Die Schicksalsschlacht für Europa: Waterloo

Vor 200 Jahren kam es in Waterloo zu einer Schlacht, die bis heute die Politik beeinflusst. Doch was, wenn Napoleon gewonnen hätte?

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Reportage16. Juni 2015, 05:30

In Europa bahnt sich ein historisches Déjà-vu-Erlebnis an: Mitte Juni werden aus allen Richtungen Europas noch einmal Zehntausende nach Waterloo ziehen, zur Schlacht aller Schlachten. An die 200.000 Sitzplätze sind längst ausverkauft für die mehrtägige historische Nachstellung - die größte, die Europa je gesehen hat. Auf den Feldern zwischen den Tribünen werden 5000 uniformierte Laiendarsteller mit 300 Pferden und 100 Kanonen in Stellung gehen und Tonnen von Schwarzpulver verschießen. Alles soll so authentisch wie möglich sein – bis hin zum speziellen Eau de Cologne, das Napoleon Bonaparte an jenem schicksalhaften 18. Juni 1815 trug.

Und was soll das ganze Spektakel? "Erinnerungskultur", nennt es Martin Klöffler, der den Generalstabschef der preußischen Truppen spielt und das Schlachtfeld gerade zum letzten Mal inspiziert. Der 60-jährige Kartograf aus Düsseldorf interessierte sich schon immer für die Napoleonischen Kriege. Waterloo sei eine spektakuläre und äußerst erbittert geführte Schlacht gewesen, die lange auf des Messers Schneide gestanden habe und den Alten Kontinent bis heute geprägt habe.

foto: reuters/lenoir
Szenen der Schlacht, nachgestellt mit Spielfiguren

200 Jahre sind immerhin lang genug, damit "keine moralischen Bedenken" aufkommen, meint Klöffler mit Verweis auf die späteren Weltkriege, die mit Giftgas geführt wurden oder im Genozid endeten. Heute gedenken sogar die Verlierer mit: Beim Außenquartier Belle-Alliance werkeln drei Arbeiter gerade am Monument des gefallenen napoleonischen Adlers, mit Goldpapier verschönern sie sorgfältig das "N" im Eisenzaun. Dass eine große Nation Gefühle wie Schuld oder auch nur Zerknirschtheit kennt, zeigt sich ein paar Schritte weiter: Eine "Champagner-Bar" namens Victor Hugo lädt zum Anstoßen auf den französischen Feldherrn ein. Napoleon mag die Schlacht verloren haben, aber der "Star" von Waterloo bleibt er allemal, wie sogar der britische Historiker Stephen Clarke zugeben muss.

Im lokalen Souvenirshop ist nur der kleine Kaiser aus Korsika in Gipsbüsten verewigt. Auch in den Londoner Auktionshäusern siegt Napoleon haushoch über seine Bezwinger: Während eine Haarlocke des Duke of Wellington in London im April mickrige tausend Pfund erlöste, liegt der Marktwert napoleonischer Reliquien – ob echt oder nicht – zehnmal höher. Wie sang doch die schwedische Popgruppe Abba in "Waterloo": Wenn ich verliere, fühle ich mich, als ob ich gewänne.

Zweieinhalb Euro Erinnerung: Die belgische Gedenkmünze zu 200 Jahre Schlacht von Waterloo.

Deshalb auch konnte Frankreich nur sein Veto einlegen, als Belgien zum 200-Jahr-Gedenken an Waterloo eine spezielle Zwei-Euro-Münze prägen wollte. Bei dem Beobachtungsposten, den Napoleon während der Schlacht "ab 16 Uhr" (so das Hinweisschild) einnahm, schwärmt ein Rentnerpaar von dem "französischen Genie", das Europa das Zivilrecht und andere Errungenschaften der Revolution gebracht habe. Wenn Bonaparte bei Waterloo gewonnen hätte, wäre Europa nicht der Restauration durch die Monarchisten anheimgefallen, mutmaßen die frankophonen Belgier. Und so richtig verloren habe Napoleon gar nicht, findet die Frau: "Waterloo war seine schönste Niederlage." Champagner!

foto: reuters/hartmann
Der Hut, den Napoleon während der Schlacht von Waterloo trug.

