Dominique Strauss-Kahn übersteht auch seine letzte Sexaffäre

12. Juni 2015, 16:08
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Der ehemalige IWF-Chef hat in einem Zuhältereiprozess einen Freispruch erwirkt

Nein, Dominique Strauss-Kahn musste nicht wissen, dass die Frauen seiner Sexpartys Prostituierte waren. Mit diesem Argument hat ein Gericht in der nordfranzösischen Metropole Lille den 66-jährigen Spitzenpolitiker von der Anklage der schweren Zuhälterei freigesprochen. Ein Dutzend Mitangeklagte, darunter Unternehmer, Sexklubbetreiber und Polizisten, teilen sein Schicksal; nur ein Hotelmanager erhielt ein Jahr bedingt wegen Zuhälterei. "DSK", wie er in Frankreich nur genannt wird, meinte im Gerichtssaal zu seiner Tochter: "Tout ça pour ça" (all das – für nichts), um anzufügen: "welche Zerstörung!"

Das Urteil stellte keine Überraschung mehr dar, da der Staatsanwalt im Februar selbst auf Freispruch plädiert hatte. Strauss-Kahn entgeht damit zum dritten Mal einer Verurteilung. Am meisten Aufsehen hatte 2011 die Verhaftung in New York erregt: Die Zimmerfrau Nafissatou Diallo beschuldigte den damaligen Vorsteher des Internationalen Währungsfonds (IWF) der Vergewaltigung. Ein Strafgericht stellte das Verfahren ein, während Diallo offenbar mit einer millionenschweren Entschädigung von einer Zivilklage abgehalten wurde, wie es das US-Recht zulässt. Nach dieser Affäre hatte auch die Journalistin Tristane Banon in Paris Vergewaltigungsklage gegen DSK eingereicht. Das Pariser Gericht stellte aber nur eine "sexuelle Aggression" fest, die acht Jahre nach der Tat verjährt sei.

"Freizügige" Soireen eingeräumt

Im Prozess von Lille räumte Strauss-Kahn die "freizügigen" Soireen vor 2011 ein, bestritt aber den Tatbestand der Zuhälterei. Dieser setzt im französischen Recht eine vorsätzliche Ausnützung oder Ausbeutung der Prostituierten voraus. Der sozialistische Exminister, heute Finanzberater Serbiens und Südsudans, will aber nicht gewusst haben, dass es sich um käuflichen Sex handelte.

Sehr detailliert widmete sich die öffentliche Gerichtsverhandlung den Praktiken bei den Sexpartys in Lille, Paris und sogar am IWF-Sitz Washington. Ein Callgirl namens Mounia berichtete, Strauss-Kahn habe sich an ihr "brutal" vergangen; sie habe sich aber nicht gewehrt, da sie das mit seinem Sekundanten vereinbarte Salär nicht verlieren wollte. "Ich weinte, was ihm nicht verborgen blieb. Sein Lächeln traf mich, er schien all das sehr zu schätzen", meinte die Prostituierte weiter.

Getreue sprechen von medialem Pranger

DSK schilderte selbst sehr nüchtern die "ungewöhnlichen Sexpraktiken", wie er sagte; erst zum Schluss des Prozesses ärgerte er sich, dass das Gericht intime Details wissen wolle, die nichts zu tun hätten mit der Kernfrage, ob die Frauen Prostituierte waren oder nicht. Seine Anwälte erklärten, allein die öffentliche Auslage dieser Details gleiche einer Bestrafung. Seine letzten Getreuen kritisierten, dass er an den medialen Pranger einer voyeuristischen Nation komme, nachdem DSK schon seine Mandate, sein Geld und seine Frau verloren habe. Schließlich hätten in Paris auch Staatspräsidenten ihre Machtposition für ein ähnlich frivoles Privatleben ausgenützt, ohne dass jemand etwas dabei gefunden habe.

DSK überschritt aber mehr als andere die Grenze zwischen "Libertinage" und Prostitution. In einer SMS schrieb er einem Mitangeklagten: "Willst du mit mir und mit Material nach Madrid kommen, um eine herrlich kokette Bar kennenzulernen?" Zudem haben sich die Zeiten auch in Frankreich geändert. Am Prozess in Lille beteiligte sich auch ein Antiprostitutionsverein, der berichtete, dass einige dieser angeblichen "Luxusdirnen" aus zerrütteten Verhältnissen stammten und aus purer Geldnot handelten. Der Zufall wollte es, dass die französische Nationalversammlung am Freitag über ein Gesetz beriet, das die Prostituierten besser schützen – und dafür die Freier mit 1500 Euro büßen lassen – will.

Politisches Comeback

Die große Frage eines politischen Comebacks von DSK stellt sich fürs Erste nicht: Zu groß ist der Imageschaden aus all diesen Affären, auch wenn diese ohne jede Verurteilung geendet haben. Laut einer schon einige Monate alten Umfrage meinen immerhin vier Fünftel der Franzosen, Strauss-Kahn hätte sich im Élysée besser geschlagen als François Hollande, der die Präsidentschaft dank der Sofitel-Affäre in gewisser Weise "geerbt" hatte.

Strauss-Kahn zeigte sich unlängst noch am Arm seiner neuen Gefährtin beim Tennisturnier in Roland-Garros. Der 66-Jährige wirkt gealtert, aber geistig fit – auch wenn er in einer undurchsichtigen Investmentaffäre unlängst seinen Geschäftspartner durch Suizid verloren hatte. Sollten Hollande und sein Premier Manuel Valls bis zu den nächsten Wahlen 2017 weiterhin eine schlecht Figur machen, werden die Pariser Medien den Namen Strauss-Kahn rasch wieder ins Spiel bringen, und sei es nur, um neue Schlagzeilen zu produzieren. Und dafür ist das Kürzel DSK weiterhin gut. (Stefan Brändle aus Paris, 12.6.2015)

  • Dominique Strauss-Kahn wurde nun auch vom letzten gegen ihn vorliegenden Vorwurf der Zuhälterei freigesprochen.
    foto: reuters/gonzalo fuentes/file

    Dominique Strauss-Kahn wurde nun auch vom letzten gegen ihn vorliegenden Vorwurf der Zuhälterei freigesprochen.

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