Terrorprozess in Wien: Urlaub ohne Bart

11. Juni 2015, 15:58
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Am dritten Tag des Wiener Islamistenprozesses hört man Erstaunliches: Ein strenggläubiger Muslim braucht Geld für das Kasino

Wien – Aquadynamisch hat es sicher Vorteile, ohne Vollbart zu schwimmen. Dass man sich aber nach zehn Jahren Leben mit Gesichtsbehaarung rasiert, um für drei Wochen nach Bulgarien auf Strandurlaub zu fahren, scheint doch übertrieben. Bekchan Z., der nun wieder üppigen Gesichtsschmuck trägt, hat das gemacht. Und nicht, um nicht schon auf den ersten Blick für einen potenziellen Islamisten auf dem Weg in den "Islamischen Staat" (IS) gehalten zu werden, wie er beteuert.

Z. ist einer der zehn Angeklagten, die wegen Unterstützung des IS vor einem Schöffensenat unter Vorsitz von Andreas Hautz sitzen. Es ist interessant zu beobachten, welche Verteidigungsstrategien die neun Männer und eine Frau wählen. Nur ein junger Schüler ist geständig im Sinne der Anklage, er wollte nach Syrien, um den IS aufbauen zu helfen. Ein Zweiter gibt zu, regelmäßig Personen von Wien nach Istanbul gefahren zu haben und dass er von vielen Passagieren wusste, dass sie in den Jihad wollten. Ihm sei es nur ums Geld gegangen.

Die restlichen teilen sich in zwei Gruppen. Die eine behauptet, ihr Ziel sei es gewesen, in den IS auszuwandern, da man dort friedlich nach islamischen Regeln leben könne. Die andere Hälfte gibt sich ahnungslos und will nur eine Mitfahrgelegenheit in den Urlaub genutzt haben.

Auch Z. sagt das. Der in Tirol lebende Sozialhilfeempfänger, Vater zweier Kinder, wollte im Schwarzen Meer plantschen. Statt eine Pauschalreise zu buchen, stieg er in das über Bekannte vermittelte "Taxi", rechnete mit One-Way-Kosten von 100 bis 150 Euro.

Der nach eigenen Angaben streng gläubige Muslim hätte es in Bulgarien krachen lassen können: Bei seiner Festnahme im August fand man 1145 Euro und 1080 US-Dollar in bar. "Wo kommt das Geld her?", will der Vorsitzende wissen. "Die Euro habe ich gespart. Die Dollar sind von meiner Mutter in Polen", antwortet der gebürtige Tschetschene, der 2005 nach Österreich gekommen ist.

"Und was arbeitet die Mutter dort?", bohrt Hautz nach. "Nichts, sie ist schwer krank." – "Also woher hat sie das Geld?" – "Sie fährt manchmal nach Hause nach Tschetschenien, da geben es ihr Verwandte." Und überhaupt: "Das sind 1080 Dollar und keine Million!"

Wie bei der Polizei beantwortet der 27-Jährige die Frage, was er vom IS halte, nicht. Dass auf seinem Handy Bilder der IS-Flagge und von Kämpfern waren, erklärt er mit der Mitgliedschaft in einer Chatgruppe, er habe die Dateien ungewollt bekommen.

Originell wird es, als die Sprache auf einen Chat kommt, in dem der Angeklagte von 100 Euro schreibt und weiterem Geld, das sein Bruder auftreiben wolle. "Ich wollte damit ins Kasino gehen", lautet die überraschende Erklärung. "Warum haben Sie nicht die gesparten 1100 Euro dafür verwendet?", fragt der Vorsitzende. "Die habe ich ja für den Urlaub gebraucht." – "Teilweise wird es jetzt absurd", kann sich Hautz nicht verkneifen.

Fairerweise weist er Z. zweimal darauf hin, dass er auch einfach nichts aussagen kann. Der will aber und redet sich daher bezüglich eines Chats über Waffen in den nächsten Wirbel hinein. Wird fortgesetzt. (Michael Möseneder, 11.6.2015)

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