Die liebste Absurdität ist die Normalität

11. Juni 2015, 13:32
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Das Theater Wolkenflug zeigt in Klagenfurt Gert Jonkes "Die Hinterhältigkeit der Windmaschinen"

Klagenfurt – Als Ursprung der Literatur Gert Jonkes kann man sich auch einfach die Strafe vorstellen: Schreib hundertmal "Ich darf auf meine Lederhose keinen Tintenklecks machen!" Das abgelieferte Produkt scheint dem Auftrag zu entsprechen, auch wenn es die brave Erfüllung irgendwie schon in eine protestierende Insistenz verkehrt. Zu lesen beginnen darf der Erzieher das aber jedenfalls nie! Sonst löst sich die optische Ähnlichkeit der Zeilen sofort in eine einzige Folge der unerwartetsten und subversivsten Weltkommentare auf.

Um die evangelische Johanneskirche am Lendkanal, einem der Lieblingsplätze des 2009 verstorbenen Klagenfurter Autors, realisiert das örtliche Theater Wolkenflug Jonkes 1972 uraufgeführten Bühnenerstling Die Hinterhältigkeit der Windmaschinen. Als Bausteine des "Dramas" sind vier Prosagedichte noch deutlich erkennbar, semantische Permanenzen über die Motive eines gewöhnlichen Tages: Die staatlich kontrollierte Einführung von Existenzberichtigungsausweisen, die total bzw. totalitär fürsorgliche Aufstellung von Windschutzgestellen für alle und der unüberbrückbare Ge gensatz von "Inland" und "Ausland".

Sinfonie auf der Pfarrwiese

Regisseurin Ute Liepold hat wohl erkannt, dass das alles so schräg und voller Anspielungen auf die uns bekannte Realität ist, dass sich die Produktion in aller Sorgfalt auf den Text einlassen kann. Sophie Aujeski, Magda Kropiunig, Sarah Rebecca Kühl und Ivana Rauchmann gestalten eine viersätzige Sinfonie, die auf dem Kirchplatz, von Garagendächern, auf der Pfarrwiese und schließlich im Kircheninneren erklingt, wohltemperiert und schön gegliedert in Soli und Tutti, Piani und Fortissimi. Der Komponist in Jonke hätte seine Freude gehabt.

Ein bisschen bunt geht es auch zu. An die fiktiven Gestelle, die verhindern sollen, dass Wind und Sturm die Menschen den Regierenden davonwehen, klammern sich die Darstellerinnen in weißen Overalls wie bei einer Katastrophenübung. Später, soeben noch Hochkulturstaffage in elegantestem Schwarz, quetschen sie sich als Michelin-Männchen in den Parteifarben zwischen den Kirchenbänken. Und dann noch ein Gag: Sie verbeugen sich zum Kircheneingang hinaus vor einem Publikum, das inzwischen längst in den Altarraum weitergepilgert ist: Das ist die Art von Normalität, in der Jonke das Absurde am liebsten war. (Michael Cerha, 11.6.2015)

  • Der Martin-Luther-Platz bietet das richtige, da potentiell windige Ambiente für die Inszenierung von Ute Liepold.
    foto: philip kandler

    Der Martin-Luther-Platz bietet das richtige, da potentiell windige Ambiente für die Inszenierung von Ute Liepold.

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