Heile die Welt: Kunst denkt ans Morgen

11. Juni 2015, 18:03
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Die erste Vienna Biennale ist ein Cluster von Ausstellungen, denen allein das Denken in Richtung Zukunft gemein ist: Arbeit, Know-how, Städte und Regionen von morgen. Versuch einer ersten Orientierung

Wien – Ist zu viel Licht – und daher womöglich zu viel Wärmeentwicklung –, gehen die Jalousien im Büro automatisch zu; zum Glück kann man diese plötzliche Düsternis noch selbst – per Knopfdruck – in Helligkeit zurückverwandeln. An das Licht von Aufklärung, Vernunft und Erkenntnis hat man bei diesem technischen Schauspiel allerdings noch nie gedacht. Dabei wäre es so einfach, sich im Alltag philosophisch anstoßen zu lassen. Im Museum sind die Jalousien hingegen bunt und zu einer raumgreifenden Installation arrangiert: Die Vienna Biennale Ideas for Change empfängt Besucher im Museum für angewandte Kunst regelrecht mit diesem Licht-Schatten-Objekt von Haegue Yang, einem Sinnbild für das kontrollierte Maß an Transparenz.

"Wir müssen froh sein, dass es die Reichen gibt; so können wir in ihren Schatten wandeln", spielt eine weitere, sehr gute Arbeit (Ane Hjort Guttu) ironisch auf die Regulierung des Lichtgutes an: Die Sonne scheine eben doch nicht für jeden gleich. Future Light heißt die Ausstellung dazu, in der Kuratorin Maria Lind sich ausgehend von der Lichtverliebtheit einer Transparenzgesellschaft mit dem Dämmern einer "neuen Aufklärung" beschäftigt: Der Kunst komme dabei die reflexive Eigenschaft zu, ihr Licht sei opak, sie selbst ein Seismograf, orte Utopien und Dystopien der Zukunft. Kurz: Der Glaube an die gesellschaftsrelevante Kraft von Kunst in Linds Konzept ist enorm – wie generell in dieser Vienna Biennale zum "positiven Wandel". Um relevant zu sein, bräuchte es aber eine breite gesellschaftliche Legitimierung.

Betonbauklötzchen im Stadtlabor

Interdisziplinarität lautet der Anspruch der Biennale, doch statt Durchdringung und gegenseitiger Inspiration scheint es eher ein Nebeneinander zu geben. Links der zentralen Kunst-Kunstschau: Architekturvisionen zu Megacitys, rechts: angewandte Labors. 2051: Smart Life in the City breitet Utopien wie in einem bunten Folder auf, Betonbauklötze bilden urbane Strukturen. "Demonstratoren" stellen hier ihre Gedanken vor, etwa über eine Schule gegenseitigen Lernens oder Banken ohne Spekulation.

Was gibt es noch? Etwa ein Bildermanifest zur Zukunft der Arbeit auf der Galerie der Säulenhalle, das Slogans wie "Arbeit darf nicht Luxus werden" entwirft und gedanklich anreißt. Dieser Fokus könnte, mutmaßte Mak-Direktor Thun-Hohenstein, 2017 ein Schwerpunkt der Vienna Biennale sein. Arbeit in der Non-Stop-Gesellschaft ist auch ein Thema der dieses Manifest ergänzenden Schau 24/7: the human condition.

Uneven Growth, die bereits erwähnte Ausstellung zum Wachstum der Megastädte, präsentiert die Ergebnisse von Workshops, in denen sich Wissenschafter mit Zukunftsszenarien für sechs Metropolen befassten. Für Rio de Janeiro entwickelte man zum Beispiel einen Katalog von Gegenständen, die das Leben einfacher oder schöner machen sollen, etwa gläserne Ziegelsteine für die Extraportion Licht im Zimmer.

Übersehene Metropolen

Keine Wissenschafter-, sondern Künstlerblicke präsentiert indes Mapping Bucharest. Kurator Peter Weibel lädt in der Ausstellung dazu ein, die Hauptstadt Rumäniens durch "das Prisma oder Vergrößerungsglas der Kunst" zu betrachten. In den ausgewählten Arbeiten vermitteln sich nicht nur Eindrücke soziopolitischer Umstände, man bekommt auch ein Gefühl für die Metropole. Vertreten ist etwa der unermüdliche Politkommentator Dan Perjovschi. Oder Ion Grigorescu, der mit aktionistischen Videos Schnittstellen zwischen Körper und Lebenswelt erkundet.

In 33 – auch historischen – Positionen, die eher assoziativ, sogar etwas chaotisch angeordnet sind, erlebt man Kunst, die bei allem Avantgardismus engen Kontakt zur Lebenswelt hält. Ja, wenn es nach Weibel geht, macht die rumänische Kunst mit der selbstbezüglichen Arbeitsweise westlicher Künstler Schluss. Mit seiner Ausstellung will er indes jenen "Eisernen Vorhang" heben, der in unseren Köpfen weiterexistiert habe: Wir wüssten alles über die Kunst aus Amerika, aber kaum etwas über die Kunst aus Osteuropa. Auch ein Wandel. (Anne Katrin Feßler, Roman Gerold, 11.6.2015)

Orte und Ausstellungen

  • Museum für angewandte Kunst (Mak) "Mapping Bucharest: Art, Memory, and Revolution 1916-2016", "2051: Smart Life in the City", "Uneven Growth: Tactical Urbanisms for Expanding Megacities", "Future Light: Escaping Transparency", "Die Kunst zu arbeiten. Handeln in der Digitalen Moderne" , "24/7: the human condition"
  • Kunsthalle Wien "Future Light: Pauline Bou-dry / Renate Lorenz. Loving Repeating"
  • Architekturzentrum Wien (AzW) "aspern International. Ideas for Change: ein internationaler Blick"
  • Universität für angewandte Kunst / öffentlicher Raum "Performing Public Art Festival"

Vienna Biennale, 11. 6. bis 4. 10.; detailliertes Programm (Workshops, Panels, Performances)

Weiterlesen: Vienna Biennale: Ein Labor-Bündel bringt die Stadt auf Temperatur - Über das Warum der ersten Wiener Biennale

  • "Ausmisten": Skizze des Duos Wermke Leinkauf, die am Performing Public Art Festival der Angewandten teilnehmen.
    foto: wermke leinkauf

    "Ausmisten": Skizze des Duos Wermke Leinkauf, die am Performing Public Art Festival der Angewandten teilnehmen.

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