Nova Rock: Rot-blaue Annäherung im pannonischen Feld

12. Juni 2015, 12:06
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Bis zu 100.000 Menschen schwitzen am Wochenende bei Österreichs größtem Rockfestival im burgenländischen Nickelsdorf. In Jahr elf des Bestehens gibt es musikalisch kaum Neues, wirtschaftlich schon

Nickelsdorf – Rot-Blau wird im Burgenland dieser Tage nicht nur in der Landeshauptstadt zum favorisierten Farbenspiel. Abseits der politischen Bühne martern an diesem Wochenende bis zu 100.000 Menschen ihre Körper in den pannonischen Feldern vor Nickelsdorf. Zum elften Mal findet dort Österreichs größtes Rockfestival statt. Und dank maximaler Sonnen- und Alkoholbehandlung wird rot, blau oder gar koaliert sein auch in der burgenländischen Provinz zum Kollektivzustand.

Gar so neu ist diese Farbenlehre am Nova-Rock-Festival freilich nicht. Denn Rot-Blau hatte hier seit jeher auch musikalische Relevanz. Seit 2007 unterteilt der Veranstalter sein Musikprogramm – selbst für mental gebeutelte Rockfans kaum zu verwechseln – in Blue Stage und Red Stage. Die klangliche Ausrichtung ändert sich von Tag zu Tag: Wenn auf der einen Bühne harte Sachen auf gestählte Ohren niederfahren, spielen auf der anderen all jene Acts, die nicht in den Heavy-Metal-Setzkasten passen. Das bleibt auch 2015 so.

Rot-blaue Annäherung und grüne Tupfen

Geändert hat man aber die Lage der Bühnen. Der bisher recht zehrende Canossagang zwischen den Stages ist Geschichte, nur mehr 200 Meter trennen Rot und Blau. Da die Bühnen in verschiedene Richtungen schallen, bleibt die Lärmüberschneidung im Rahmen. Ausgebaut wurden VIP-Bereiche, kulinarisch verstärkt man Vegetarisches und zaubert erstmals ein Wiener Kaffeehaus mit Kaiser-Nostalgie aus dem Hut. Green-Camping-Angebote für Umweltbewusste – bei anderen Festivals längst etabliert – kommen 2015 auch in Nickelsdorf in Mode.

Die Neustrukturierung, die Veranstalter Ewald Tatar vom österreichischen Festival-Platzhirschen Skalar Entertainment dem Gelände verpasste, hat wohl auch mit der veränderten Konkurrenzsituation auf dem Markt zu tun. Denn mit dem am vergangenen Wochenende auf der Donauinsel uraufgeführten "Rock in Vienna" drängt der deutsche Veranstalter DEAG ins Skalar-Refugium. Für zwei Festivals mit ähnlichem Line-up innerhalb einer Woche, die zudem nur eine Autostunde trennt, sei in Österreich aber kein Platz, meinte Tatar im Vorfeld.

Lebensversicherung Campingexzess

Dass der Festivalneuling auf der Donauinsel mit komfortabler U-Bahn-Anfahrt und Wassertoilette punkten will, ist kein Geheimnis. Nova Rock versucht das mit eigenen Luxusgoodies wettzumachen. Ob es das wirklich braucht, ist fraglich. Denn die Lebensversicherung des Nova Rock ist nach wie vor der organisierte Campingexzess, der auf der Donauinsel nicht sein darf. Zum Wohlergehen der bebenden Zeltstadt – böse Zungen sprechen von Karnickelsdorf – sorgen die Veranstalter mittlerweile für fast alles. Wo nicht, dort warnt man vor: "Wir bitten zu bedenken, dass Verhütungsmittel sowie die 'Pille danach' vom Roten Kreuz nicht ausgegeben werden." Zudem sind Selfie-Sticks verboten.

Musikalisch gibt es im elften Jahr des Festivals wenig Neues, viele Hauptacts zählen beinahe zum Inventar. Junge Überflieger? Fehlanzeige. Am Rock nagt der Zahn der Zeit. Slipknot, Motörhead und Die Toten Hosen geben als Headliner ein ehrwürdiges Legendentreffen ab. Dass die 1980 gegründeten Hardrock-Ungustln Mötley Crüe überhaupt noch einmal in Urbesetzung in Österreich zu sehen sind, grenzt allerdings an ein Wunder. Die Ankündigung der Skandaltruppe, nach der aktuellen Tour das Bandsein sein zu lassen, legen nahe, sich deren Auftritt in Erinnerung zu behalten.

Scooter, Deichkind und Die Fantastischen Vier

Die deutschen Hip-Hop-Combos Deichkind und Fanta Vier, die wie das Farin Urlaub Racing Team weniger harte Töne anschlagen, haben zumindest neue Alben im Gepäck. Und damit nach den jeweiligen Headlinern des Abends nur ja niemandem das Gesicht einschläft, hat man (wie mit David Hasselhoff im Vorjahr) wieder als "Late Night Specials" umschriebene Jux-Auftritte im Programm: Rave-Halbgott H. P. Baxxter (Scooter) darf am Freitag Dorfdisco-Veteranen an dunkle Zeiten erinnern, und Wolfgang Ambros gibt am Samstag die Tote-Hosen-Nachband. Für den Veranstalter gilt: Wien darf nicht Nickelsdorf werden. (Stefan Weiss, 12.6.2015)

Line-up

novarock.at

  • Bis zu 150.000 Fans erwartet das Nova Rock im elften Jahr. Konkurrenz drohte diesmal aus Wien.
    foto: apa/herbert p. oczeret

    Bis zu 150.000 Fans erwartet das Nova Rock im elften Jahr. Konkurrenz drohte diesmal aus Wien.

  • Die US-amerikanischen Hardrock-Urgesteine Mötley Crüe spielen erstmals am Nova Rock. Die Skandaltruppe hat angekündigt, sich nach der Tour aufzulösen.
    foto: reuters

    Die US-amerikanischen Hardrock-Urgesteine Mötley Crüe spielen erstmals am Nova Rock. Die Skandaltruppe hat angekündigt, sich nach der Tour aufzulösen.

  • nova rock festival

    Der Trailer zum diesjährigen Nova Rock.

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