Was an die Gegenwart erinnert

13. Juni 2015, 12:00
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Nicht nur die Wiener Gestapo-Zentrale, einst das noble Hotel Métropole, verschwand nach der NS-Zeit. Morzinplatz und Schwedenplatz wurden urbane Unorte. Während der Wiener Festwochen arbeitet man hier mit blinden Flecken

Jemand hat hier Kleider verloren. Wenn man die Ruprechtsstiege hinaufsteigt, sieht man sie: Hemden, ein gepunktetes Kleid, eine Herrenhose, ein Babyschuh. Geht man wieder hinunter in Richtung Donaukanal, sind sie verschwunden. Wer hat sie verloren?

Das verstreute Gewand ist Teil der Arbeit Zwischen Judengasse und Morzinplatz von Lisl Ponger und Tim Sharp über einen verschwundenen Teil der Geschichte. Die Künstler haben sie auf die vertikalen Teile der einzelnen Stufen gemalt und seitlich die verschiedenfarbigen "Winkel", die KZ-Häftlinge tragen mussten, angebracht. So kann man die Gewänder je nach Perspektive sehen oder nicht. Ponger und Sharp thematisierten damit auch die hier rund um den Morzinplatz einst ansässigen Textilgewerbebetriebe, die oft jüdische Besitzer hatten und - tatsächlich - spurlos verschwanden wie vieles hier.

"Mein Mut sank"

Die Arbeit ist Teil des Projektes Hotel Métropole. Der Erinnerung eine Zukunft geben, das heuer die Schiene "Into the City" der Wiener Festwochen bespielt.

"Wir fuhren an der Rossauer Kaserne vorbei in Richtung Kai. Mein Mut sank. Sie brachten uns ins Gestapo-Hauptquartier. Bemerkte meine Mutter das? War ihr klar, was das bedeutete?", fragte sich die Wiener Gymnasiastin Gerda Kronstein, als sie 1938 mit ihrer Mutter an den Ort des Schreckens gebracht wurde. Während der Nazizeit wurden in dem Hotel, das 1873 als "erstes Haus am Ring" eröffnet worden war, mehrere Zehntausend verhört, gefoltert, inhaftiert, bevor man sie in Konzentrationslager deportierte, oder sogar vor Ort bei "verschärften Befragungen" getötet. Wer sich im Widerstand organisierte, wie die junge Sozialdemokratin Gerda, oder - ebenfalls wie sie - aus einer jüdischen Familie stammte, wusste, dass sich hinter der Fassade des Luxushotels die Geheimpolizei einquartiert hatte. Von außen war das nicht erkennbar. Verhaftete wurden über den Lieferanteneingang hineingeschafft.

Gestapo-Hauptquartier am Morzinplatz

Gerda hatte Glück. Sie konnte in die USA fliehen, wo sie später, als verheiratete Lerner, Mitbegründerin der feministischen Geschichtswissenschaften wurde. In ihrer Biografie Feuerkraut (Czernin-Verlag 2009) beschrieb die 2013 verstorbene Lerner die bangen Stunden und die Atmosphäre im Gestapo-Hauptquartier: "Das Stiegenhaus war mit Teppichen bedeckt, und die Stiegen waren aus Marmor. Auf jedem Treppenabsatz stand ein SS-Mann in schwarzer Uniform und Totenkopfzeichen und hielt Wache."

Viele verewigten das Haus am Morzinplatz, das am Ende des Krieges von Bomben zerstört wurde, in der Literatur. Ein berühmtes Beispiel ist Stefan Zweigs Schachnovelle.

Über 900 Mitarbeiter hatte die Gestapo, die neben dem "Dienst" im Hotel Métropole auch brutale Hausdurchsuchungen durchführten. Ihr Leiter war ein Münchner: Franz Josef Huber. Seine Folterknechte musste Huber nicht mitbringen. Rund 80 Prozent der Beamten und Angestellten wurden direkt aus den Reihen der Wiener Polizei rekrutiert, weiß das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW). Mit dem DÖW und mit dem Simon Wiesenthal Archiv kooperierten die Kuratoren Margarethe Makovec, Anton Lederer, Birgit Lurz und Wolfgang Schlag eng.

