Schriftstellerin Xifan Yang: "Auf der Suche nach neuen Werten"

Interview13. Juni 2015, 15:00
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Die deutsch-chinesische Autorin sieht noch immer Mangel an Demokratieverständnis in China

STANDARD: Sie beschreiben China als "grell, schnell, modern, chaotisch, rücksichtslos, dreckig, schrecklich und schön". Ist das Lebensgefühl nach wie vor von Aufbruchsstimmung geprägt?

Yang: In den letzten Jahren ist das nicht mehr so extrem. Das Wirtschaftswachstum hat sich verlangsamt. In den Städten gibt es mittlerweile eine breite Mittelschicht, die in der zweiten Generation wohlhabend ist. Auch treten erste Anzeichen von Wohlstandssättigung auf. Auf dem Land stößt man immer noch auf viele Wachstumsgeschichten. So sprießen zurzeit überall in China Dörfer aus dem Boden, die mit Internet-Handel reich werden.

STANDARD: Erstaunlich ist, dass trotz der Umbrüche die Familienstrukturen erhalten blieben.

Yang: Der familiäre Zusammenhalt gehört zur chinesischen Kultur. Natürlich wird die jüngere Generation von einem individuellen Glücksstreben getrieben. Aber das ist nicht das einzige Motiv. Meist steht der Wunsch dahinter, die Familie zu unterstützen. Man beschließt, für einige Jahre nach Schanghai zu gehen und Geld zu verdienen, um der Familie in der Heimat ein Haus zu bauen, in dem dann alle wohnen können.

STANDARD: Hat sich an der Stellung der Frauen etwas verändert?

Yang: In den ländlichen Gebieten ist der Status der Frauen immer noch traditionell bestimmt und nicht besonders hoch. Da kommt es nach wie vor zu Entführungen und zur Abtreibung weiblicher Föten. In den Städten gibt es heute viele positive weibliche Rollenvorbilder. In Schanghai leben zahlreiche erfolgreiche Unternehmerinnen. Dort haben Frauen auch zu Hause die Hosen an.

STANDARD: Während der Mao-Ära wurden Familien zerrissen. Haben die wieder zusammengefunden?

Yang: Als unter Mao Kinder gegen ihre Eltern und Ehefrauen gegen ihre Ehemänner aufgehetzt wurden, erlitten die Familienstrukturen in der Tat ziemlichen Schaden. Gänzlich zerstört wurden sie aber nicht. Die chinesische Gesellschaft ist zwischen inneren und äußeren Kreisen aufgeteilt. Für den inneren familiären Kreis tut man alles. Der äußere Kreis erstreckt sich auf die gesellschaftlichen Beziehungen. Die sind anonym und unsolidarisch. Das hängt mit dem Zynismus zusammen, der durch die Kulturrevolution entstand. Das bestehende System wird von den meisten als korrupt empfunden, und sie haben zu ihm kein Vertrauen.

STANDARD: Hat die Mao-Ära die chinesische Gesellschaft traumatisiert? Was Ihr Großvater an Hunger und Demütigung erleiden musste, scheint unvorstellbar.

Yang: Das ist zweifellos ein Trauma. Aber es wird nicht als Trauma gesehen, weil es viele Familien erlebt haben. Deswegen hält man es für normal. Mao war ein Massenmörder, was in der chinesischen Gesellschaft bis heute nicht laut ausgesprochen werden darf. Es heißt, Mao habe Fehler begangen. Aber er bleibt der Große Vorsitzende. Eine Aufarbeitung der Mao-Ära findet nicht statt. Mein Großvater versucht, sein Trauma mit Singen und Schreiben von Liedern zu bewältigen.

STANDARD: Werden die Ereignisse der Mao-Ära verschwiegen?

Yang: Ja, weder Geschichtsbücher handeln diese Zeit ab, noch wird in den Familien darüber gesprochen. Als ich mit meinem Großvater über die Kulturrevolution sprach, eine Zeit, die er in furchtbarer Erinnerung hat, kam meine Tante und fragte, was wir da redeten, sie habe diese Zeit als Kind nicht so schlimm empfunden.

STANDARD: Ist das Verklärung?

Yang: Tatsächlich waren die 70er-Jahre eine Zeit der Stagnation. Die turbulenten Jahre der Kulturrevolution waren vorüber, und China ist ein großes Land. Wenn man von den politischen Ereignissen nicht unmittelbar betroffen war, konnte man diese Jahre als sorglos empfinden. Es war ein einfaches, aber geordnetes Leben. Erst in den 80er-Jahren begannen einige, in Sachen Wohlstand davonzugaloppieren. Die subjektive Unzufriedenheit ist heute größer als früher, weil die Schere zwischen Arm und Reich aufgegangen ist. Es gibt inzwischen wieder eine Mao-Nostalgie. Im Rückblick glorifizieren die Menschen die 70er. Da habe es diese Ungleichheit nicht gegeben, den Neid nicht und keine Gier.

STANDARD: Hat das Ende des Glaubens an den Maoismus in den Menschen eine Leere hinterlassen?

