Zwist um eine langsame Rückkehr der Wölfe in Frankreich

11. Juni 2015, 15:38
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Die Tiere sind 1992 wieder aufgetaucht, der Konflikt zwischen Tierschützern und Schäfern spitzt sich zu

Es war Mitternacht, als Romain von Hundegebell aufgeweckt wurde. Mit seinem Bruder und einem Gewehr ging der 16-Jährige auf der Kuhweide in Seyne-les-Alpes nachschauen. Als sein Bruder ein Licht holte, sah er sich plötzlich von einem Wolfsrudel umzingelt. "Sie ließen die Kühe und Kälber beiseite und kamen auf mich zu", erzählte der Bauernsohn. "Als sie mich fast völlig umzingelt hatten und nur noch etwa zehn Meter entfernt waren, wurde mir klar, dass ich ihr Ziel war." Romain schoss in die Luft, woraufhin sich die Wölfeverzogen.

Der Vorfall von diesem Wochenende sorgte in Frankreich für Schlagzeilen: Es war, wenn man den Aussagen des jungen Schäfers Glauben schenkt, die erste bekannt gewordene Bedrohung eines Menschen, seitdem die Tiere 1992 wieder in Südostfrankreich aufgetaucht sind. Seither breiten sie sich über viele französische Regionen aus - gegen Westen über die Provence in die Pyrenäen, gegen Norden das Rhonetal hoch bis an die Grenze des Pariser Großraums.

Nach offiziellen Zählungen leben 300 Wölfe in Frankreich. EU-weit ist der Grauwolf geschützt, sein Abschuss behördlich strikt reglementiert. Die Franzosen sprachen sich in einer Umfrage von 2013 zu 79 Prozent für die Rückkehr des mythischen - seit den Römern und Germanen sogar mythologischen - Grauwolfs aus. Doch in den betroffenen Gebieten wächst der Widerstand. In Roquebillière, einem weiteren Bergdorf der französischen Südalpen, riss ein Rudel vor einigen Wochen auf einen Schlag 21 Schafe.

Die zuständige Abgeordnete, die Sozialistin Karine Berger, ist gegen die verordnete "Kohabitation", das heißt das Zusammenleben von Mensch, Nutztier und Wolf. 2014 hatten Wölfe in den vier Departementen zwischen Nizza und Gap so viele Schafe wie noch nie gerissen, landesweit waren es 8200 Schafe.

Abschussquote erhöht

Die behördlichen Abschussquoten, die der strikten Regulierung der Wolfsbestände dienen, sind in Frankreich bereits auf gut zehn Prozent, also 34 Wölfe im Jahr, erhöht worden. Auch die Rissvergütungen, die Versicherungsentschädigungen und Züchtersubventionen nehmen zu.

Einige Schafzüchter verlangen sogar, dass der Wolf wieder ausgerottet wird. Ende letzten Jahres demonstrierten sie mit ganzen Herden beim Pariser Eiffelturm für ihr Anliegen.

Doch auch Wolfsfreunde machen ihrerseits mobil. Die Vereinigung "CAP loup" ("le loup" ist der Wolf) wirft der "Schaf- und Jägerlobby" vor, die Probleme aufzubauschen; in Wahrheit kehrten die Wölfenur langsam zurück. Zudem genügen Flatterbänder, Herdenschutzhunde oder elektrische Zäune zumeist als Schutzmaßnahmen. In einer Petition verlangen sie, dass der nächste, 2017 fällige nationale Wolfsplan jegliche Abschüsse verbieten und vielmehr das Prinzip der Kohabitation bekräftigen solle.

Der Konflikt zwischen Naturschützern und Schäfern spitzt sich immer stärker zu. Der Abgeordnete von Seyne-les-Alpes, Christophe Castaner, verlangte diese Woche sogar eine Erhöhung der Abschussquote. Die Herdenhalter lobbyieren bei Umweltministerin Ségolène Royal, sich in Brüssel für eine Lockerung des Wolfsschutzes einzusetzen. Und die Tierschützer klagen, dass sich die Regierung zu wenig einsetze. (Stefan Brändle aus Paris, 11.6.2015)

  • Elektrozäune, Hirtenhunde, Flatterbänder: Der Schutz der Schafherden vor Wölfen ist aktuell ein großes Thema in Frankreich. Der Wolfsbestand erholt sich nur sehr langsam, dennoch kommt es immer wieder zu Konflikten.
    foto: ap/jens wolf

    Elektrozäune, Hirtenhunde, Flatterbänder: Der Schutz der Schafherden vor Wölfen ist aktuell ein großes Thema in Frankreich. Der Wolfsbestand erholt sich nur sehr langsam, dennoch kommt es immer wieder zu Konflikten.

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