Gedenk- und Leerräume

Heute erhebt sich hier der Leopold-Figl-Hof, benannt nach dem ersten Bundeskanzler der Zweiten Republik, der selbst in Gestapo-Haft war. Über die Attraktivität des Gebäudes kann man streiten. Aber immerhin befindet sich in ihm ein Gedenkraum - in der Salztorgasse, dort, wo einst besagter Lieferanteneingang war.

Auf der anderen Straßenseite steht ein Mahnmal für die Opfer der Gestapo. Die lange, unwürdige Geschichte, bis dieses realisiert wurde, ist ein eigenes Kapitel.

Zur Geschichte des Hotels gibt es wenigstens diese Spuren des Gedenkens. Anders ist das beim einst großteils von Juden belebten Viertel rundherum. "Mir war nicht bewusst, dass das Hotel einmal auch als Teil des Rings gesehen wurde", erzählt Kurator Anton Lederer. Er steht vor der Projektzentrale am Morzinplatz 1, wo die Hauptschau läuft.

Auf dem Schwedenplatz stand auch der Herminen-Hof, zu seiner Zeit eines der größten und prächtigsten Wohnhäuser der Stadt, das nach dem Krieg ebenfalls nicht wieder aufgebaut wurde. In ihm wohnten viele Wiener Juden, die die Diktatur nicht überlebten.

Die verschwundene Gasse

Hinter dem Herminen-Hof ist eine ganze Gasse verschwunden: In der Kohlmessergasse, in die der Rabensteig mündete, waren jüdische Geschäfte. "Hier gibt es nichts, was an diese Menschen erinnert", sagt Lederer. Das ändern zumindest bis 21. Juni die Ausstellungen, Vorträge, Lesungen, Diskussionen, Rundgänge und am 20. und 21. Juni das Gedenksymposium Umkämpftes Erinnern.

Im DÖW, das wenige Straßenzüge entfernt liegt, kuratierte Günther Holler-Schuster die berührende Ausstellung Unvergessen mit Werken von bekannten und unbekannten Künstlern, die dem DÖW geschenkt wurden. Viele der Künstler waren selbst in Haft oder mussten fliehen, wie Trude Wähner oder Georg Eisler. Andere fanden erst später zu einer klaren Haltung, wie Alfons Walde.

Auch an den Herminen-Hof wird nun vor Ort erinnert: Auf dem Grund, auf dem er stand, sind an einem Brunnen wechselnde Monumente der Venezolanerin Nayari Castillo zu sehen. Ihre Arbeit Eine in Wien geborene Frau, die unterwegs ihre Spuren verlor erinnert an vier Wienerinnen, die nach Venezuela flohen.

Schiffsflüchtlinge

Noch unübersehbarer ist die Arbeit Untertauchen Oliver Resslers vor dem Figl-Hof. Im Wasser, in dem da ein Mann hilflos treibt, spiegelt sich der Figl-Hof als Hotel Métropole, während sich rechts und links am Ufer die Außengrenzen der EU auftürmen.

Auch Juden wurden einst auf Schiffen ins Ungewisse geschickt. Teils auf Donauschiffen der DDSG. "Die Schifffahrtsgesellschaft beutete die Notlage der Flüchtlinge skrupellos aus und berechnete für den Transport willkürliche, stark überhöhte Preise", schreibt die Historikerin Gabriele Anderl in ihrem Projektbeitrag über die Schlepper von einst.

"Helft uns! Öffnet die Tore Eurer Konsulate und Paläste, leistet uns wirkliche Hilfe; schaut nicht mehr hinter verschlossenen Türen zu", prangt in roten Lettern auf einem Plakat der Münchner Petra Gerschner und Michael Backmund, das in der Schau am Morzinplatz 1 hängt. Auch dieser Appell erinnert an heute. Doch er ist ein Zitat aus einem 1938 von der Gestapo abgefangenen Brief, dem "Not-Schrei der Wiener Juden".

