Flüchtlingsquartiere: "Versagen aller Beteiligten"

Interview12. Juni 2015, 14:20
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Hotelier und Neos-Abgeordneter Sepp Schellhorn stieß mit Angebot, Flüchtlinge unterzubringen, auf viel Zuspruch und heftige Ablehnung

STANDARD: Wie viele Flüchtlinge haben Sie in Ihrem Gästehaus in Bad Gastein aufgenommen?

Schellhorn: Letztendlich sind 36 hier. Die Ersten kamen letzten Mittwoch. Es war absurd, wie sich das abgespielt hat. Wir wurden eine Stunde vorher angerufen, dann kam der Bus, der Chauffeur hat uns eine Art Lieferschein zum Unterschreiben gegeben, hat die Flüchtlinge aussteigen lassen, und weg war er. Die hatten keine Schuhe an, jeder ein Plastiksackerl. Es gab niemanden, der uns vorbereitet oder begleitet hätte. Niemanden vom Land oder vom Bund.

STANDARD: Woher kommen die Flüchtlinge?

Schellhorn: Es sind Iraker, Syrer, Afghanen, Pakistaner und zwei Somalier. Die Syrer können am wenigsten Englisch, die sind eine Gruppe für sich. Es ist interessant, diese vier Gruppen auch zueinanderzubringen.

STANDARD: Haben Sie die schon kennengelernt?

Schellhorn: Ja, sicher, ich befasse mich sehr viel mit ihnen. Am zweiten Tag kam eine Frau von der Caritas, die uns mitgeteilt hat, dass es derzeit leider keine Deutschkurse gibt. Das stellen wir jetzt selber auf die Füße. Sie hat auch gesagt, dass sie nur zuständig ist für die Ausgabe der Gutscheine, Kik und Jello, da kann man Schuhe und Kleider kaufen. Das war es dann. Mehr konnte sie auch nicht tun. Ich bekomme 19 Euro pro Person, davon zahle ich 6,50 Euro an die Flüchtlinge als Taggeld aus, damit sie sich selbst versorgen können.

STANDARD: Der Rest ist für Quartier und Unterkunft?

Schellhorn: Ja, was übrig bleibt, spende ich sowieso, weil ja auch der Vorwurf kam, dass ich mich bereichere. Natürlich kochen wir, natürlich kümmern wir uns um Deutschkurse, natürlich haben wir ihnen auch Geld gegeben. Das Haus heißt Lydia. Ich habe einen Lydia-Bürgerrat gegründet, jede Gruppe kürt einen Sprecher, aus diesen fünf küren sie den Chef, der mit uns redet. Das ist Demokratie. Ich kann ja nicht alle 36 zum Supermarkt schicken, weil es dort dann die nächste Aufregung gibt. Die müssen konzertiert einkaufen.

STANDARD: Sie haben für Ihre Aktion viel Zuspruch erhalten, sind aber auch auf Ablehnung gestoßen. Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Bürgermeister im Ort gemacht?

Schellhorn: Der war dagegen. Erst nach einer Intervention des Salzburger Landeshauptmanns hat er eingelenkt, aber ein Gespräch kam bis heute nicht zustande.

STANDARD: Ging die Ablehnung nur vom Bürgermeister aus?

Schellhorn: Nein, von der Bevölkerung. Das liegt aber schon in der Verantwortung eines gewählten Bürgermeisters, dass er auf Deeskalation setzt und nicht auf Eskalation. Ich kann gut verstehen, dass sich viele Menschen nicht einbringen wollen und sich denken: Damit will ich nichts zu tun haben, macht euch euren Schas selber. Ich bin auch relativ dünnhäutig, wenn ich persönlich angegriffen werde. "Wir brennen dir deine Bude nieder", "Volksvernichter", lauter so Geschichten. Das ist nimmer lustig, damit muss man leben. Ich verstehe aber auch viele, die sagen: kein soziales Engagement.

STANDARD: Wie schaut es denn aus mit Unterstützung aus der Politik?

