Afrikanische Regenwälder: "Unzugänglichkeit ist der beste Schutz"

Interview12. Juni 2015, 05:30
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Der Biologe und Umweltschützer Claude Martin behandelt in seinem Bericht an den Club of Rome die Zerstörung des Regenwaldes

STANDARD: Der erste Bericht an den Club of Rome kam 1972 heraus. Was hatte das für Effekte auf die Regenwaldforschung?

Martin: Heute klingt es ja absurd. Aber damals war es keine verbreitete Meinung, dass es planetare Grenzen gibt. Die tropischen Regenwälder waren damals überhaupt noch nicht im Fokus. Erst in den 70er-Jahren wurden mehr oder weniger zuverlässige Zahlen über deren Fläche und die Entwaldung gesammelt.

STANDARD: Sie lebten schon Anfang der 70er länger in einem Tropenwald in Indien. Viele weitere Aufenthalte weltweit folgten. Wie hat sich die Bedrohung verändert?

Martin: Bis vor 25 Jahren war das Hauptproblem Brandrodung durch Kleinbauern, die für den Eigenbedarf angebaut haben. Heute sind die Gründe der Entwaldung meist kommerzieller Natur.

STANDARD: Über Rodung in Brasilien oder die Umwandlung von Wald in Palmölplantagen in Indonesien wird viel berichtet. Doch mitten in Afrika, rund um den Äquator, erstreckt sich der zweitgrößte tropische Regenwald der Erde. Dass auch dort die Entwaldung voranschreitet, wird weniger thematisiert. Woran liegt das?

Martin: Ich kenne die afrikanischen Tropenwälder am besten und habe lange dort gelebt. Die Umwandlung in kommerzielle Landwirtschaftsflächen ist vor allem ein südamerikanisches und südostasiatisches Problem - vorläufig. Wohingegen in Afrika die Umwandlung vor allem aufgrund lokaler Wanderfeldkulturen passiert. Ganz große Veränderungen haben besonders in Brasilien und Indonesien stattgefunden.

STANDARD: Wie ist die Situation der Regenwälder in der Demokratischen Republik Kongo, die die größte afrikanische Regenwaldfläche besitzt? Wo liegen die Unterschiede zum Rest von Zentralafrika und zu Westafrika?

Martin: Die Unzugänglichkeit ist immer noch einer der besten Schutzfaktoren. Das zentrale Kongobecken ist noch heute großteils schwer zu erreichen. Aber rein politisch gibt es große Unterschiede zwischen den Ländern Zentralafrikas, die sich auch auf den Waldschutz auswirken.

STANDARD: Wie wirken sich bewaffnete Konflikte in der Region aus?

Martin: In einem Land wie der Demokratischen Republik Kongo, das praktisch keine Regierungs- oder Kontrollsysteme hat, ist es kaum möglich, den Waldbestand effektiv zu kontrollieren. Das war etwa in Ghana oder der Côte d'Ivoire ganz anders, wo relativ gut funktionierende Forstdienste existiert haben. Das ist auch teilweise nicht mehr der Fall, da etwa in der Côte d'Ivoire große Flächen in Kakaoplantagen umgewandelt wurden. Der kommerzielle Druck wird auch in Afrika immer stärker.

STANDARD: Ihr Buch ist nicht nur Katastrophenszenario, wie oft bei dem Thema. Wie der Untertitel schon verspricht, schlagen Sie Möglichkeiten zum Handeln vor. Wie kann man das Schicksal derRegenwälder noch wenden?

Martin: Ich habe am Schluss 17 Maßnahmen ausformuliert, die aus meiner Sicht notwendig wären. Dazu gehört Klimaveränderung. Regenwälder sind eine wesentliche Kohlenstoffsenke. Aber oft wird übersehen, dass der Klimawandel bereits jetzt gravierende Auswirkung auf die Vitalität der Wälder hat.

STANDARD: Es gibt Satellitenbilder der Nasa, die zeigen, dass die Wälder in der DR Kongo schon brauner, also trockener werden. Ist Afrika gefährdeter?

Martin: Die tropischen Regenwälder in Afrika sind im Schnitt etwas trockener, genau wie das im südlichen Teil des Amazonasbeckens der Fall ist. Sie können zu einem Kipppunkt kommen, wenn wir die Erwärmung nicht unter zwei Grad stabilisieren. Sie könnten sogar zu einer CO2-Quelle werden. Auch die biologische Vielfalt auf der Erde ist von der Erhaltung der Regenwälder abhängig. Es gibt noch 700 Mio. Hektar tropischer Primärwälder, eine Fläche in der Größe Australiens. Die müssen wir unbedingt erhalten.(Julia Schilly, 12.6.2015)

Claude Martin, 1945 in Zürich geboren, studierte Biologie und kam in den 70er-Jahren zum WWF. 1993 wurde er zum Generaldirektor berufen und übte das Amt zwölf Jahre aus. Der Club of Rome widmet sich seit 1968 internationalen politischen Fragen.

Claude Martin
Endspiel
Wie wir das Schicksal der tropischen Regenwälder noch wenden können
Oekom-Verlag 2015
320 Seiten, 22,95 Euro

  • Auch der Berggorilla ist vom Erhalt der Regenwälder abhängig. Er lebt unter anderem im Kongobecken, wo er vom Klimawandel betroffen ist.
    foto: ap / jerome delay

    Auch der Berggorilla ist vom Erhalt der Regenwälder abhängig. Er lebt unter anderem im Kongobecken, wo er vom Klimawandel betroffen ist.

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