Christian Gerhaher: Wenn Klugheit hörbar wird

10. Juni 2015, 17:25
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Der Bariton und Pianist Gerold Huber traten mit einem reinen Mahler-Programm im Wiener Musikverein auf

Wien - Vollendet, vollkommen, voller Perfektion: Die Worte reichen nicht aus, um das Phänomen zu beschreiben. Wie soll man seinen Gesang, wie den Sänger Christian Gerhaher fassen, ohne in inflationäre Superlative abzugleiten? Schon die Schönheit der Stimme ist einmalig: kernig in der Tiefe und Mitte, mit lichten Höhen, geschmeidig wie Balsam, zugleich in sich ausgeglichen und modellierbar. Entscheidend aber, was der Bariton damit vollbringt.

Unerschöpflich war auch die Klangvielfalt, die er im Musikverein anhand eines reinen Mahler-Programms mit Klavierliedern heraufbeschwor - und sich wie nebenbei auch noch ideal an den dafür gar nicht idealen Großen Saal anpasste: etwa mit einem wunderbar tragfähigen Piano, in dem schon der Kern seiner ganzen Meisterschaft verborgen lag, ebenso wie in seiner Fähigkeit, Dynamik und Volumen von Tönen genauestens zu dosieren.

Mühelos wirkender Kraftakt

Man hört den prägenden Einfluss von Dietrich Fischer-Dieskau in manchmal verblüffend ähnlichen Farben, ebenso wie in der klaren Diktion, doch geht Gerhaher mit seiner emotionalen Direktheit und persönlichen Auslotung der Lieder völlig eigene Wege. Die Lieder eines fahrenden Gesellen begann er etwa in fahlem, gedrücktem Ton. Lied des Verfolgten im Turm, Teil einer großen und dramaturgisch wohlüberlegten Auswahl Aus Des Knaben Wunderhorn machte er mit trotzigem Aufbegehren zu einem gleichwohl mühelos wirkenden emotionalen und stimmlichen Kraftakt.

Mit Gerold Huber verbindet Gerhaher eine langjährige Zusammenarbeit und eine echte künstlerische Partnerschaft, die beide nicht nur buchstäblich jeden Atemzug zusammen vollbringen lässt, sondern auch ihre Deutung spürbar zu einer gemeinsamen Sache macht, die die Begriffe "Vorspiel" und "Nachspiel" und überhaupt "Begleitung" Lügen straft: gestalterisch wie aus einem Guss, wobei auch Huber ein Künstler mit Ecken und Kanten ist, der nicht nur über orchestral schillernde Farben verfügte, sondern auch pointiert, gar mit passender Derbheit auf das verzweifelt Schreiende von Mahlers albtraumhafter und doch so sinnenreicher Welt aufmerksam machte.

Intelligenter Zugang

Das war dem stimmlich wie interpretatorisch gleichermaßen hochintelligenten Zugang des Sängers fast ebenbürtig. Und mit der Zugabe nach den Kindertotenliedern fanden beide eine geniale dramaturgische Lösung mit dem 4. Satz (Urlicht) aus Mahlers 2. Symphonie - entrückter, gelöster Wohlklang. (Daniel Ender, 10.6.2015)

  • Magischer Klang trifft Intelligenz: Christian Gerhaher.
    foto: sony

    Magischer Klang trifft Intelligenz: Christian Gerhaher.

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