"Ulysses": Die Geschichte der Zerlina Bloom

13. Juni 2015, 08:00
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Es naht der "Bloomsday", der 16. Juni: wie James Joyce einen fehlenden Konjunktiv in die größte Liebesgeschichte des 20. Jahrhunderts verwandelte

Ein fehlender Konjunktiv, und schon ist die größte Liebesgeschichte des 20. Jahrhunderts fertig. Gibt es das? Nun, bei James Joyce gibt es alles - und um den dreht es sich, wie meist, wenn jemand Anfang Juni eigentümliche Sachen schreibt. Denn dann naht der gefürchtete "Bloomsday", der 16. Juni, im Schlepptau die nicht minder gefürchtete Gretchenfrage modernen Bildungsbürgertums: "Wie hältst du es mit dem Ulysses?"

Die Antworten fallen unterschiedlich aus und sind, wie die Gretchenfrage selbst, irrelevant. Denn während die einen auch noch beim zehnten Anlauf zur Lektüre des Klassikers scheitern, suhlen sich die anderen unbeirrt in der Lösung dieses kulturhistorischen Sudokus. Und entdecken immer wieder minimale Irritationen im Text, denen sie als zwangsneurotisch geschulte Leser sofort Bedeutung zuordnen möchten.

"Vglio" oder doch "vorrei"?

So beispielsweise dem falsch zitierten Libretto von Mozarts Don Giovanni, das der Protagonist des Romanes, Leopold Bloom, wie folgt erwähnt: "Voglio e non vorrei. Möchte wissen, ob sie das richtig ausspricht: voglio. Nicht im Bett." "Sie", das ist Blooms Ehefrau, die im Begriffe steht, in der Ulster Hall in Belfast aufzutreten. Wobei dem durchschnittlichen Kenner der Oper und des von Lorenzo da Ponte verfassten Librettos schlagartig auffällt, dass hier ein kleiner Fehler aufgetreten ist. Im berühmten Duett La ci darem la mano, der Verführungsszene zwischen Don Giovanni und Zerlina, müsste es ja richtigerweise heißen "Vorrei e non vorrei". Bloom fragt sich also etwas völlig Überflüssiges, denn seine Frau Molly muss die Ausspracheregeln von Geminaten im Italienischen gar nicht kennen. Zumindest nicht dieser Textpassage wegen.

Was hat es nun mit diesem Wechsel von einem Konjunktiv zum Indikativ auf sich?

Manche Kommentatoren des Ulysses meinen, das "voglio" beziehe sich auf eine andere Stelle des Librettos von Don Giovanni, nämlich auf den Satz Leporellos "non voglio più servir", also jene Passage, in der Leporello seine wirkungslose sklavische Aufmüpfigkeit artikuliert. Gestützt wird diese These dadurch, dass Bloom im 15. Kapitel des Romans nochmals "voglio" sagt, kurz nachdem er mit der Formulierung "At your service" eine Unterwerfungsgeste gegenüber seiner Frau Molly gesetzt hat.

Da dieses Kapitel stark von Leopold (!) von Sacher-Masochs Erzählung Venus im Pelz geprägt ist, erscheint diese These nicht ganz abwegig. Darin macht sich Severin zum Sklaven seiner Geliebten Wanda, die ihn schließlich verlässt. Urszene des Masochismus. Doch ist es nicht gerade die Verneinung, die Ankündigung, nicht mehr dienen zu wollen, die Leporello zu dieser sonst im Ulysses nicht berücksichtigten Äußerung führt? Eben "non voglio", nicht "voglio". Irgendwie wirkt diese Erklärung zahnlos und passt nicht so recht in die gerade in diesem Aspekt so streng durchkomponierte Themenführung des Ulysses.

Semantik und Fonetik

Und tatsächlich liegt des Rätsels Lösung im zweiten und dritten Satz, worin Bloom sich fragt, ob seine Frau das Wort wohl aussprechen könne (" Möchte wissen, ob sie das richtig ausspricht: voglio. Nicht im Bett."). Denn diese fonetische, sich scheinbar an die Ausspracheregeln wendende Frage mutiert im Roman selbst zunehmend zur semantischen. Bloom weiß, dass Molly im Laufe des Tages ihren Liebhaber Blazes Boylan empfangen wird, der angeblich das Programm für ihr Konzert vorbeibringt.

Dass sie ihn betrügen wird, weiß er auch. Erst eben am Morgen hat sie einen Brief von Boylan erhalten und vor Bloom zu verstecken versucht. Tagsüber wird Bloom Boylan auf der Straße sehen, wissend, wohin dieser unterwegs ist. Und es wird ihm angesichts des Rivalen ein Musikstück durch den Kopf gehen: "la ci darem la mano". Es ist der Zweifel, der an ihm nagt, der Zweifel, ob Molly ihn denn tatsächlich liebt, ob sie tatsächlich "voglio" zu ihm, zu Bloom, sagen kann. Die Antwort ist bekannt: Im letzten Kapitel, dem langen inneren Monolog Molly Blooms, in dem sie halb schlafend, halb wachend frei assoziiert, erinnert sie sich ganz gegen Ende des Ulysses der seinerzeitigen Brautwerbung Leopold Blooms, in die sie damals schließlich eingewilligt hat, eingewilligt mit den Worten: "yes I will Yes." Oder, wie wir auch sagen könnten: "si, voglio Si."

Über 671 Buchseiten spannt sich der Bogen von Blooms anfänglicher Frage, ob seine Frau wohl sagen könne: "ich will", bis sie genau dies tut. Sie hat auf den fehlenden Konjunktiv geantwortet. Seinerzeit und nun wieder. Und diesmal sagt sie "voglio". Sie kann es aussprechen, aussprechen genau im Bett.

Als sie dies macht, liegt er, der sich diese Frage rund 17 Stunden zuvor, beim Aufbruch zu seiner wunderlichen Wanderung durch Dublin gestellt hat, schlafend neben ihr. Betrunken, erschöpft, aber eben neben ihr. Ob Bloom wohl träumt, was sie sagt? (Meinhard Rauchensteiner, 13.6.2015)

Meinhard Rauchensteiner arbeitet als Berater für Wissenschaft, Kunst und Kultur im Büro von Bundespräsident Heinz Fischer. Am Samstag, den 13. 6., sendet Ö1 eine 13-stündige Hörspielfassung des "Ulysses". Freitag, den 12. 6., findet um 19.30 Uhr eine von Rauchensteiner konzipierte "Lecture Performance" im Radiokulturhaus, Argentinierstraße 30a, 1040 Wien statt. Näheres unter oe1.orf.at/ulysses

  • Schuf mit dem "Ulysses" ein gigantisches kulturhistorisches Sudoku: James Joyce (1882-1941).
    archivfoto (1930): ullstein/picturedesk

    Schuf mit dem "Ulysses" ein gigantisches kulturhistorisches Sudoku: James Joyce (1882-1941).

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