Vorchristlichen Wurzeln des modernen Antisemitismus auf der Spur

10. Juni 2015, 17:20
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Wiener Judaist: Christentum machte sich eine Tradition zunutze, die schon vorher bestand

Wien - Einer aktuellen Studie zufolge sind heute noch 12,5 Prozent aller Österreicher der Meinung, "die Juden" seien verantwortlich für den Tod von Jesus Christus. Vorurteile und antisemitische Klischees wie dieses haben eine lange Geschichte - sie kamen teils bereits in antiken Texten vor, wie Judaist Armin Lange erklärt. Eine Konferenz an der Uni Wien begibt sich Mittwoch und Donnerstag auf Spurensuche.

Tradition der Verteufelung reicht lange zurück

"Man kann modernem Antisemitismus nur begegnen, wenn man seine lange Geschichte kennt", meint Lange. Und diese reicht etwa bis 300 vor unserer Zeitrechnung zurück, als die ersten antiken Autoren das jüdische Volk zum Thema machten. "Alttestamentarische Geschichten wurden persifliert oder derart nacherzählt, dass keinerlei Sympathie für das jüdische Volk möglich war", berichtete der Judaist. So etwa die Exodus-Erzählung, die vom Auszug des auserwählten Volkes aus Ägypten zu einer Geschichte "von Leprakranken, die aus dem Pharaonenreich geschmissen werden, mutierte", so Lange, Professor am Institut für Judaistik der Uni Wien.

Schon in den ersten Jahrhunderten vor unserer Zeitrechnung sei das jüdische Volk verteufelt worden. So sei beispielsweise suggeriert worden, dass die Juden in Verbindung mit dem ägyptischen bzw. griechischen Chaosgott stünden - eine Tradition, die im Christentum durchaus übernommen und fortgesetzt wurde. So bezeichnet das Johannesevangelium Juden etwa als "Söhne des Teufels". Zudem seien sie für die Kreuzigung von Jesus verantwortlich gemacht worden, so der Wissenschafter.

"Das Christentum hat eine sehr unrühmliche Rolle gespielt"

"Das Christentum hatte einen entscheidenden Anteil an der Wirkmächtigkeit und dem Überleben der antisemitischen Vorurteile, über christliche Texte wurden sie bis in die Gegenwart tradiert", schilderte Lange. Der Grund dafür liegt auch im Versuch der neuen Religion, sich gegenüber ihrem Ursprung abzugrenzen: "Und man kann sich besonders gut abgrenzen, wenn man den anderen verteufelt." Traditionen aus der Antike wurden demnach aufgegriffen und in das eigene ideologische Gebäude integriert. "Das Christentum hat von der Antike bis in die Gegenwart eine sehr unrühmliche Rolle gespielt", betonte der Judaist.

In der zweitägigen Konferenz, die in Kooperation mit der Hochschule für jüdische Studien in Heidelberg und der evangelisch-theologischen Fakultät der Universität München vom Wiener Institut für Judaistik organisiert wird, sollen diese Ursprünge und deren Rezeption im Laufe der Jahrtausende sichtbar gemacht werden. Ein Vortrag beschäftigt sich auch mit der jüdischen Reaktion auf die Angriffe. Den Komplex Islam hat man dabei jedoch bewusst außen vor gelassen: "Unser Schwerpunkt liegt mit der Antike und Spätantike auf einer Zeit, als es den Islam noch nicht gegeben hat. Auch wenn natürlich klar ist, dass diese Stereotype nicht nur im Christentum, sondern auch im Islam bis heute wirkmächtig sind", erklärte Lange. (APA/red, 10.6. 2015)


"Antisemitism and the Bible in (Late) Antiquity", 10. und 11. Juni, Institut für Judaistik, Campus der Universität Wien, Spitalgasse 2, 1090 Wien. Hörsaal 1.

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