Stockholm: Mit dem Kajak rund um den Kungsholmen

16. Juni 2015, 05:30
4 Postings

Stockholm ist prädestiniert für Rundfahrten auf dem Wasserweg. Wer im Kajak sitzt, bestimmt selbst, wie schnell er in der Stadtgeschichte von Alfred Nobel zu Abba kommt. Und über den nächsten Picknickplatz entscheidet nicht der Guide, sondern die Strömung

Treffpunkt ist die U-Bahn-Station Aspudden. Daniel, begeisterter Kajakfahrer und Weltenbummler mit Waschbrettbauch, begrüßt drei Iren, zwei Schweden und zwei Deutsche. Sie wollen Stockholm sehen – vom Wasser aus.

Daniel führt seine Gäste durch ein Stück Wald hinunter in die Winterbucht. "Hier stand früher die Sprengstofffabrik von Alfred Nobel", erzählt er. Im 19. Jahrhundert hat der spätere Stifter des Nobelpreises auf dieser Landzunge mit Dynamit experimentiert. Heute ist der friedliche Park ein Ausflugsziel für Erholungsuchende.

Wasser macht gut 30 Prozent der Stadtfläche von Stockholm aus. Das Gemeindegebiet teilt sich auf vierzehn Inseln auf, die durch 53 Brücken miteinander verbunden sind.

Im Bootshaus verteilt der Kajakguide wasserdichte Taschen und Spritzdecken, die um die Hüfte gewickelt werden. Dann nimmt er ein Paddel in seine Hände und demonstriert, wie man es kräftesparend ins Wasser sticht. Der Einstieg ins Boot ist wackelig, das Kajak verhält sich wie ein bockendes Pferd. Sobald man einen Fuß hineinsetzt, scheint es sich zu wehren, indem es auf die andere Seite kippt. Daniel hilft, bis alle in ihren Booten sitzen, allein oder zu zweit. Nach ein paar Manövern zur Übung geht es auf dem Ritterfjord an Enten vorbei direkt in Richtung Innenstadt.

Lachsfischen in der City

Wasser macht gut 30 Prozent der Stadtfläche von Stockholm aus. Das Gemeindegebiet teilt sich auf vierzehn Inseln auf, die durch 53 Brücken miteinander verbunden sind. Die schwedische Hauptstadt ist wie geschaffen für Sightseeing vom Wasser aus. Obendrein sind die Kanäle und Buchten so sauber, dass man selbst im Zentrum Lachse fischen kann.

Eine leichte Brise weht beim Paddeln feine Gischt ins Gesicht. Hin und wieder tuckert ein Ausflugsboot vorbei und verursacht kleine Wellen, die sanft auf den Boden des Kajaks klatschen. Während man die dicht bewaldeten Ufer passiert, hat man so ganz und gar nicht den Eindruck, sich gerade dem Zentrum einer 800.000-Einwohner-Stadt zu nähern. Doch es geht nur noch unter einer Brücke hindurch und weiter in einen engen Kanal. An den Kaimauern parken die Boote bereits so dicht aneinander wie anderswo Autos. Am Ende des Fjords liegt die City.

Die Türme der Nikolaikirche und der königlichen Begräbniskirche Riddarholm ragen vom Ufer wie überdimensionale Zeigefinger in den Himmel. Vom Kajak aus betrachtet, erscheinen sie noch viel höher. In drei Stunden kann man die gesamte Insel Kungsholmen, auf der das Rathaus steht, umrunden. Im Stadshus findet jedes Jahr im Dezember die Nobelpreis-Feier statt, an der auch die Königsfamilie teilnimmt. Es lohnt sich, den Turm dieses Ziegelgebäudes mit seinen 365 Stufen zu erklimmen. Von oben hat man einen famosen Blick auf die autofreie Altstadtinsel Gamla Stan.

