Französische Soldaten: Essensgeschenke an Kinder für Sexdienste

12. Juni 2015, 12:24
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In der Zentralafrikanischen Republik sollen Soldaten Waisen missbraucht haben. Die Vorwürfe werden nur langsam verfolgt

Die französische Armee wird ihrem Beinamen "die große Stumme" ("la Grande Muette") wieder einmal gerecht: Mit betretenem Schweigen begegnet sie Vorwürfen, die schon mehr als ein Jahr alt sind - dafür sind sie aber gravierend: In einem Flüchtlingslager der Zentralafrikanischen Republik sollen französische, zu einem geringen Teil auch tschadische und guineische Soldaten im vergangenen Jahr 14 Minderjährige vergewaltigt haben. Die Knaben waren damals neun bis 15 Jahre alt, mehrheitlich wild lebende Waisen und damit ohne regelmäßige Nahrung in dem Lager M'Poko beim Flughafen der Hauptstadt Bangui. Wachsoldaten boten ihnen Essen – wenn sie sich für Anal- und Oralsex hergaben.

Die Vorwürfe stehen in einem bisher unveröffentlichten Uno-Bericht mit dem Titel "Sexueller Kindsmissbrauch durch die internationalen Truppen". Sie basieren auf Aussagen der Opfer. Die Schilderungen sollen Körpermerkmale wie Tätowierungen der beteiligten Soldaten beinhalten. Sie gehörten zur Militärmission Sangaris, die versucht, christliche und muslimische Milizen zu trennen.

Vertuschungsversuche

Das Schicksal des Uno-Berichts ist ein Lehrstück diplomatischer Vertuschungsversuche. Da das interne, im Juli 2014 erstellte Papier ohne Folgen blieb, informierte ein schwedischer Direktor des Hohen Uno-Kommissariats für Menschenrechte (UNHCR) die französische Armee. Diese entsandte drei Gendarmen nach Bangui. Einvernommen wurde aber keiner der Verdächtigen. Die Regierung in Bangui wurde nicht informiert. Bis der britische Guardian den Skandal im April publik machte.

Erst jetzt brach die französische Regierung ihr Schweigen – und entrüstete sich plötzlich über den Vorfall: Wenn die Vorwürfe zuträfen, hätten die Soldaten "Fahnenbeschmutzung" begangen, schimpfte Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian. Präsident François Hollande versprach "schonungslose" Aufklärung. Passiert ist bislang aber nicht viel.

Die Zeitung Libération prangerte an, dass Druck auf den Schweden Anders Kompass ausgeübt wurde, der den Uno-Bericht vor dem Versanden gerettet hatte. Le Parisien machte in dem Lager M'Poko zwei Opfer ausfindig. Einer der Jungen sagte, er habe für Oralsex Biskuits und Zuckerln erhalten: "Ich hatte Hunger, ich musste es tun." Die Jugendlichen erklären allesamt, sie seien von den französischen Ermittlern noch nie einvernommen worden.

Erst jetzt hat die Pariser Staatsanwaltschaft ein offizielles Strafverfahren eröffnet. Uno-Generalsekretär Ban Ki-moon hat eine Untersuchung durch externe Ermittler in Auftrag gegeben.

"Ziemlich üblich"

Das interne Kontrollbüro der Uno sieht auch andernorts das Prinzip Sex gegen Waren bei Blauhelmeinsätzen für "ziemlich üblich". In einem Bericht wurden Einsätze in Haiti und Liberia untersucht. In Haiti gaben 231 Befragte an, sie seien für Schmuck, Schuhe, Kleider, Handys, Fernseher oder andere Waren sexuelle Beziehungen mit Uno-Personal eingegangen. Einige Frauen sagten, sie seien hungrig, obdachlos oder hätten etwas für ihre Kinder benötigt. Am Montag wird der Bericht veröffentlicht. (Stefan Brändle aus Paris, 12.6.2015)

  • Französische Soldaten wie dieser in Bangui sollen Kinder in der  Zentralafrikanischen Republik sexuell missbraucht haben.
    foto: reuters/andreea campeanu

    Französische Soldaten wie dieser in Bangui sollen Kinder in der Zentralafrikanischen Republik sexuell missbraucht haben.

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