Was macht eine Frau aus? Gedanken zu Elinor Burkett

Blog12. Juni 2015, 05:30
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Biologie und Sozialisation sind nicht das Einzige, was zum Frausein beiträgt

Ich weiß nicht, ob sie es wirklich gesagt hat: "My brain is much more female than it is male." Aber dieses und andere Statements von Caitlyn Jenner hat Elinor Burkett in einem Artikel in der "New York Times" zum Anlass genommen, sich über grundsätzliche Differenzen zwischen Feminismus und Transaktivismus Gedanken zu machen.

Kurz zusammengefasst beschwert sie sich darüber, dass Transfrauen häufig zu alten biologistischen Thesen über Geschlecht zurückkehren würden, zum Beispiel stereotypen Körperinszenierungen von "Weiblichkeit" in Form von Nagellack, kurzen Röcken und dergleichen.

Ich stimme ihrer Kritik zu, dass es Blödsinn ist, über unterschiedliche Männer- und Frauengehirne nachzudenken und dass Weiblichkeitsinszenierungen wie die von Caitlyn Jenner ärgerlich sind. Aber das alles ist ja nun nicht eine Besonderheit von Transfrauen. Die große Mehrheit von Cisfrauen tut doch genau dasselbe. Es ist also gehüpft wie gesprungen. Frauen sind eben nicht von Natur aus Feministinnen, ob nun Trans oder Cis.

Weiblichkeit leitet sich nicht nur von Körperlichkeit ab

Ein Vorteil davon, wenn es Transfrauen sind, die Geschlechterklischees performen, ist es immerhin, dass damit deutlich wird, dass diese Erscheinungsformen von Weiblichkeit nichts sind, was sich aus einer bestimmten körperlichen Beschaffenheit – Gebärmutter, Brüste und dergleichen – natürlicherweise herleitet, sondern dass es kulturelle Übereinkünfte sind. Es wird nämlich offensichtlich, dass jeder Mensch, mit dem entsprechenden Geschick (und dem nötigen Kleingeld für kosmetische Operationen und die passende Garderobe), das darstellen kann, was allgemein auf den ersten Blick als "Frau" identifiziert wird.

Unter Rückgriff auf den traditionellen Feminismus macht Burkett dann die Sozialisierungsthese stark, wonach Frausein eben nicht von irgendetwas Biologischem herrührt, sondern gesellschaftlich hergestellt wird, nämlich durch rollenkonforme Erziehung. Daher, so schließt sie, können Menschen, die männlich sozialisiert wurden, eigentlich keine "richtigen" Frauen sein.

Gegen dieses Argument habe ich nun starke Einwände, und zwar deshalb, weil es den Status des Frauseins ganz auf eine gesellschaftliche Deformation und Diskriminierung zurückführt: Frauen sind wir, weil wir Opfer der Verhältnisse sind.

Frausein als politisches Statement

Nein, sind wir nicht. Ich schlage vielmehr vor, Frausein als ein politisches Statement aufzufassen. Ich bin eine Frau, weil ich es wähle, mich in der Position einer Frau in diese Gesellschaft einzubringen. Zu sagen "Ich bin eine Frau" ist sozusagen ein Bekenntnis. Es bedeutet auch für Cisfrauen eine Wahl, wie man ja zum Beispiel an der Wandlung von Angela Merkel in dieser Frage sehen kann, die am Anfang ihrer politischen Karriere gerne betonte, dass ihr Frausein überhaupt keine Rolle spiele, während sie mittlerweile durchaus absichtlich und bewusst ihr Bundeskanzlerinnenamt "als Frau" ausfüllt.

Viele Cisfrauen lehnen dieses Bekenntnis ab, nicht unbedingt indem sie es rundheraus abstreiten, eine Frau zu sein, aber doch, indem sie ihrem Frausein jede Bedeutung absprechen und darauf bestehen, "doch einfach nur Menschen" zu sein. Die italienische Philosophin Wanda Tommasi hat das einmal "die Versuchung des Neutrums" genannt. Und diese Versuchung, also die Leugnung der Geschlechterdifferenz, ist meiner Ansicht nach ebenso gefährlich für die weibliche Freiheit wie ein klischeehaftes Ausleben von angeblich feststehenden Merkmalen von Frausein.

Verstecktes Frausein

Für Menschen, die ihr Frausein verstecken, hatte das Patriarchat schon immer ein Plätzchen frei. Angefangen von der Päpstin Johanna über die englischen Gärtnerinnen, die Männerkleidung tragen mussten, um nicht aufzufallen, und die albanischen Burneshas (die meiner Ansicht nach Opfer einer extrem patriarchalen Kultur sind und nichts, was feministischerseits zu feiern wäre) bis hin zu heutigen Managerinnen, die mit ihrer Businesskleidung einen männlichen Stil imitieren müssen, um ernst genommen zu werden.

Frauen können aber nur frei sein, wenn es Frauen gibt. Und Frauen gibt es nur, wenn es Menschen gibt, die sagen: "Ich bin eine Frau." Biologie und Sozialisation sind sicherlich Faktoren, die an der Entstehung von "Frauen" beteiligt sind, aber nicht in definierender oder gar determinierender Art und Weise.

Frauen können die unterschiedlichsten biologischen Herkünfte und die gegensätzlichsten Sozialisationen haben, und sie sind trotzdem Frauen. Natürlich ist es auf jeden Fall richtig, über Biologie und Sozialisation nachzudenken und beides zu berücksichtigen. So finde ich zum Beispiel nicht, dass die Themen Frausein und Schwangerwerdenkönnen völlig voneinander getrennt werden sollten.

Nicht, weil jede Frau schwanger werden kann, was ja nicht der Fall ist, sondern weil die Konstruktionen von Geschlechterdifferenz und Schwangerwerdenkönnen (bzw. nicht Schwangerwerdenkönnen) aufs Allerengste miteinander verknüpft sind.

Biologie und Sozialisation sind also wichtig, aber sie sind nicht der entscheidende Dreh- und Angelpunkt dessen, was ich meine, wenn ich sage "Ich bin eine Frau". Und sie sind auch nicht das, was ich höre, wenn eine andere von sich sagt, dass sie eine Frau ist. (Antje Schrupp, 12.6.2016)

Antje Schrupp stellt dieStandard.at in regelmäßigen Abständen Beiträge ihres Blogs zur Veröffentlichung zur Verfügung.

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