Abba zur Wachablöse

Vor dem Königlichen Schloss, erbaut im italienischen Barockstil, wird jeden Wochentag eine Viertelstunde nach Mittag die Wachablöse zelebriert, begleitet von einem Orchester. Je nach Lust und Laune der Musiker wechselt das Programm: Anstelle von Marschmusik erklingt schon mal ein Song von Abba. Zu Ehren Schwedens erfolgreichster Popband wurde in der Stadt 2013 das überaus populäre Abba-Museum auf der Insel Djurgården eröffnet.

Einen einmaligen Kunstschatz birgt das Vasa-Museum auf derselben Insel: ein Schiff aus dem frühen 17. Jahrhundert, das mit hunderten Skulpturen verziert ist. Die 61 Meter lange und mit zehn Segeln ausgestattete Vasa sank 1628 gleich auf der Jungfernfahrt in den Stockholmer Schären und wurde erst 333 Jahre später geborgen.

foto: stockholm media bank / henrik trygg
53 Brücken gibt es in Stockholm für Kajakfahrer von unten zu sehen. In gut drei Stunden hat man die gesamte Königsinsel, Kungsholmen, umrundet.

Auf den einzelnen Inseln anzulanden ist aber oft gar nicht so einfach. Zwischen Södermalm und der Altstadt trennt eine Schleuse das Süßwasser des Mälarsees vom Salzwasser der Ostsee. "Dort gibt es zu gewissen Zeiten gefährliche Strömungen", sagt Daniel. Damit die Kajaks nicht kentern, will er vorerst lieber umkehren und die üppig grüne Insel Långholmen ansteuern. Es ist ohnehin höchste Zeit für die Fika. Möglichst fünfmal täglich legen die Schweden diese Kaffeepause ein – oft bis in den späten Abend hinein.

Im flachen Wasser vor der ehemaligen Gefängnisinsel Långholmen ist das Anlegen kein großes Ding. Die Kajaks lassen sich ohne Kraftaufwand an den Strand ziehen, den die Stockholmer gerne für ein Picknick nutzen. Im Gras sitzen zwei Frauen und prosten einander mit Bierflaschen zu, unmittelbar daneben streichelt ein Glatzkopf gerade das Dekolleté seiner Freundin. Rasch haben die Kajakfahrer die Gummischürzen abgelegt und ihre belegten Knäckebrote ausgepackt.

Wo der Sauerteig wohnt

Die Schweden lieben nicht nur Knäckebrot, sondern offensichtlich auch Sauerteig. In den letzten Jahren ist es en vogue geworden, zu Hause eigene Sauerteigkulturen zu züchten und daraus Brot zu backen. Auch Daniel pflegt seinen Teig, als wäre er ein Haustier. "Man muss ihn täglich mit Mehl und Wasser füttern, damit er aufgeht", sagt er. "Wenn ich länger weg bin zum Paddeln, macht das mein Vater – er hat immerhin Bäcker gelernt." Im Stadtteil Södermalm ist aus diesem Trend bereits eine Geschäftsidee entstanden. Das Sauerteighotel der Bäckerei Urban Deli nimmt vorübergehend verwaiste Teige gegen eine kleine Gebühr in seine Obhut.

Noch bevor die Sonne wie ein Teigklumpen in Wasser plumpst, wollen die Paddler zurück sein in der Winterbucht. Der Gegenwind fordert die Muskeln, doch selbst die, die nie zuvor in einem Kajak saßen, kommen jetzt besser voran. Gut so, denn rund um Stockholm warten noch tausende Schäreninseln auf eine Erkundung. (Monika Hippe, 14.6.2015)

Anreise & Info

Direktflüge Wien–Stockholm mit Austrian oder Ethiopian Air.

Übernachtung: z. B. im Pophouse Hotel (www.pophousehotel.se ), direkt über dem Abba-Museum auf der ruhigen Insel Djurgården mit guter Anbindung an die Öffis. Doppelzimmer ab rund 150 €

Kajak-Touren: Stockholm Adven tures (www.stockholmadventures.se) bietet Paddeltouren ab rund 28 €; oder direkt bei Söder Kajak unter: www.soderkajak.se

Allgemeine Infos: Visit Stockholm: www.visitstockholm.com

Diese Reise erfolgte auf Einladung von Visit Sweden (www.visitsweden.com).

Share if you care.