Album der Woche: Keith Jarretts "Creation"

11. Juni 2015, 16:58
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Der Jazzpianist hat zu seinem 70er solistische Konzertmomente zu einer CD zusammengestellt

Es gibt wohl kaum eine Weltmetropole, in der Keith Jarrett nicht eines seiner Solokonzerte gegeben hat. Das meiste davon wurde wohl auch mitgeschnitten, CD-Dokumente könnten jedenfalls dicke Figur in Bibliotheken machen – auch ein netter Abend an der Wiener Staatsoper ist publiziert worden. Nicht immer natürlich war dabei jeder Augenblick künstlerisch zwingend, was an sich normal ist, also keine Katastrophe. Jarrett ist nur ein Mensch. Das Erspielte entsprach halt nicht immer dem Nimbus, den das Projekt "Soloimprovisation als Komposition in Echtzeit" verbreiten wollte.

Jarrett inszenierte sich ja als Botschaften empfangendes Medium, als quasi Gültiges Gebärender, als Versenkungsmusiker, der den Augenblick des Schaffens als Ort der Produktion von Letztgültigem definiert. Er strebte also Unmögliches an, was zu gewissen Nebenwirkungen führen musste. Also zu für CDs nicht nötigen Passagen des Hineinkommens in einen Zustand des Schaffens. Wie Kaminfeuermusik konnte das dann klingen, bevor Jarrett doch noch zu Besonderem ansetzte.

Heuer feiert der große US-Pianist 70. Geburtstag (am 8. Mai ist es passiert); weshalb er eine CD herausgebracht hat, deren Material nicht einfach ein weiteres Konzert dokumentiert. Jarrett hat seine Konzerte des Jahres 2014 durchgehört, die in Toronto, Tokio, Paris und Rom stattfanden. Und er hat Momente zu einer Art neunteiliger Suite zusammengestellt, die unter Creation (bei ECM) herauskam.

Ein intelligenter Zugang, da er etwaige Leerläufe ausklammert und das Konzentrat liefert. Und siehe da: Hier klingt ein großer Romantiker, der der Klassik kundig ist, durch, ein Kenner des Impressionismus, der eher nachdenklich, lyrisch und melancholisch tönt. Immer schimmert indes reife Verarbeitungskunst von Motiven durch. Der gerne mitsingende und mitstöhnende Jarrett taucht in harmonische Wolken ein, kommt mit dunklen Arpeggi wieder heraus, jagt ein Motiv durch diverse Harmonien und bezeugt sein Formbewusstsein. Ja, das Material hat etwas von in sich ruhenden eleganten Kompostionen. Wenig Ekstatisches, keine großen Virtuosengesten, dafür reichlich Klarheit und Wesentliches. (tos, Rondo, 12.6.2015)

  • Keith Jarrett "Creation" (ECM)
    cover: ecm

    Keith Jarrett "Creation" (ECM)

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