Hinteregger und Ilsanker, Nesthocker und Wandervogel

11. Juni 2015, 17:39
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Martin Hinteregger und Stefan Ilsanker werden am Sonntag gemeinsam versuchen, die Russen vom Tor fernzuhalten. Im Alltag sind sie fortan getrennt

Wien – Ein rein fiktives Gespräch zwischen Martin Hinteregger und seinem Enkelkind, nennen wir es der Einfachheit halber auch Martin. Die Szene spielt sich irgendwann in 35 oder mehr Jahren ab. In Salzburg, der Romantik wegen unterm Christbaum, der im Wohnzimmer eines schmucken Hauses steht. Draußen schneit es, drinnen duftet die Weihnachtsgans. Wie es damals war, als Fußballer, als Innenverteidiger, will der kleine, neugierige Martin wissen. Und der Opa holt wirklich nur kurz aus: "Ich habe 25 Titel mit Red Bull Salzburg gewonnen, bin leider sehr oft nicht in die Gruppenphase der Champions League gekommen. Aber ich habe mich immer wohlgefühlt."

Der fiktive Opa ist tatsächlich erst 22 Jahre alt. Er hat sich bis 2019 an Red Bull Salzburg gebunden, ist ein Nesthocker, kein Wandervogel. Hinteregger bereitet sich in Wien auf das vom Serben Milorad Mazic zu pfeifende Qualispiel am Sonntag in Moskau gegen Russland vor. Er ist bei Teamchef Marcel Koller in der Innenverteidigung gesetzt. Mit Aleksandar Dragovic bildet er ein nicht leicht überwindbares Duo. Dragovic wird in halb Europa angeblich und auch tatsächlich gehandelt, Hinteregger sagt hingegen: "Ich fühle mich wohl in Salzburg, man vertraut mir hier, ich habe einen Stammplatz, außerdem spiele ich regelmäßig international. Und mir geht es um Titel."

Sein Spezi Stefan Ilsanker ist in Salzburg auch nicht unglücklich gewesen. Ihm reichen zwei Doublegewinne hintereinander, der 26-jährige Mittelfeldspieler hat einen Schlussstrich gezogen. Er wechselte zum Partnerklub Leipzig in die zweit deutsche Liga. "Ich will noch etwas Anderes erleben, Neues kennenlernen, mich entwickeln." Wäre Red Bull Salzburg in einem anderen Land, in einer anderen Liga beschäftigt, "wäre ich geblieben. Ich blicke auf eine schöne Zeit zurück".

Neues Niveau

Ilsanker war einst an Mattersburg verliehen. "Trainer Roger Schmidt hat mich dann auf ein neues Niveau gehoben." Leipzig biete ein perfektes Gesamtpaket, der Aufstieg genieße Priorität: "Wenn Herr Mateschitz etwas will, erreicht er es auch. Ich will meinen Beitrag leisten." Die Anfeindungen von Fans anderer Klubs in Deutschland gegen Red Bull seien "einfach nur deppert."

Hinteregger hätte auch nach Leipzig wechseln können, wollte aber nicht. "Zumindest jetzt nicht. Der Vorstand von Salzburg hat mir versicherte, auch für die nächste Saison eine Champions-League-reife Mannschaft zusammenzustellen." Auf eine Ausstiegsklausel wurde verzichtet. "Aber mir legt man keine Steine in den Weg." Sebastian Prödl und Kevin Wimmer, Konkurrenten im Nationalteam, sind nach England übersiedelt, zu Watford und Tottenham. Hinteregger ist überzeugt, den Anschluss nicht zu verpassen. "In England gibt es Vereine, die nicht besser als zum Beispiel Rapid sind." Die österreichische Liga sei unterschätzt. "Rapid, Austria, Sturm und wir werden um den Titel spielen. Vielleicht wäre ein anderes Format, ein Playoff um die Meisterschaft besser."

Ilsanker sagt, er sei neugierig. In Moskau könnte er den verletzten David Alaba im zentralen Mittelfeld ersetzen. Am 15. November 2014, beim 1:0-Sieg im Happel-Stadion gegen die Russen, hat er diese Aufgabe souverän gelöst. Ein paar Tage später war er beim 1:2 gegen Brasilien dabei. "Eine unglaublich geile Woche, zwei Spiele, fast 100.000 Zuschauer." Ilsanker hat in der Vorbereitung "alles gegeben". Er hoffe, "dass ich Herrn Koller überzeugt habe". Was er in Moskau erwartet? "Das ganze Stadion wird gegen uns sein, doch wir sind so ein verschworener Haufen, dass wir auch dort bestehen können." Hinteregger sagt: "Es geht darum, einen weiteren Schritt zu machen."

Mehr Pokale

Hinteregger hat acht Länderspiele in den Beinen, Ilsanker sieben. Beide verdienen gutes Geld. Erstgenannter wird in seiner Karriere vermutlich mehr Pokale sammeln. Der andere weiß das. Beide haben ein Ziel: "Die EM." Opa Hinteregger könnte dann dem kleinen, fiktiven Martin erzählen: "Ich war 2016 in Frankreich."

Tatsächlich wird Hinteregger am Sonntag im Moskau kicken. Er ist auf der sicheren Seite. Ilsanker glaubt an einen Einsatz. "Man soll sich einer Sache nie sicher sein." (Christian Hackl, 11.6.2015)

  • Am 15. November 2014 spielte Stefan Ilsanker gegen Russland bravourös, Österreich siegte 1:0.
    foto: apa/jäger

    Am 15. November 2014 spielte Stefan Ilsanker gegen Russland bravourös, Österreich siegte 1:0.

  • Auch Martin Hinteregger ließ gegen die Russen wenig zu.
    reuters

    Auch Martin Hinteregger ließ gegen die Russen wenig zu.

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