Erste European Games politisch höchst umstritten

10. Juni 2015, 17:36
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Aserbaidschans Herrscher gibt sich vor den Europaspielen noch autoritärer. Die olympische Familie fühlt sich nicht zuständig. Österreich durch den Zweiten Nationalratspräsidenten und 145 Aktive vertreten.

Baku/Wien - "Eigentlich ist das eine Sache der Politik. Die Spiele bieten doch die Möglichkeit, das öffentlich zu diskutieren." Peter Mennel, der Generalsekretär des Österreichischen Olympischen Comités (ÖOC), argumentiert in Sachen der am Freitag anhebenden ersten European Games in Aserbaidschan so, wie Sportfunktionäre oft argumentieren, wenn es um die Frage der Integrität des Veranstalters geht. Mennel, in Baku Delegationsleiter und damit für 143 Sportlerinnen und Sportler zuständig - zum Vergleich: die Winterspiele in Sotschi hatten nur 130 Österreicher geschmückt - gesteht immerhin zu, dass die politischen Gegebenheiten in Aserbaidschan "nicht bei jedem Zustimmung finden".

Anfang Dezember 2012 hatten dennoch 38 der 46 damals dem Europäisches Olympisches Comittee (EOC) zugehörigen Vertreter Aserbaidschan mit der Ausrichtung der Spiele betraut. Vielleicht auch als Wiedergutmachung dafür, dass der Staat zwischen Kaukasus und Kaspischem Meer bei den Bewerbungen um die großen Sommerspiele 2016 und 2020 gescheitert war. Dass dieses Scheitern auch in Zusammenhang mit menschenrechtlichen Fragen stand, muss nicht angenommen werden.

Staatspräsident Ilham Alijew gilt wie sein 2003 gestorbener Vater und Amtsvorgänger Heydar Alijew als Autokrat reinsten Wassers. Bis zu 100 Regimekritiker sollen derzeit inhaftiert sein. Im Ranking der Pressefreiheit führt die Organisation Reporter ohne Grenzen Aserbaidschan auf Position 160 von 180, nur knapp vor China oder Nordkorea.

Das Herannahen der Spiele, die das Image des Landes und seiner die lukrativsten Geschäftszweige kontrollierenden Herrscherfamilie aufpolieren sollen, hatte keine mildernde Wirkung. Die Organisation für Zusammenarbeit und Sicherheit in Europa (OSZE) war dazu aufgefordert worden, ihre Niederlassung in Baku bis Anfang Juli zu räumen.

Amnesty nicht willkommen

Amnesty International ließ vom Vorhaben ab, vor Ort seinen Bericht "Die Spiele der Unterdrückung" vorzustellen, in dem Verstöße gegen die Menschenrechte und die Pressefreiheit aufgeführt werden. Aserbaidschan sei "nicht in der Position, Amnesty zu diesem Zeitpunkt in Baku willkommen zu heißen", habe die Botschaft in London der Menschenrechtsorganisation mitgeteilt.

Die Illusion, dass Sportfunktionäre mit kritischen Stellungnahmen in der Öffentlichkeit einspringen könnten, hat Heinz Patzelt vom Amnesty Österreich nicht. "Der Umgang von internationalen und nationalen Sportverbänden mit diesem Thema ist um Kategorien unprofessioneller, als ich das je von Vertretern von Staaten erlebt habe. Die haben null Einstellung, null Gefühl", sagte Patzelt dem STANDARD. Er sieht aber im Sport eine "riesige Chance für Menschenrechte, wenn man sie nützt. Hin oder Nichthin ist nicht die Frage, sondern: Was tut man, wenn man dort ist?"

Österreichs höchstrangiger Baku-Reisender, der Zweite Nationalratspräsident Karlheinz Kopf, der am Freitag der Eröffnung beiwohnen wird, beantwortete das für sich auf Anfrage über sein Büro. Er werde "neben offiziellen Gesprächen auf Parlamentsebene auch die Gelegenheit nützen, um mit Vertretern der Zivilgesellschaft und Menschenrechtsaktivisten Gespräche zu führen". Für Kopf, der von österreichischen Firmenvertretern begleitet wird, ist "der Wunsch Aserbaidschans nach einer engeren Zusammenarbeit mit der EU deutlich spürbar. Aserbaidschan sieht seine Rolle zudem auch als Brücke zwischen Europa und Asien. Beides sollte aktiv unterstützt werden, kann aber nur auf der Basis europäischer Werte erfolgen. Unverzichtbar wird daher 'das offene Wort' sein".

Frühbucherbonus

ÖOC-General Mennel, der zum Thema Boykott auf die Teilnahme Armeniens ungeachtet eines seit Jahren schwelenden Konflikts mit Aserbaidschan verweist, ist mit der professionellen Organisation der angeblich sechs Milliarden Euro teuren Spiele zufrieden. Das ÖOC investiere alleine für die Ausrüstung bis zu 300.000 Euro. Kost und Logis sind frei, die Flüge wurden vom Veranstalter bezuschusst. "Wir haben früh gebucht, dadurch schneiden wir gut ab", sagte Mennel. (Sigi Lützow, 11.6.2015)

  • Die Flame Towers waren 2012, kurz nachdem die European Games nach Baku vergeben worden waren, fertig.
    foto: apa

    Die Flame Towers waren 2012, kurz nachdem die European Games nach Baku vergeben worden waren, fertig.

  • Geordneter Aufmarsch der Security.
    foto: apa/epa/shipenkov

    Geordneter Aufmarsch der Security.

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