Niederlande: Künstliche Überschwemmungen als Kriegslist

10. Juni 2015, 17:37
7 Postings

Offenbar wurde ein Drittel aller Überflutungen im Südwesten der Niederlande in den letzten 500 Jahren mit Absicht herbeigeführt

Amsterdam/Wien - In der Nacht auf den 1. Februar 1953 ereignete sich die wohl bislang schlimmste Katastrophe in der niederländischen Nachkriegsgeschichte: Die folgenreichste Nordsee-Sturmflut des 20. Jahrhunderts kostete 1835 Menschen das Leben, auch in Großbritannien und Belgien gab es etliche Tote.

Am schwersten betroffen war die Provinz Zeeland im Südwesten der Niederlande, die aufgrund ihrer Lage von jeher Überschwemmungen besonders ausgeliefert sind. Auf dem einstigen Archipel aus unzähligen Inseln in den Flussdeltas der Maas, der Oosterschelde und der Westerschelde errichteten Siedler schon vor über einem Jahrtausend Deiche und Polder, um Land zu gewinnen und sich vor Hochwassern zu schützen - nicht immer erfolgreich.

Strategische Flutungen

Der niederländische Historiker Adriaan de Kraker (Freie Universität Amsterdam) beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit historischen Fluten in der Region und kommt nun nach der umfangreichen Auswertung historischer Dokumente zu einem erstaunlichen Befund: Ein Drittel aller Überschwemmungen in den vergangenen 500 Jahren wurde absichtlich herbeigeführt - aus strategischen Gründen in Kriegszeiten. Wie de Kraker in "Hydrology and Earth System Sciences" schreibt, seien von 32 größeren Ereignissen zwischen 1500 und 2000 insgesamt 21 auf Stürme zurückzuführen, elf aber nachweislich mit Absicht von Menschenhand ausgelöst worden.

Die Erfolgsbilanz dieser Aktionen ist durchwachsen: Im Achtzigjährigen Krieg (1568-1648), in dem die Niederländer ihre Unabhängigkeit von der spanischen Krone erkämpften, ließ etwa Wilhelm I. von Oranien mehrere Nordseedeiche zerstören und dadurch Teile Flanderns fluten, um den Vormarsch der Spanier aufzuhalten.

Doch das Unterfangen geriet völlig außer Kontrolle: Während die Überschwemmungen ihre strategische Wirkung verfehlten und die Spanier nicht davon abhalten konnten, Gent, Brügge und Antwerpen einzunehmen, versanken fast zwei Drittel Nordflanderns unter Wasser und blieben mehr als hundert Jahre lang überflutet.

Riskante Taktik

Die Folgen für die Landschaft sind bis heute evident: In vielen Gebieten lagerte sich eine dicke Lehmschicht ab und prägte die Böden. Dort, wo Deiche zerstört wurden, entstanden neue Kanäle, die teilweise bis heute existieren. "Strategisches Fluten ist eine höchst riskante Taktik", so Kraker. "Sie kann nur gelingen, wenn es einen gut durchdachten Notfallplan und ein Programm für schnelle Reparaturen gibt." Für das 16. Jahrhundert seien aber keine Hinweise auf derlei Sicherheitsmaßnahmen vorhanden.

Militärische Erfolge

Als im 17. Jahrhundert französische Truppen im heute belgischen Teil Flanderns einmarschierten (Niederländisch-Französischer Krieg 1672- 1678), war man offenbar schon besser vorbereitet: Anstatt einfach nur Dämme zu durchbrechen, entwickelten niederländische Ingenieure ein System aus Schleusen und Kanälen, mit denen eine rasche, kontrollierte Flutung möglich war.

Jüngere Beispiele stammen hingegen erst aus dem Zweiten Weltkrieg. Sowohl die deutsche Wehrmacht als auch die Alliierten nutzten Überflutungen militärstrategisch. Letztere waren damit recht erfolgreich: Im Oktober 1944 ließ US-General Eisenhower durch Deich-Bombardements die Halbinsel Walcheren unter Wasser setzen, wodurch die Kontrolle über die Mündung der Westerschelde gewonnen werden konnte.

Der Aktion fielen auch Zivilisten zum Opfer, Jahre später verdankten ihr hingegen zahlreiche Anrainer das Leben: Denn nach dem Krieg wurden die Deiche neu befestigt und deutlich verstärkt, weshalb Walcheren von der verheerenden Flutkatastrophe 1953 weitgehend verschont blieb. (David Rennert, 10.6.2015)

  • Dieses Marschland in der niederländischen Provinz Zeeland war einst  fruchtbares Ackerland - bis 1584 Deiche zerstört wurden, um die  spanischen Besatzungstruppen aufzuhalten.
    foto: a. de kraker

    Dieses Marschland in der niederländischen Provinz Zeeland war einst fruchtbares Ackerland - bis 1584 Deiche zerstört wurden, um die spanischen Besatzungstruppen aufzuhalten.

Share if you care.