Iran-Atomgespräche: Ermittlungen wegen Cyberangriffen

11. Juni 2015, 22:48
93 Postings

Möglicherweise mehrere Hotels in Österreich und der Schweiz betroffen

Die IT-Sicherheitsfirma Kaspersky hat Sicherheitslücken in drei Luxushotels in Europa entdeckt, in denen Atomverhandlungen zwischen dem Iran und der 5+1-Gruppe (UN-Vetomächte plus Deutschland) stattgefunden haben. Dort sollen mittels eines Computervirus Cyberangriffe erfolgt sein.

Österreich untersucht den Vorwurf mittlerweile: "Diese Information ist dem Verfassungsschutz bekannt. Aktuell laufen die Ermittlungen", sagte ein Sprecher des Innenministeriums am Donnerstag. Auch der Verhandlungsort, das Nobelpalais Coburg, wird überprüft. Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) will nun zunächst die Ergebnisse abwarten: "Die Behörden gehen den Vorwürfen nach und es wird ermittelt. Das gilt es jetzt abzuwarten", sagte die Ministerin am Donnerstagnachmittag. Mehr könne sie derzeit nicht sagen.

Zuvor hatte die Schweizer Bundesanwaltschaft diesbezüglich ein Strafverfahren gegen unbekannt wegen Verdachts auf verbotenen politischen Nachrichtendienst eröffnet. Am Donnerstag fand in diesem Kontext eine Hausdurchsuchung in Genf statt, bei der laut Schweizer Staatsanwaltschaft Beweismaterial sichergestellt wurde.

Israel unter Verdacht

Das "Wall Street Journal" berichtete unter Berufung auf Vertreter der US-Regierung sowie Sicherheitsexperten, dass Israel hinter den Angriffen vermutet wird. Israel dementierte kurz darauf eine Verwicklung: "Die ausländischen Berichte über eine israelische Beteiligung entbehren jeder Grundlage", sagte die stellvertretende Außenministerin Tzipi Hotovely am Donnerstag im Armeeradio. Viel wichtiger sei ohnehin, dass am Ende der Verhandlungen mit der iranischen Regierung kein schlechtes Abkommen stehe

USA gelassen

Ungeachtet des Spionageverdachts bei den Verhandlungen über das iranische Atomprogramm geht die US-Regierung weiter von der Vertraulichkeit der Gespräche aus. "Wir haben Maßnahmen ergriffen, um sicher zu sein, dass die vertraulichen Details und Diskussionen hinter verschlossenen Türen bleiben", sagte der Sprecher des Außenministeriums in Washington, Jeff Rathke, am Donnerstag.

Die Ermittlungen in der Schweiz und in Österreich wegen des Verdachts der Computerspionage bei den Verhandlungen wollte Rathke nicht näher kommentieren.

Schweiz und Österreich

Kaspersky hat nach eigenen Angaben tausende Hotels auf der Suche nach ähnlichen Sicherheitslücken gecheckt. Nur in drei sei man fündig geworden. Die Firma wollte die Namen der betreffenden Hotels nicht nennen. Doch seit ihrem Beginn hätten die Atomverhandlungen (mit der jetzigen iranischen Führung) vor allem in sechs Hotels in der Schweiz und in Österreich stattgefunden.

Auch am Donnerstag finden wieder Verhandlungen im Palais Coburg statt, wo die technischen Experten und die politischen Direktoren der Streitparteien weiter am endgültigen Vertragstext arbeiten. Hauptstreitpunkte sind die Inspektionen der iranischen Anlagen und die Modalitäten und der Zeitplan für die Aufhebung der westlichen Sanktionen gegen Teheran.

Nicht nur Hotels

Der Chefsicherheitsexperte von Kaspersky Lab, Kurt Baumgartner, sagte der "Jerusalem Post", der Hackerangriff sei nicht auf die Hotels beschränkt gewesen, er habe sich auf bis zu 100 Ziele gerichtet. Kaspersky habe die Infektion bei verschiedenen Opfern identifiziert. Zusätzlich zu einer Reihe unbekannter Opfer "sind wir ziemlich sicher, dass zumindest drei der Veranstaltungsorte, wo die Atomgespräche mit dem Iran stattgefunden habe, angegriffen wurden", so Baumgartner.

Angriff auf Kaspersky selbst

Kaspersky taufte die Schadsoftware "Duqu 2.0". Bei der neuen Software sei es fast unmöglich festzustellen, wenn sie einen Computer befalle. Sie verstecke sich im Arbeitsspeicher, schreibe keine Daten auf die Festplatte und übermittle nur wenige Daten, sagte Eugene Kaspersky, dessen Firma selbst Ziel des ausgeklügelten Virenangriffs geworden war. Der STANDARD hatte bereits vergangenen Herbst enthüllt, dass die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) Ziel eines ausgeklügelten Spionageprogramms namens "Regin" geworden war. (fsc, APA, 11.6.2015)

  • Im Fokus der Ermittlungen steht auch der Verhandlungsort der Atomverhandlungen, das Nobel-Palais Coburg in der Wiener Innenstadt.
    foto: apa/hans punz

    Im Fokus der Ermittlungen steht auch der Verhandlungsort der Atomverhandlungen, das Nobel-Palais Coburg in der Wiener Innenstadt.

Share if you care.