Die liebe Not um das Brot

11. Juni 2015, 09:00
459 Postings

Zwischen Supermärkten und Bäckern gibt es haufenweise Brösel, fast jeder Diskonter bietet bereits Frischgebäck an – sehr zum Ärger der Bäckereibetriebe

Wien/Linz – Stirbt das Frühstückssemmerl aus? Die Rede ist von dem in Handarbeit vom Bäcker in den jungen Morgenstunden geformte Gebäck. Denn die Zahl der klassischen Backstuben nimmt sukzessive ab. Erst am Dienstag musste die Muttergesellschaft der Ring-Bäckerei in Linz, die Success-Marketing UnternehmensberatungsgmbH, dichtmachen. Es war nicht zum ersten Mal Feuer am Dach der Linzer Großbäckerei Ring. Am 3. Februar 1980 war die Rauchsäule weit über der Landeshauptstadt zu sehen.

In dem traditionsreichen Firmengebäude der Ringbrot-Werke an der Ecke Reindlstraße/Wildbergstraße im Stadtteil Urfahr war im Bereich der Backöfen ein Feuer ausgebrochen, das sich zu einem der verheerendsten Großbrände der Stadtgeschichte ausweitete und das Hauptgebäude der Brotfabrik in Schutt und Asche legte.

Der Schock nach dem Brand war bei vielen Linzern groß, gehörte doch Ring-Brot zur Stadt wie der Pöstlingberg. Generationen haben sich an den Produkten des Unternehmens gelabt - Ring war längst schon zu einem großen Lebensmittelproduzenten geworden, der unter anderem auch Kindernahrung, Biskotten, Wafferln und Marmeladen erzeugte.

Blütezeit in den 1950ern

Es sollte jedoch nur knapp ein Jahr vergehen, bis am 7. Juli 1981 mehrere Nebengebäude in Vollbrand gerieten, womit auch das Ende des Standortes eingeleitet war. Die in den 1950er-Jahren rund 500 Beschäftigte zählende Brotfabrik siedelte in einen Fabrikneubau an der Estermannstraße um. Doch auch der neue Standort brachte den Eigentümern kein Glück: Am 27. April 1985 brach nachts abermals ein Brand aus.

1986 musste das Traditionsunternehmen den Ausgleich anmelden. Das auf 150 Beschäftigte reduzierte Unternehmen wurde von der Nährmittelfabrik Eduard Haas übernommen.

Heute, fast drei Jahrzehnte später, nutzt keine Feuerwehr mehr. 440 Mitarbeiter verlieren durch die Pleite der Ring-Gruppe ihren Job - endgültig, denn eine Sanierung ist nicht geplant. Wie es so weit kommen konnte, liest man im Insolvenzantrag. Dort heißt es, die "wirtschaftliche Entwicklung verlief in den letzten Jahren schlecht. Dies ist auf Mängel in den Produktionsstätten (...) sowie auf massive Verluste in der Mehrzahl der 47 Filialen (...) zurückzuführen". Was sich hinter dem Terminus "Mängel in den Produktionsstätten" verberge, wisse man zum heutigen Zeitpunkt nicht, so Petra Wögerbauer vom KSV 1870 Linz.

Die Ring-Pleite ist der erste Bäckereikonkurs im heurigen Jahr in Oberösterreich, bundesweit zählt man bis dato 13. Der Ausblick ist, gestützt auf nüchterne Zahlen, düster: Im Jahr 2014 zählte man 27 Fälle von eröffneten Konkursen (inklusive der abgewiesenen Anträge: 38), 2013 waren es 28 (38), 2012 immerhin 19 (23). Derzeit deute viel daraufhin, dass sich das Bäckersterben fortsetzen werde, so Wögerbauer. Gemeint sind der steigende Preisdruck und der schärfer werdende Verdrängungswettbewerb wie beispielsweise durch Backshops in Supermärkten oder der Verkauf direkt neben der Straße: Brot und Gebäck gibt es bekanntermaßen mittlerweile schon an fast jeder Tankstelle.

Brotlose Kunst

Wird also für viele regionale und lokale Bäcker ihre Profession zur brotlosen Kunst - und wie gegensteuern? Bei Spar meint man, das richtige Rezept gefunden zu haben. Vorstandsvorsitzender Gerhard Drexel nennt das "über Jahrhunderte gewachsene Handwerk" ein "wichtiges Kulturgut". Die Lebensmittelkette arbeite daher mit 500 regionalen Bäckern zwischen Vorarlberg und dem Burgenland zusammen. Nach eigenen Angaben ist Spar in dieser Hinsicht österreichweit führend. Angesprochen auf die Rolle der Supermärkte beim Bäckersterben, merkt Unternehmenssprecherin Nicole Berkmann an: "Bäcker müssen wie alle anderen Erzeuger innovativ sein, Trends erkennen und frühzeitig mit entsprechender Produktentwicklung reagieren. Manche haben das - na sagen wir mal - nicht so gut hingekriegt." Der gesellschaftliche Wandel bewirke auch, dass Kunden aus zeitlichen Gründen lieber alles in einem Geschäft kaufen, als sieben verschiedene Läden abzuklappern.

Einigen Bäckern werde das Konzept à la Spar wohl helfen - vorausgesetzt, dem Handel beschere es das gewünschte Umsatzwachstum, so Wögerbauer. Um mehr Geschäft zu lukrieren, rät sie Bäckereibetrieben, an gängigen Trends mit Spezialprodukten mitzumischen. Angesagt seien schon seit längerem bio oder vegan. Bleibt die Frage, ob der Durchschnittsösterreicher bereit ist, mehr Geld als im Diskonter dafür hinzulegen. Eine Frage mehr - und bestimmt nicht die letzte im Kampf zwischen KMUs und Lebensmittelriesen. Ausgang offen.

Zurück nach Linz: Dort erinnern heute nur noch zwei männliche Figuren auf dem Sims eines markanten Eckhauses mit Brot und Sichel in Händen an die 99-jährige Geschichte der legendären Ringbrot-Werke. (Markus Rohrhofer, Sigrid Schamall, 11.6.2015)

  • Kerniges und Knackiges gibt es nicht nur beim klassischen Bäcker ums Eck. Auch Supermärkte setzen vermehrt auf frisches Gebäck.
    foto: apa/paul knecht

    Kerniges und Knackiges gibt es nicht nur beim klassischen Bäcker ums Eck. Auch Supermärkte setzen vermehrt auf frisches Gebäck.

  • Artikelbild
    foto: fotosammlung archiv der stadt linz
Share if you care.