Bildungspolitik: Bologna war unvermeidlich

Kommentar der anderen11. Juni 2015, 17:04
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Das Ideal der forschungsgeleiteten Lehre war einmal. Die Ressourcenaustattung der Universitäten und das Niveau der Begabungen der Studenten lassen nicht viel anderes zu als die ökonomische Effizienzsteigerung im Bildungswesen - mit allen Konsequenzen

Bologna" dient als Chiffre für eine Fülle tatsächlicher oder scheinbarer Fehlentwicklungen im universitären Bereich. Als Hauptvorwürfe gelten Verkürzung und Verschulung der Studien sowie deren Zurichtung auf nachfolgende Beschäftigungsfähigkeit.

Sieht man genauer hin, betrifft die Verkürzung nur den ersten Abschluss mit dem Bakkalaureat, wobei dessen Regelzeit von nur sechs Semestern in Österreich hausgemacht und inzwischen auch nicht mehr unumgänglich ist. Schon der nächste, das Magisterium, ist dem vorigen an wissenschaftlicher Qualität und Tiefe häufig überlegen, gar nicht zu reden vom neuem Doktorat, zumeist ein "PhD", das gegenüber der bisherigen Tradition eine eindeutige Aufwertung bedeutet.

Der Traditionalist könnte die nunmehrige englische Titelei (die zudem nicht mehr vor den Namen gesetzt wird) beklagen, immerhin klingen die lateinischen Wurzeln noch durch, und dass der "Philosophical Doctor" nun einen so hohen und weitreichenden Rang bekommt, kann den Inhaber eines "alten" philosophischen Doktorats eigentlich nur ehren.

Dieser hohe Rang hängt mit der Aufwertung der philosophischen Fakultät um die Wende vom 18. ins 19. Jahrhundert zusammen und leitet über zum zweiten Vorwurf, dem der "employability". Die drei "höheren" Fakultäten der alten europäischen Universität, Theologie, Jus und Medizin, hatten selbstverständlich vor allem die Berufsausbildung von Priestern, Juristen und Ärzten zum Ziel. Ihnen zur Vorbereitung diente die "Artistenfakultät" mit den propädeutischen Artes liberales. Aus der zuliefernden Magd wurde durch Kant & Co die Königin, die zuerst mit der Philologie, dann mit den Geschichtswissenschaften und schließlich und bis heute immer mächtiger mit den Naturwissenschaften die Forschungsparadigmata liefert(e).

In diesem Umfeld entstanden auch das Ideal der forschungsgeleiteten Lehre (Humboldt) und das Vertrauen in die generelle Bildungswirksamkeit jeglicher Einzelwissenschaft (Schleiermacher). Fazit: Berufliche Ausbildung gehörte stets zu den Aufgaben der Universität, ihre Engführung mit der Forschung ist Ergebnis einer bestimmten Konstellation, die, das sei bei aller historischen Relativierung betont, durch ihre Schlüssigkeit und ihren Erfolg als Qualitätskriterium von Universität heute Weltgeltung besitzt. Allerdings ist diese Qualität nur unter bestimmten Rahmenbedingungen erreichbar, was zum dritten Vorwurf, dem der Verschulung, führt.

Studentenzahlen damals ...

Die schlichteste der erwähnten Bedingungen war eine ganz niedrige Zahl an Studenten. Wenngleich deren Auswahl Mittel- und Oberschichten bevorzugte und ausschließlich Männer betraf, war sie fraglos auch intellektuell bedingt, zumal nach diversen Maßnahmen zur staatlichen Regulierung des Hochschulzugangs, beginnend mit dem preußischen Abiturientenedikt im Jahre 1788. Von der anderen Seite beförderte ein überaus günstiges Betreuungsverhältnis das Ideal des forschenden Lernens, als dessen genuiner Ort an der Universität Halle von Friedrich August Wolf, dem Begründer der moder- nen klassischen Philologie und Freund Humboldts, das (philologische) Seminar erfunden wurde, übrigens nicht, um Forscher, sondern um Gymnasiallehrer auszubilden.

... und heute

Heute ist alles anders. In manchen Ländern "studiert" schon mehr als die Hälfte einer Generation, obwohl das mit dem, was man bei uns unter einem Studium versteht, wenig gemein hat, auch, weil in vielen Ländern der Welt alternative Wege qualifizierter Ausbildung unbekannt sind. Aber auch in Österreich geht inzwischen ein Viertel der gleichaltrigen Wohnbevölkerung an die Universität.

Weder die Ressourcen auf der Lehr- noch die intellektuelle und willentliche Ausstattung auf der Lernseite (ganz altmodisch: die "Begabung") erlauben da noch Annäherungen an die einstigen Ideale, die zudem immer schon, wie angedeutet, auf wenige Fächer und besonders glückliche Umstände beschränkt waren. Darauf mit Verschulung, Straffung und volkswirtschaftlich gebotenen Effizienzbemühungen zu reagieren liegt überaus nahe. Dennoch kann man einige Auswüchse dieser an und für sich plausiblen Reaktion beklagen.

Zwei einander bedingende seien herausgegriffen, die ECTS-Punkte und das kumulative Prüfungssystem. Das European Credit Transfer System gibt vor, Studienleistungen zu messen, misst aber lediglich Arbeitszeit. So bekommt man in Österreich für den (vermuteten!) Zeitaufwand von 25 Stunden einen Punkt, in Deutschland braucht man dafür 30, was sich im Verlauf eines Bachelorstudiums von sechs Semestern immerhin zu einer Differenz von 900 Stunden (!) auswächst. Schon das zeigt den Unsinn dieser Methode, viel gravierender sind der Fehlschluss von aufgewandter Zeit auf erreichte Lernziele und die Folgen aus dieser Bepunktung, etwa einengende Curricula oder wuchernde Bürokratie.

Verschulung

Die Verschulung ist Folge und Begleiterscheinung. Den Vorteil der Sicherung eines gewünschten Studienertrags erkauft sie mit Einbußen an akademischer Freiheit, die in den diversen Fächerkulturen allerdings immer schon stark variierte. Eine ihrer Ursachen wird selten benannt: die Erreichung des Studienabschlusses durch das Akkumulieren von Prüfungen. Wenn man nur Prüfung an Prüfung aneinanderreihen, nie aber in einer großen Schlussprüfung die Beherrschung seines Faches nachweisen muss, sind die Ersteller von Curricula nachgerade gezwungen, das Fach in entsprechende Portionen zu zerlegen. Die Konsequenzen sind fragmentiertes Wissen und Können, erst die Alternative - eine Utopie! - würde während des Studiums freies Wählen der Lehrpersonen und Lernorte und damit auch wirkliche Mobilität ermöglichen. (Karlheinz Töchterle, 11.6.2015)

Karlheinz Töchterle (66) ist Abgeordneter zum Nationalrat und Wissenschaftssprecher der ÖVP. Zwischen 2011 und 2013 war er Wissenschaftsminister. Dieser Text greift einen Aspekt seines Referats beim "2. Medien.Mittelpunkt.Ausseerland" vom Wochenende auf.

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