Napoleon macht Fehler

Auf dem 40 Meter hohen Erdkegel mit dem Löwenmonument, das die Holländer nach der Schlacht zu Ehren ihren siegreichen Truppen errichteten, blicken Reisende aus allen Kontinenten über die schönen Felder. Fast hört man noch die beängstigenden Trommelwirbel und "Vive l'Empereur"-Rufe der 74.000 Franzosen, die von Süden angriffen, während die 70.000 Briten, Holländer und Deutschen ihrer mit bangem Schweigen harrten.

Zwei Tage zuvor, am 16. Juni 1815, hatten Napoleons Truppen die Truppen Wellingtons und des preußischen Feldmarschalls Blücher bei Ligny sowie Quatre-Bras zurückgeschlagen – allerdings ohne sie weiter zu verfolgen und entscheidend zu schlagen. Das war der erste Fehler Napoleons. Sein zweiter Irrtum bestand darin, Marschall Grouchy mit 33.000 Mann, aber einem missverständlichen Befehl auf die Verfolgung der Preußen anzusetzen.

Dazu kam das Wetterpech. Schwere Regenschauer verwandelten die gewellten Felder südlich von Waterloo am 17. Juni in einen Morast. Am Morgen danach wartete Napoleon zwei Stunden lang, bis die Böden genug trocken waren, um seine mächtige Artillerie vorschieben zu können.

Diese Zeit fehlte den Franzosen am Nachmittag, als die hin- und herwogende Schlacht in die Entscheidung ging. Napoleons Plan war es, mit den Briten aufzuräumen, um sich danach die Preußen vorzuknöpfen. Es war die einzige Chance angesichts der gesamteuropäischen Übermacht: Hinter den 70.000 Briten und 100.000 Preußen marschierten Heere aus Österreich, Russland, Italien und Spanien gegen den aus Elba entwichenen Kaiser heran.

foto: thierry roge
Seit Jahren wird das Hauen und Stechen wie hier im Jahre 2012 von tausenden Darstellern nachgespielt. Für die historischen Shows anlässlich des Jubiläums sind die Karten längst ausverkauft.

Napoleon musste die einzelnen Armeen also nacheinander erledigen. Doch an diesem 18. Juni wartete der Draufgänger zu lange. Erst nach 11.00 Uhr ließ er endlich zum Sturm auf die hinter dem Hügelkamm verborgenen Briten blasen. Stundenlang bombardierten 260 französische Kanonen – Napoleons "schöne Töchter" – Wellingtons Truppen, um sie mürbe zu machen, unentwegt rannte danach die vieltausendköpfige Kavallerie unter Marschall Ney gegen die britische Infanterie an. Diese verteidigte ihre "Karrees" mit Musketen und Bajonetten, als würden sie ihr ganzes Inselreich verteidigen. Und so war es auch.

foto: public domain / wikimedia commons
Gebhard Leberecht von Blücher. Die Truppen des preußischen Generalfeldmarschalls entschieden die Schlacht bei Waterloo. Seit 1820 erinnert der Löwenhügel an das historische Gemetzel.

Klar war vorerst nur eines: Diese Schlacht konnte nicht unentschieden enden. Eine der Armeen musste vernichtet werden. Das gnadenlose Hauen und Stechen dauerte bis in die Abendstunden. "Das Gemetzel wurde fürchterlich. Unsere Pferde trampelten über Leichen, die Verwundeten schrien", berichtete der französische Ulanen-Oberst Bro de Comères, einer der zahllosen späteren Waterloo-Chronisten. Mit ungeheurem Einsatz - "die Franzosen kämpften wie die Tiger", schrieb der schottische Korporal Dickson - und trotz riesiger Verluste kamen die Angreifer dem Sieg immer näher.

Doch jetzt fehlten Napoleon die zwei Stunden. Kurz bevor die Briten niedergerungen waren, tauchten im Osten die Preußen auf. Sie hatten Grouchy an der Nase herumgeführt und fielen Napoleons Kerntruppen in den Rücken. Als sie endlich auch die unbesiegte, ja unbesiegbare Kaiserliche Garde in Stücke hauten, brach in den französischen Reihen Panik aus. Napoleons Armee löste sich auf, ergriff die Flucht, existierte bald nicht mehr.