Bilder der Täter

Ein beeindruckender Beitrag der Ausstellung stammt von Arye Wachsmuth und Sophie Lillie und heißt Die Mörder sind unter uns. Hier sieht man Fotos von Gestapo-Mitarbeitern. 1000 wurden 1947 vom Landesgericht anonymisiert ausgestellt, da man hoffte, die Täter so zu identifizieren. Durch Hilfe der Bevölkerung konnten nur rund 300 vor Volksgerichte gebracht werden. Die wichtigsten Zeugen waren tot. Es mutet seltsam an, ist aber so: Im Raum, in dem die Bilder namenlos auf Videos durchlaufen, herrscht Fotografierverbot: Die Täter sollten auf keinen Fall verherrlicht werden. Das wollten Wachsmuth und Lillie vermeiden, wie sie betonen.

Im Nebenraum haben sie kleine ausgeschnittene Zeitungsannoncen in schwarzen Kästen wie Schmetterlinge aufgepinnt: Es sind Aufrufe des Gerichts, mit denen man nach dem Krieg ebenfalls versuchte, Folterer und Mörder aufzustöbern.

"Fern ist von mir der Tröster"

Auf der Seite der Opfer gibt es in der nahen Synagoge in der Seitenstettengasse viele Namen: Man kann sie in einem Buch vor dem Hauptraum des Stadttempels nachschlagen. "Um sie weine ich; mein Auge, ach mein Auge verströmt Tränen, denn fern ist von mir der Tröster, der meine Seele erquickt ...", steht auf einer Tafel.

Der langjährige Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde, Ariel Muzicant, leitete einen der Rundgänge des Projektes. Er erzählte seinen Gästen, warum diese Synagoge nicht von den Nazis niedergebrannt wurde wie die anderen, sondern "nur" innen zerstört wurde: Sie war verbaut, umgeben von Geschäften und Wohnungen, die mitgebrannt hätten. Die Bauweise hatte einen Grund: Als sie gebaut wurde, gab es strenge Auflagen: Synagogen mussten "verborgen" werden, durften von außen nicht sichtbar und nicht höher als Kirchen sein. Und schon wieder landet man unsanft im Heute. Mitten in den Diskussionen um Minarettverbote bei Moscheen, die aktuelle Hetzer und Ausgrenzer anzetteln.

Dass man dem Erinnern eine Zukunft geben will, wie der Projekttitel verspricht, soll gehalten werden. Vergangenen Samstag wurde erstmals der "Preis für Zivilcourage" von den Wiener Festwochen verliehen. Bekommen hat ihn der steirische Maler Josef Schützenhöfer, der seit 15 Jahren (nicht nur) im steirischen Pöllau - teils unter Anfeindungen - um ein würdiges Gedenken an Opfer der Nazis und ihre Befreier kämpft. (Colette M. Schmidt, 13.6.2015)

  • Oliver Ressler spielt mit seiner auf einer riesigen Plakatwand direkt vor dem Leopold-Figl-Hof errichteten Collage "Untertauchen" mit den Ähnlichkeiten im Umgang mit Flüchtlingen einst und jetzt.
    foto: oliver ressler

    Oliver Ressler spielt mit seiner auf einer riesigen Plakatwand direkt vor dem Leopold-Figl-Hof errichteten Collage "Untertauchen" mit den Ähnlichkeiten im Umgang mit Flüchtlingen einst und jetzt.

  • Der prächtige Herminen-Hof verschwand wie das benachbarte Hotel Métropole.
    foto: wolfgang schlag

    Der prächtige Herminen-Hof verschwand wie das benachbarte Hotel Métropole.

  • Schüler der Gastgewerbefachschule Judenplatz gestalteten mit Martin Krenn eine "Gedenktafel" im doppelten Sinn. Das Heft ist äußerlich der Hotelspeisekarte nachempfunden, Gäste wurden auch an einer Tafel bekocht.
    foto: wien museum

    Schüler der Gastgewerbefachschule Judenplatz gestalteten mit Martin Krenn eine "Gedenktafel" im doppelten Sinn. Das Heft ist äußerlich der Hotelspeisekarte nachempfunden, Gäste wurden auch an einer Tafel bekocht.

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