Ein wankendes, flügelloses Windkraftwerk in Stanitzelform

Ansichtssache13. Juni 2015, 10:00
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Ein spanischer Erfinder will aus oszillierenden Kegeln günstige erneuerbare Energie gewinnen

Alte Filmaufnahmen einer Hängebrücke, die unter der unbändigen Kraft von Sturmböen erst wippt und schaukelt und schließlich einstürzt, haben ihn während seines Studiums der Ingenieurwissenschaften fasziniert, sagt der Spanier David Yáñez.

"Man konnte sehen, wie dieses Bauwerk ohne Getriebe oder Lager riesige Mengen an Windenergie aufnehmen konnte", sagt Yáñez den Reportern von Reuters. Irgendwann setzte er sich in den Kopf, die Kraft doch bändigen zu wollen. Das windige Chaos in nutzbare Energie umzuwandeln.

vortex bladeless

Eine erste Idee nahm sich das Konzept einer an einem Mast flatternden Fahne zum Vorbild. Theoretische Überlegungen und Versuche mit Modellen führten schließlich zur Bauart jenes Kraftwerks, das Yáñez nun in Form eines Prototyps vorstellte: ein äußerst schmaler, hoher Kegel, der auf seiner Spitze steht und angetrieben von Luftströmungen in geringem Radius kreisförmig rotiert.

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foto: reuters/sergio perez

Dem fernen Beobachter erscheint die Oszillation, als wanke die konische Vorrichtung in beharrlicher Regelmäßigkeit wie der Zeiger eines rastlosen Metronoms nach links und rechts und wieder zurück. An seinem unteren Ende überträgt der aus Fiberglas und Karbonfasern gefertigte Kegel die Bewegungsenergie an einen Generator, um Strom zu erzeugen. Magneten in der Fassung am Fundament sollen die kinetische Energie noch verstärken. Keine Flügel drehen sich im Wind.

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foto: reuters/sergio perez

Und das hat gegenüber herkömmlichen Windkraftanlagen fast nur Vorteile, sagt Raúl Martín, ehemaliger Studienkollege von Yáñez und stellvertretender CEO des inzwischen für die Entwicklung gegründeten Unternehmens Vortex Bladeless: Kein Lärm störe Anrainer, keine Vögel werden Opfer der Rotorblätter, und zudem sei der produzierte Strom um 40 Prozent günstiger als jener der derzeit üblichen Windkraftwerke – auch wenn ein einzelner Pfosten rund 30 Prozent weniger Energie erzeugt als ein Windrad.

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foto: reuters/sergio perez

Die Herstellungskosten sollen dafür nur bei der Hälfte der derzeitigen Kraftwerke liegen und die Instandhaltungskosten sogar 80 Prozent niedriger sein. Und auch weniger Grundfläche bedarf der Vortex. Werden mehrere Exemplare entsprechend knapp nebeneinander platziert, könnten sich die Verwirbelungen sogar gegenseitig verstärken und die Anlage noch effizienter machen, spekulieren die Entwickler.

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foto: reuters/sergio perez

Bis vor kurzem sammelten Yáñez, Martín und der dritte Vorstand David Suriol auf der Crowdfundingplattform Indiegogo Geld für ihren Plan, den patentierten Prototyp zur Serienreife zu führen. Die auf Indiegogo zum Ziel gesetzten 50.000 US-Dollar wurden in elf Tagen erreicht, doch in Wahrheit ist diese Aktion wohl eher auf Publicity ausgerichtet als auf das große Investitionskapital. Denn laut "Wired" hatten die Entwickler schon zuvor durch private Geldgeber und öffentliche Förderungen eine Million Dollar zusammengetragen. Und ein US-Investmentfonds stellte jüngst gar fünf Millionen Dollar in Aussicht.

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foto: reuters/sergio perez

Erst will Vortex Bladeless 100-Watt-Anlagen von drei Metern Höhe herstellen, deren Produktion nur 250 Euro kosten soll und die auch auf Dächern installiert werden können. Später sollen 150 Meter hohe Säulen in ganzen Windparks aus dem Boden ragen, so Yáñez' Vision. Ein einziger Kegel könnte je nach Wirbelstärke der Winde in der Region bis zu 400 Einfamilienhäuser mit Strom versorgen, rechnen er und seine Kollegen vor. (Michael Matzenberger, 12.6.2015)

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