Todesfälle unter Bankern: Diskussion über Stress und Arbeitszeit

15. Juni 2015, 13:00
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Ein 22-jähriger Analyst wurde tot in seiner Wohnung gefunden. US-Medien fragen indes, ob die Branche tödlicher als andere ist

"Es ist zu viel. Ich habe zwei Tage nicht geschlafen und morgen früh ein Meeting, ich muss eine Präsentation fertigmachen, mein Vorgesetzter ist genervt, und ich sitze alleine in meinem Büro", habe Sarvshreshth Gupta seinem Vater um zwei Uhr nachts am Telefon noch erzählt. Das geht aus einem Blogeintrag hervor, den der Vater mittlerweile gelöscht hat. Wenige Stunden später war sein 22-jähriger Sohn, Analyst bei Goldman Sachs in San Francisco, tot. Warum er starb, ist bislang noch unbekannt.

Die New York Times rekonstruiert die letzten Stunden und die Bedingungen, unter denen Gupta gearbeitet hat. Schon die Wochen zuvor sprach Gupta demnach oft mit seinem Vater über zu viel Stress. Im März kündigte er sogar, aber eine Woche später war er bereits zurück. Zuerst konnte er etwas weniger arbeiten, mit den Vorgesetzten sprach er über Work-Life-Balance, bald war alles wieder beim Alten.

Der Tod bei Goldman Sachs ist aber nicht der einzige in letzter Zeit. Ein 29-jähriger Banker wurde vor wenigen Wochen tot aufgefunden. Er fiel von einem Gebäude in Manhattan, hatte Drogen im Blut. Auch dessen Vater zeigte sich in Interviews ratlos über Ursachen, merkte nur an, dass sein Sohn unglaublich viel gearbeitet habe.

Arbeitsbelastung steigt wieder

"Gibt es eine Selbstmordseuche an der Wall Street?", titelte Fortune bereits Ende letzten Jahres, nachdem seit Sommer mehrere Selbstmorde von Bankern auf der ganzen Welt publik wurden. Die vermehrten Tode seien aber kein Phänomen der letzten Jahre, wird in der Analyse ersichtlich: bereits Daten aus den 1920ern zeigen, dass auch während der Great Depression viele verzweifelte Banker keinen anderen Ausweg mehr sahen.

Nachdem es nach der Krise in der Branche wieder bergauf geht, nimmt auch der Workload für Mitarbeiter wieder höhere Dimensionen an. Hier vermuten viele eine Erklärung.

Auch der Tod des Deutschen Moritz Erhardt wird oft genannt, wenn es um vermeintliches "Sich-zu-Tode-Arbeiten" geht. Der 21-Jährige starb im Sommer 2013 an einem epileptischen Anfall. Was blieb, war aber die Frage, ob die langen Nächte im Büro in der Londoner City, die er laut Familien und Freunden oft einlegte, den tödlichen Anfall erst auslösten. Der Todesfall hatte deshalb auch ein gerichtliches Nachspiel - die Gerüchte, wonach Erhardt vor seinem Tod 72 Stunden durcharbeitete, konnte sein Arbeitgeber nicht kommentieren. Es gebe kein geregeltes System zur Zeitmessung.

"Nine to five" - aber anders

Viele Banken reagierten seither - bis zu zehn Prozent mehr Juniorstellen werden besetzt, um die Belastung zu minimieren. Auch "Anti-Stress-Regeln" fanden teilweise Einzug: keine Arbeit am Wochenende. Die Frage ist dabei nicht nur, ob ein freier Tag auf diesem generell sehr hohen Stresslevel für Beruhigung sorgt, sondern auch, wer sich daran hält. "Nine to five, bad" ist noch immer ein Insider-Schmäh unter Investmentbank-Praktikanten für einen Arbeitstag bis fünf Uhr morgens. Sie hätten ja doch nur einen "Nine-to-five-Job", scherzen sie untereinander.

Es ist wahrscheinlich auch die Mentalität der sogenannten High Potentials, die Teil des Problems ist. Ein ausführlicher Artikel im Spiegel hob diesen Aspekt nach Erhardts Tod hervor: Besucht wurden seine ehemaligen Hochschulen, Eliteschmieden, in denen alle nur die Besten sein wollen. Teamgeist und Anpassungsfähigkeit würden belohnt - Kritik eher nicht. Man lerne bereits hier, mit Druck umzugehen.

Seit dem Tod des Deutschen hüllen sich die großen Banken in Schweigen, wenn es um die Arbeitszeit junger Mitarbeiter geht. Die Praktikanten selber sprechen auch nicht gerne darüber - niemand, der auf einen fixen Job hofft, würde Auskunft geben, richten sie den Medien aus. (lhag, 15.6.2015)

Rat und Hilfe im Krisenfall bietet die Psychiatrische Soforthilfe: 01/313 30 (täglich 0-24 Uhr)

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New York Times

Fortune

Spiegel

  • Oft wird sie als Synonym für die Finanzbranche und den vorherrschenden Druck gesehen: die Wall Street. Seit letzter Woche fragen US-Medien wieder, ob die Finanzbranche tödlicher als andere ist.
    foto: reuters

    Oft wird sie als Synonym für die Finanzbranche und den vorherrschenden Druck gesehen: die Wall Street. Seit letzter Woche fragen US-Medien wieder, ob die Finanzbranche tödlicher als andere ist.

  • Banker auf dem Weg in die Londoner City - wie der Finanzdistrikt dort genannt wird. Der deutsche Moritz Erhardt absolvierte hier im Sommer 2013 ein Praktikum in einer Investmentbank. Der Tod des 22-Jährigen sorgte für Diskussionen zur Arbeitszeit.
    foto: reuters

    Banker auf dem Weg in die Londoner City - wie der Finanzdistrikt dort genannt wird. Der deutsche Moritz Erhardt absolvierte hier im Sommer 2013 ein Praktikum in einer Investmentbank. Der Tod des 22-Jährigen sorgte für Diskussionen zur Arbeitszeit.

  • Ein Gemälde in der Londoner City. Selbstmorde unter Bankern seien kein Phänomen der letzten Jahre, schreibt Fortune in einem Artikel über zunehmende Tode der letzten Jahre. Auch während der Great Depression Ende der 1920er weisen die Statistiken mehrere Todesfälle auf.
    foto: reuters

    Ein Gemälde in der Londoner City. Selbstmorde unter Bankern seien kein Phänomen der letzten Jahre, schreibt Fortune in einem Artikel über zunehmende Tode der letzten Jahre. Auch während der Great Depression Ende der 1920er weisen die Statistiken mehrere Todesfälle auf.

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