Gelsen: Übertragung von Tropenkrankheiten "äußerst unrealistisch"

15. Juni 2015, 14:26
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Weder droht heuer eine besonders starke, noch eine gefährliche Gelsenplage

"Horror-Gelsen", "Stechmücken-Invasion", "gefährliche Mücken" – glaubt man der Boulevardpresse, wird Österreich derzeit von einer gewaltigen Gelsenplage heimgesucht. Tatsächlich ist die "Plage" nicht ungewöhnlich und nicht stärker oder gefährlicher als sonst. Und, die gute Nachricht laut Experten: Wenn es so trocken bleibt wie in den ersten beiden Juniwochen, ist die Gelsensaison bald wieder vorbei.

Hausgemachtes Problem

"Zum Großteil sind unsere Gelsenplagen hausgemacht: Von Politikern und landschaftlichen Fehlplanungen", sagt Hans-Peter Hutter, Umweltmediziner und Landschaftsökologe an der MedUni Wien. So würden unzählige Studien zeigen, dass wasserbauliche Defizite die Ursache sind. "Mittlerweile können die Gelsen bei uns überwintern – das war früher nicht der Fall. Das wäre durch entsprechende Maßnahmen vermeidbar gewesen", sagt Hutter.

Das bestätigt auch Bernhard Seidel: Der Ökologe kritisiert, dass die Probleme seit Jahrzehnten bekannt sind, aber nichts dagegen unternommen wird: Etwa die Stauregelung von Fließgewässern, Planungen bei der Hochwasserinfrastruktur, Wasserflächen und Kleinstgewässer im Siedlungsraum – "alles, ohne die Gelsen ins Kalkül gezogen zu haben."

Besonders kritisch sieht Seidel: In gestauten Gewässern kommt es inzwischen zwar zu einer Reduktion der Nährstoffe, jedoch stellenweise zu gigantischen Ablagerungen, wodurch bei Hochwasser im gesamten Flusstal die Bodenstrukturen grundlegend verändert werden – was bestimmten heimischen Gelsenarten zuträglich ist, die besonders problematische Vektoren darstellen und die die ursprünglich vorhandenen Hochwasergelsen mehr und mehr verdrängen.

Das Problem ist, dass niemand in die Zukunft denkt, sagt Hutter: "Die Medien füllen sich mit Gelsengeschichten, dann erst überlegt man, woran die Ursache liegen könnte. Dabei hätte man durch vorausschauende Landschaftsplanung viel verhindern können, insbesondere im Donauraum."

Keine besondere Saison

Von einem heuer besonders starken Gelsenaufkommen haben beide Experten bisher nichts gemerkt, im Gegenteil: "Die Gelsensaison hat sehr verhalten begonnen, erst jetzt spürt man sie infolge der Regenfälle und des Hochwassers von Ende Mai", sagt Seidel. "Aber auch nicht heftiger als sonst."

Und er räumt gleich mit einem "häufigen Irrglauben" auf: Dass der Klimawandel eine Rolle spielt. "In Österreich haben wir etwas mehr als 40 Stechmücken-Arten, derzeit nur eine so genannte invasive Art, die durch das Transportwesen nach Europa gelangt ist", sagt Seidel.

Es handelt sich um die asiatische Buschmücke, die sich seit 2011 kontinuierlich und aktiv verbreitet – jedoch genauso harmlos ist wie ihre Schwesternart, die Asiatische Tigergelse, und all jene bei uns endemischen Stechmückenarten. "Was bei der asiatischen Buschmücke für uns problematisch werden könnte, ist ihre zügellose Tagesaktivität: Sie bildet wie unsere Hausgelse mehrere Generationen pro Jahr aus, startet damit aber schon zeitiger ins Frühjahr", sagt Seidel. Theoretisch könnte sie Krankheitserreger über die Keimbahn in die nächste Generation und über die Winterruhe hinweg in die nächste Saison bringen, nachgewiesen wurde diese Fähigkeit aber nur bei heimischen Gelsen.

Fliegengitter und die richtige Kleidung

Was tut man nun, wenn man mit den Blutsaugern zu kämpfen hat? Am wichtigsten ist es, die Gelsen gar nicht erst in die Wohnung zu lassen. Hochwirksam sind Fliegengitter, wenn nötig in Kombination mit Moskitonetzen über dem Bett: "Das wird bekanntlich in den Tropen auch überall gemacht - mit Erfolg", sagt Hutter.

Von Gelsensteckern hält er nichts: Die Industrie behaupte zwar, sie seien unschädlich, aber so einfach sei das nicht. Gelsenstecker verdampfen sogenannte Pyrethroide, Gifte, die eine Stelle des Nervensystems von Gelsen angreifen, die es in dieser Form beim Menschen nicht gibt. Andererseits zeigen tierexperimentelle Befunde, dass sich Pyrethroide unter anderem auf die Rezeptordichte beziehungsweise -verteilung im Gehirn auswirken. Fakt ist, dass die Insektizide nach Verdampfen im Gelsenstecker auch vom Menschen eingeatmet werden. Gerade bei Kindern ist hier Vorsicht geboten. "Selbst wenn das Risiko nur gering sein sollte: Besser, man geht es gar nicht erst ein, denn es gibt in der Regel auch gar keinen Grund dafür", sagt Hutter.

