Meisterhaftes Vater, Mutter, Kind-Spiel

12. Juni 2015, 14:58
1 Posting

Wessel Pretorius lernt im Wiener Künstlerhaus zu fliegen

Wien - In der postkolonialen Theorie bezeichnet Mimikry die Imitation des Feindes durch den Kolonialisierten. Dabei ahmt der Unterworfenen seinen Unterdrücker in Sprache und Verhalten nach, um ihn als sein eigenes Spiegelbild zu irritieren.

Boets Eltern sind tot. Wenn er sie imitiert, dann tut er das, um sich selbst von ihnen freizumachen. Zur Musik aus dem Grammophon der Mutter räkelt er sich im blechernen Waschzuber, spreizt die Finger, legt die Knie aneinander, lässt den Kopf in den Nacken fallen und sich selbst tiefer ins Wasser, entzündet divenhaft eine Zigarette. Wie sehr seine Darstellung die Gemeinte wohl irritiert hätte?

"Ent-du-ung" vom Vater

Fromm wünschte Johann Wolfgang von Goethe dereinst zwei Mitgiften einer Generationen an ihre nachfolgende: "Wurzeln und Flügel". Statt derer hat Boet mit Vater und Mutter zwei Klötze am Bein. Seine Ablösung von ihnen ist Inhalt von Ont- / undone, der Soloperformance von Wessel Pretorius, die aktuell im Festwochen-Zentrum im Wiener Künstlerhaus zu sehen ist. Die Wurzeln, die Beine am Boden, streckt der 1986 in Südafrika Geborene bis ins letzte Glied, als die Atemluft der Freiheit endlich in sie fährt und er lernt, zu gehen, zu tanzen und zu fliegen. Das Bad wird zu einer (Rein-) Waschung werden.

In einem poetischen Text aus Afrikaans-Versen, Offenbarungsmonologen und Gesprächen (mit) der Familie erinnert sich Pretorius und wechselt die Rollen vom kalten Pater-Vater, der Bemutter-Mutter und dem erstickenden Sohn dazwischen. In weißer Unterhose erreicht sein Körpertheater am Weg zum universalen Schmerzensmann, zur "Ent-du-ung" und eigenen Menschwerdung in der Übertreibung, Exaltiertheit und zugleich äußersten Präzision der Bewegungen eine ungeheure Intensität. Flink wedeln etwa die leeren Hände vor seinem Gesicht: sie cremen, tupfen, pudern, schminken. Als er fertig ist, möchte man tatsächlich Rouge auf seinen Wangen gesehen haben. Das ist manchmal schon Travestie. Meisterhaft.

Fremde Zungenschläge

Im Bann von Gesten und Gesagtem führt Pretorius‘ Performance allerdings – einmal mehr – einen Knackpunkt der Wiener Festwochen vor: Theater ist Bild und Wort. Doch die Verbindung kann schnell zur Konkurrenz werden, wenn eines davon seine Zugänglichkeit verliert, etwa durch Sprachbarrieren.

Fremdsprachigkeit ist Konsequenz der Praxis, internationale Produktionen nach Wien zu holen. Spanisch, Portugiesisch, Russisch, Englisch… - mehr als ein Dutzend verschiedener Zungenschläge sind in den diesjährigen Inszenierungen zu hören, Deutsch ist dabei in der Minderheit. In den allermeisten Fällen begleiten Übertitel das Bühnentreiben, Englisch wird immer wieder, so auch in Ont- / Undone, übersetzungslos vorausgesetzt. Man ist schließlich weltläufig.

Im schnellen Duktus Pretorius‘, ob er nun sanft säuselt oder seine Stimme donnert, geht so leider viel vom dichten, von ihm verfassten Text verloren. Doch andererseits: Wo schaute man andernfalls hin? Auf die Übertitel oder das Bühnengeschehen? (Michael Wurmitzer, 12.6.2015)

  • Der 1986 geborene Südafrikaner Wessel Pretorius zeigt in seiner Soloperformance eine unheilige Dreifaltigkeit aus Vater, Mutter und Sohn.
    foto: bronwyn lloyd

    Der 1986 geborene Südafrikaner Wessel Pretorius zeigt in seiner Soloperformance eine unheilige Dreifaltigkeit aus Vater, Mutter und Sohn.

Share if you care.