Schellhorn: Die gibt es schlichtweg nicht. Als Anbieter einer Unterkunft wird man von Politik und Behörden im Stich gelassen. Mir ist bis heute nicht klar, wer eigentlich zuständig ist, das Land, der Bund oder die NGOs. Es muss zu einer neuen Koordination kommen. Wenn Bund und Land das nicht schaffen, muss ich das einer NGO geben. In meinem Beispielfall kann ich von einem Generalversagen aller Beteiligten sprechen. Ich bin als Mensch mit einem sozialen Gewissen eingesprungen und habe ein Quartier angeboten. Und bin nur auf Widerstand gestoßen. Dass es dann fünf Tage lang dauert, bis der Landeshauptmann einschreitet und einen Ordnungsruf erteilt, halte ich schon für relativ lange, weil es auch ein Kalkül ist, dass man hier Quartiergeber abschreckt.

STANDARD: Glauben Sie, es ist auch das Kalkül der Landespolitik?

Schellhorn: Das erleben wir ja tagtäglich bei den Diskussionen um die Kasernen.

STANDARD: Die Innenministerin hat vorgeschlagen, alle Kompetenzen wieder zum Bund zu holen.

Schellhorn: Ich weiß nicht, ob die Innenministerin die richtigen Werkzeuge hat, um das auch zu steuern. Hier herrscht eine völlige Überforderung des ganzen Organisationsteams. Wir brauchen eine Gesamtstrategie. Gerade hier hört man auch nichts von Integrationsminister Sebastian Kurz. Es bedarf verdammt noch mal eines konzertierten Kraftaktes. Das Argument "Integration gilt erst bei positivem Bescheid" kann ich nicht gelten lassen. Genau diese fehlende Gesamtstrategie ermöglicht es wieder anderen, billigen Stimmenkampf zu machen.

STANDARD: Verstehen Sie, dass viele Leute zunehmend FPÖ wählen?

Schellhorn: Dafür sorgen doch die Bürgermeister. Das sind die politisch Verantwortlichen, die hier Stimmung gegen Ausländer machen und für Angst sorgen. Positive Beispiele gibt es natürlich auch, Lech und Kitzbühel zum Beispiel, wo die Bürgermeister sagen: Ja, wir haben eine Willkommenskultur, und ja, wir nehmen sie über den Sommer auf. Aber wenn der Großteil der Bürgermeister immer dagegen schürt und nichts für eine Integration unternimmt, kippt die Stimmung. (Michael Völker, 12.6.2015)

Sepp Schellhorn (48) betreibt mehrere Lokale und Hotels in Salzburg. Er war Präsident der Hoteliervereinigung und engagierte sich auf Gemeindeebene für die ÖVP, ehe er 2013 bei der Nationalratswahl für die Neos antrat. Seit 2014 ist er Abgeordneter und Wirtschaftssprecher der Neos. Sein Angebot, in Bad Gastein Flüchtlinge unterzubringen, hatte zu heftigen Debatten geführt, der Hotelier erhielt viel Zuspruch, aber auch Ablehnung, der ÖVP-Bürgermeister hatte sich gegen die Unterbringung gewehrt.

  • Sepp Schellhorn: "Ich bin auch relativ dünnhäutig, wenn ich persönlich angegriffen werde."
    foto: cremer

    Sepp Schellhorn: "Ich bin auch relativ dünnhäutig, wenn ich persönlich angegriffen werde."

  • "Als Anbieter einer Unterkunft wird man von Politik und Behörden im Stich gelassen", sagt Schellhorn.
    foto: cremer

    "Als Anbieter einer Unterkunft wird man von Politik und Behörden im Stich gelassen", sagt Schellhorn.

  • "Genau diese fehlende Gesamtstrategie ermöglicht es wieder anderen, billigen Stimmenkampf zu machen."
    foto: cremer

    "Genau diese fehlende Gesamtstrategie ermöglicht es wieder anderen, billigen Stimmenkampf zu machen."

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