Wenn überhaupt, sollte man Gelsenstecker allenfalls bei äußerst heftigen Plagen verwenden, die man sonst mit den üblichen Mitteln wie Fliegengitter gar nicht in den Griff bekommt, so der Mediziner. Damit meint er aber auch lediglich eine Verwendung über Stunden, und nicht ein "Steckenlassen" über Tage oder gar Wochen quasi vorsorglich, wie es in vielen Haushalten praktiziert wird. Von einer akustischen Vertreibung via Ultraschall – aus eigenen Gelsensteckern oder auch via Smartphone-App – hält er nichts: Für eine Wirkung gibt es keinerlei Nachweis.

Um Gelsen draußen fernzuhalten, empfiehlt er helle Stoffe und eine zwar locker anliegende, aber den Körper möglichst vollständig abdeckende Kleidung. Gelsensprays können helfen, allerdings auch nur über eine begrenzte Zeitspanne. "Man sollte sie bevorzugt auf die Kleidung sprühen, denn dort hält die Wirkung länger als auf der Haut. Und hier vor allem an Stellen, an denen die Gelsen nahe an die Haut kommen können: Unten an den Hosenbeinen, bei den Socken, bei den Ärmeln und am Kragen", sagt Seidel.

Süßes Blut?

Wovon die Gelsen genau angezogen werden, wisse man bis heute nicht, sagt Paulus. Der Geruch, die Körperwärme und die Atmung spielen in jedem Fall eine Rolle, vor allem aber auch die Genetik. So wisse man aus Studien, dass eineiige Zwillinge exakt dasselbe Risiko eins Stichs haben. Aber etwa auch, dass Frauen, wenn sie nicht gerade ihre Tage haben, viel häufiger gestochen werden – und schwangere Frauen deutlich seltener. Die Mechanismen dahinter sind aber noch unbekannt.

Hannes Paulus vom Department für Integrative Zoologie an der Universität Wien versteht die aktuelle mediale Aufregung nicht ganz: "Die Gelsenzeit haben wir jedes Jahr. Und nach drei bis vier Wochen ist das Schlimmste wieder vorbei".

Der zwar lange, aber milde Winter 2014/2015 spiele für die heurige Saison übrigens keine Rolle, sagt Paulus: "Die Stechmücken überleben auch richtig kalte Winter. Viel entscheidender ist das Frühjahr: Bei warmen Temperaturen und viel Regen gibt es viele Gelsen." Vor zwei Jahren war das zuletzt der Fall, auch infolge der damaligen Hochwässer.

Vor einer großen Gelseninvasion heuer, die manche Boulevardmedien heraufbeschwören, müsse man sich jedenfalls nicht fürchten, sagt Paulus: "Wenn es weiterhin so trocken bleibt, haben wir gar nichts zu befürchten. Außer in Gärten mit Vogeltränken und Kleinstgewässern wird es kaum Gelsen geben."

Keine Panik

Auch Warnungen vor einer Verbreitung von Tropenkrankheiten erteilt Paulus eine Absage. Es bestünde theoretisch die Möglichkeit einer Einschleppung bestimmter Erreger in unsere Breiten, etwa für das Dengue- und Gelbfieber oder das ursprünglich aus Afrika stammende Usutu-Virus, das in Österreich bereits 2001 nachgewiesen wurde und zu einem kleineren Ausbruch im Folgejahr führte, berichtet Seidel.

Das West Nil Virus wiederum führte 2010 und 2012 in Griechenland zu rund 250 Infektionen und 36 Todesfällen. "Die enorme mediale Aufmerksamkeit rund um eingeschleppte Viren steht aber in keiner Relation zur tatsächlichen Gefahr", sagt Paulus. Dass gefährliche, neue Erreger in größerem Ausmaß auch nach Österreich kommen, hält er für "äußerst unrealistisch".

Wesentlich wahrscheinlicher sei da schon die Übertragung von bei uns schon jetzt verbreiteten Viren, die allenfalls eine Sommergrippe verursachen können, "doch die ist völlig harmlos", so Paulus. Es sind also weder Killergelsen, die uns heimsuchen, noch kann man von einer richtigen Invasion sprechen. Schlimmstenfalls sind die Mücken auch heuer wieder, was sie seit eh und je sind: Unangenehm. (Florian Bayer, 15.6.2015)

  • Heuer drohe weder ein heftigeres, noch ein gefährlicheres Stechmückenjahr als sonst, so Experten.
    foto: reuters/james gathany/cdc/handout

    Heuer drohe weder ein heftigeres, noch ein gefährlicheres Stechmückenjahr als sonst, so Experten.

  • Eischiffchen genanntes Gelege einer Stechmücke.
    foto: wikipedia/küchenkraut/[ss;3.0;by-sa]

    Eischiffchen genanntes Gelege einer Stechmücke.

  • Larven und eine Puppe in Atemposition an der Wasseroberfläche.
    foto: wikipedia.org/wiki/stechmücken/plos/ayacop/(CC-Lizenz)

    Larven und eine Puppe in Atemposition an der Wasseroberfläche.

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