten Reserven an fossilen Brennstoffen im Boden bleiben muss, um einen gefährlichen Klimawandel zu vermeiden. Einige Institutionen – wie beispielsweise die Stanford University – haben sich nur zum Abstoßen ihrer Anlagen in Kohle verpflichtet, wollen aber Öl- und Gasbeteiligungen behalten.

"The Guardian" unterstützt die Bewegung zum Abstoßen von Geldanlagen in fossilen Brennstoffen und hat mit seiner Kampagne "Keep it in the Ground" auch zwei der größten Wohltätigkeitsorganisationen der Welt, die Bill and Melinda Gates Foundation und den Wellcome Trust, zur Veräußerung ihrer Anlagen in fossilen Brennstoffen aufgerufen. Der Asset Trust der Gates Foundation hält nach jüngsten Informationen 1,6 Millionen US-Dollar (rund 1,45 Millionen Euro) an Peabody. Der Wellcome Trust hält keine Direktanlagen an dem Unternehmen.

Mitteilung an US-Börsenaufsicht

Peabody betrachtet die Kampagne zum Abstoßen von Anlagen in fossilen Brennstoffen als "fehlgeleitet und symbolisch". In der Vergangenheit deutete das Unternehmen jedoch an, dass ein Abstoßen von Geldanlagen Einfluss auf das Unternehmen haben könnte. "Die Auswirkungen dieser Bemühungen könnten die Nachfrage nach unseren Wertpapieren und deren Kurs beeinträchtigen und unseren Zugang zu Kapital- und Finanzmärkten beeinflussen", schrieb Peabody in seiner Mitteilung an die US-Börsenaufsicht 2014.

Vic Svec stritt aber ab, dass die Kampagne eine Bedrohung für das Geschäftsergebnis des Unternehmens sei. "Fossile Brennstoffe machen über 80 Prozent des weltweiten Energieverbrauchs aus, und diese Brennstoffe werden uns noch Jahrhunderte begleiten." Die Bewegung zum Abstoßen von Anlagen in fossilen Brennstoffen hat Peabodys Kampagne zur Neupositionierung von Kohle verstärkt.

Kohle ist der schmutzigste fossile Brennstoff, hat einen hohen Anteil am Klimawandel und verursacht viele Todesfälle durch die beim Verbrennen erzeugte Umweltverschmutzung.

In einer Power-Point-Präsentation für die Geschäftsführer des reichsten staatlichen Investitionsfonds, des Pensionsfonds der norwegischen Regierung, im Juni 2014, argumentierten die Geschäftsführer von Peabody, Kohle sei in der Lage, der am schnellsten wachsende Brennstoff des 21. Jahrhunderts zu werden. Zu diesem Zeitpunkt hielt der Fonds 64 Millionen norwegische Kronen (rund 7,3 Millionen Euro) an Peabody – gegenüber 1,2 Milliarden norwegischen Kronen (rund 13,8 Millionen Euro) im Jahr 2010.

Kohle gegen Armut?

Bei der Sitzung argumentierte Peabody, dass die "Kohle im 21. Jahrhundert" so aufgestellt sei, dass sie der wesentliche Entwicklungsfaktor digitaler Expansion und Urbanisierung in Entwicklungsländern sein werde. Das Unternehmen gab auch an, Kohle sei das Heilmittel für weltweite Armut.

Die Rechnung ging nicht auf. Per 31. Dezember 2014 hatte der Pensionsfonds der norwegischen Regierung alle Aktien von Peabody und anderen US-Kohleunternehmen abgestoßen, gab Urgewald, eine deutsche Nichtregierungsorganisation, die die Kampagne zum Abstoßen von Anlagen in fossilen Brennstoffen überwacht, an.

"Sie waren also von Peabodys Präsentation offensichtlich nicht überzeugt", meinte Heffa Schücking, eine Urgewald-Aktivistin. (Suzanne Goldenberg, "The Guardian", 2015)

Dieser Artikel wurde mit freundlicher Genehmigung des Guardians veröffentlicht und ist Teil einer internationalen Medienkooperation zum Thema Klimawandel.

Weitere Informationen zur Medienkooperation

Der Artikel ist Teil der "Keep It In The Ground"-Serie. Weitere Artikel der Serie

Editing: Yann Schreiber, German Editor VoxEurop

Aus dem Englischen übersetzt von Heike Kurtz / VoxEurop

  • Der Geschäftsführer von Peabody hielt im September 2014 einen Vortrag bei einer Konferenz der Kohleindustrie. Dabei wies er darauf hin, dass mehr Energie die Verteilung eines hypothetischen Ebola-Impfstoffs befördert hätte. Gesundheitsexperten kritisieren diese Aussage aufs Schärfste: noch dazu, weil es gar keinen zugelassenen Impfstoff gegen die Krankheit gibt.
    foto: epa/ahmed jallanzo

    Der Geschäftsführer von Peabody hielt im September 2014 einen Vortrag bei einer Konferenz der Kohleindustrie. Dabei wies er darauf hin, dass mehr Energie die Verteilung eines hypothetischen Ebola-Impfstoffs befördert hätte. Gesundheitsexperten kritisieren diese Aussage aufs Schärfste: noch dazu, weil es gar keinen zugelassenen Impfstoff gegen die Krankheit gibt.

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