Die Bilanz war schrecklich: 50.000 Tote, Verwundete und Vermisste teilten sich auf beide Seiten auf. Das Preußen-Denkmal, heute am Rande einer schmucken Einfamilienhaus-Siedlung neben dem Schlachtfeld gelegen, steht auf einem fünf Meter hohen Hügel – weil sich die Gebeine darunter so hoch türmten. Viele Soldaten starben erst nach langen Qualen. Die verletzten Briten mussten auf dem Schlachtfeld drei oder gar vier Tage ausharren, bis sich ihrer jemand erbarmte. Meist wurden sie jedoch von Anwohnern ausgeplündert oder getötet. Noch jahrelang wurden in Belgien sogenannte "Waterloo-Zähne" gehandelt.

Amputationen im Akkord

Die Franzosen wurden von ihrem Heereschirurgen Dominique Larry meist schon auf dem Schlachtfeld operiert. Obwohl ihm als Desinfektionsmittel nur noch Essig oder Branntwein zur Verfügung stand, sägte er nahezu mechanisch die Gliedmaßen der Verwundeten ab. Danach durften die Amputierten gleich wieder forthumpeln.

Napoleon entkam, wie beim Russlandfeldzug von 1812, nach Paris. Unbelehrbar wie immer wollte er eine neue Armee aufstellen. Vier Tage nach Waterloo dankte er aber ab, die Briten entsorgten den Korsen endgültig, auf Sankt Helena, einem einsamen Eiland im Südatlantik. Es war ein Wendepunkt für Europa: Auf die französische Vormachtstellung seit Ludwig XIV. folgte das British Empire des 19. Jahrhunderts, und Preußen löste die Habsburgerdynastien ab.

foto: public domain / wikimedia commons
Arthur Wellesley, Duke of Wellington und englischer Heerführer, galt als ausgewiesener Defensivkünstler. Die Standhaftigkeit seiner Einheiten legte den Grundstein für Napoleons Niederlage.

In Paris erschien noch 2011 ein Buch zur ewig gleichen französischen Frage: "Was, wenn Napoleon in Waterloo triumphiert hätte?" Die Historiker sind sich heute einig, dass ein Sieg in Waterloo seine "hundert Tage" zwischen Elba und Sankt-Helena nur unwesentlich verlängert hätte: Der Kaiser war zunehmend ungesund, seine Armee zu schwach gegen die "Kongress-Koalition", Frankreich wirtschaftlich ausgeblutet.

Britische Ressentiments

Verewigt hat sich die alte Rivalität zwischen Frankreich und England. Sie bricht noch heute in jedem Rugbymatch der beiden Nationalteams durch. Wenn Franzosen mit dem Eurostar-Zug durch den Ärmelkanal reisen, empfinden sie es als Beleidigung, in der Londoner Waterloo-Station ankommen zu müssen. Umgekehrt sehen die Briten in der Art, wie Napoleon Europa unterjochen wollte, einen bleibenden Beleg dafür, dass die EU französisch gedacht und beherrscht sei. Die britischen Befürworter eines EU-Ausstiegs argumentieren in erster Linie antifranzösisch. Paris (wo Napoleons Leichnam ruht) bleibt für sie der Feind.

Dabei wäre Waterloo gerade ein Argument gegen den "Brexit": Wellington hatte den korsischen "Usurpator der Macht" (Stefan Zweig) schließlich nur mithilfe von Holländern, Norddeutschen und vor allem des Preußen Blücher niedergerungen. Allein hätten es die Briten in Waterloo nicht geschafft. Vereint bewahrten sie hingegen das europäische Mächtegleichgewicht, das die älteste Maxime britischer Europapolitik darstellt.

Heute würde ein Ausstieg Englands aus der EU dieses Gleichgewicht zerstören und die Vorherrschaft Deutschlands – im Gespann mit Frankreich oder nicht - auf dem Alten Kontinent zementieren. Das kann nicht im Sinne Englands sein. (Stefan Brändle, 15.6.2015)