Yang: Zweifellos. Mao brach mit allen Traditionen. Das Einzige, was in den Köpfen herrschen sollte, war seine Ideologie. Nach der wirtschaftlichen Erholung wird der Ersatzgott Mao jetzt von einer anderen Ersatzreligion abgelöst, dem Geld. Aber weder der Marxismus chinesischer Ausprägung noch der Materialismus vermag den Menschen ideelle Befriedigung zu verschaffen. Deswegen befindet sich die Mittelschicht auf der Suche nach neuen Werten. Es gibt viele Anzeichen alternativer Gegenbewegungen. Mit den Waldorfschulen in China ist eine kleine, sich schnell verbreitende Bio-Bewegung entstanden. Und es gibt Menschen, die aussteigen und in die Berge ziehen.

STANDARD: Gegen Ende Ihres Buches wirken Sie enttäuscht, dass der Kapitalismus dem Land keine Demokratie bescherte. Warum scheiterten alle Ansätze?

Yang: Viele Menschen, die in China auf die Straße gehen, rufen zunächst nicht nach Demokratie. Sie protestieren gegen Enteignung oder Umweltverschmutzung, gegen konkrete Missstände. Es gibt den Wunsch nach Rechtssicherheit und weniger Korruption. Aber die Menschen wollen nicht unbedingt wählen. Es mangelt an Verständnis, was Demokratie bedeutet. Im Westen wird das zu wenig differenziert gesehen. Da heißt es immer nur, es gebe Diktaturen oder Demokratien und die Menschen, die von der Diktatur genug hätten, wollten Demokratie.

STANDARD: Empfinden Sie es als diskriminierend, wenn es heißt, Demokratie sei für ein Land wie China nicht geeignet ...

Yang: Demokratie ist ein universeller Wert. Aber in China sind die Voraussetzungen dafür noch nicht da. Einige sagen, setzte man in China von heute auf morgen demokratische Wahlen an, würde ein zweiter Mao gewählt werden. China sollte in langsamen Schritten eine Zivilgesellschaft aufbauen. Man kann nicht ein neues System über das Land stülpen und hoffen, das würde Probleme lösen. Man braucht ein besseres Rechtssystem und mehr Meinungsfreiheit. Wenn diese Voraussetzungen geschaffen sind, kann sich ein Verständnis für Gerechtigkeit und Bürgerbewusstsein bilden.

STANDARD: "Keiner sprach über die Proteste", schreiben Sie über die Proteste auf dem Tiananmen-Platz.

Yang: Diese Proteste sind immer noch das brisanteste Thema. Es wird mehr totgeschwiegen als die Kulturrevolution. 2014 jährten sich die Proteste zum 25. Mal. Damals war monatelang der Eintrag "1989" im chinesischen Internet-Lexikon verschwunden. Man hatte einfach ein ganzes Jahr gelöscht. Die Internet-Kontrollen wurden um den Jahrestag verschärft. Und die Hinterbliebenen, die Mütter der Opfer des Massakers, wurden unter Hausarrest gestellt. Man versuchte, eine kollektive Amnesie zu schaffen.

STANDARD: Chinesische Dissidenten kritisieren, dass westliche Politiker bei Besuchern kaum noch Demokratie und Menschenrechte ansprechen. Gibt es eine Erwartung an den Westen vonseiten Chinas?

Yang: Ja, viele erwarten vom Westen, dass er eine Vorbildfunktion einnimmt. Erfüllen aber vermag er ihn längst nicht mehr. Es berührte mich, als ich in dem chinesischen Dorf Wukan Fischersöhne traf, die fasziniert vom Westen waren. Mit leuchtenden Augen sprachen sie von Freiheit und Demokratie. Von Guantánamo, NSA und CIA-Folter hatten sie nicht viel mitbekommen. Einer der bedrohlichsten Trends für mich ist, dass der Westen seine eigenen Werte untergräbt.

STANDARD: Blicken Sie pessimistisch in die Zukunft Chinas?

Yang: Mit großem Optimismus sehe ich nicht in die Zukunft. Schon vor 20 Jahren gab es Vorhersagen, dass das System zusammenbrechen werde, dass dann die Demokratisierung komme. Das ist nicht eingetroffen. Allerdings spüre ich einen Willen zur Veränderung. Wenn sie in der Lage sind, mit Höchstgeschwindigkeit neues Know-how aufzusaugen, warum sollten sie nicht auch die Gesellschaft verändern können? Viele Kader schicken ihre Kinder zum Studium ins Ausland. Wenn sie dort den klügsten Menschen der Welt begegnen, kommen sie nicht zurück und machen so weiter wie bisher. (Ruth Renée Reif, 13.6.2015)

Xifan Yang, geb. 1988 in der chinesischen Provinz Hunan, kam mit fünf Jahren nach Deutschland. Sie ging in Freiburg im Breisgau zur Schule und verbrachte viele Sommerferien in China. Nach dem Studium der Psychologie in München besuchte sie die Deutsche Journalistenschule. Seit 2011 lebt sie als freie Autorin in Schanghai. "Als die Karpfen fliegen lernten. China am Beispiel meiner Familie" (Hanser, 2015) ist ihr erstes Buch.

  • Die Deutsch-Chinesin Xifan Yang besuchte die Journalistenschule in München und lebt seit 2011 wieder in Shanghai.
    foto: david høgsholt

    Die Deutsch-Chinesin Xifan Yang besuchte die Journalistenschule in München und lebt seit 2011 wieder in Shanghai.

  • Xifan Yangs Erstling "Als die Karpfen fliegen lernten" (Hanser, 2015).
    foto: hanser

    Xifan Yangs Erstling "Als die Karpfen fliegen lernten" (Hanser, 2015).

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