Stahlbranche hofft auf den frischen Wind aus Brüssel

10. Juni 2015, 16:04
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Europas Stahlbranche kämpft mit Problemen. Überkapazitäten, stagnierende Nachfrage und steigende Exporte aus China drücken auf die Preise. Die heimische Branche fährt mit Spezialisierung vergleichsweise gut, hofft aber auch auf die EU

Wien - Die Voestalpine legte dieser Tage ein Vorzeigeergebnis für das abgelaufene Geschäftsjahr vor. Das Betriebsergebnis stieg um 11,4 Prozent auf 1,5 Milliarden Euro. Die guten Zahlen verdanken die Linzer unter anderem der brummenden Nachfrage aus der Auto- und Eisenbahnbranche. Fast die Hälfte des Umsatzes von 11,2 Milliarden Euro erwirtschaftet der Konzern mit dem Bereich Mobilität: mit Flugzeugturbinen, Raketenteilen, Hightech-Autos und Highspeed-Bahnstrecken.

Voest-Chef Wolfgang Eder, bekannt für seine gerne heftig formulierte Kritik an der Politik, aber auch an der eigenen Branche, verströmt bei der Präsentation der Zahlen für seine Verhältnisse geradezu Optimismus. Die Werke des Linzer Konzerns seien gut ausgelastet. Für das weitere Jahr stellt er Zuwächse in Aussicht. Die Lage sei vergleichsweise komfortabel, die Voestalpine hochprofitabel und schon lange Spezialist in hochwertigen Werkstoffen. Die Stahlsparte trägt nur noch ein Drittel zum Umsatz bei.

Spezialisierung

Das von Eder gebetsmühlenartig vorgetragene Rezept: "Es zählt nicht Größe und Menge, nur die Profitabilität. Die kann ich nur mit Spezialisierung in Europa erreichen." Nicht alle in Europa kommen da mit. Seit den 1990er-Jahren sind von 26 Unternehmen zehn namhafte übrig geblieben. Für den größten deutschen Stahlhersteller ThyssenKrupp und den zweitgrößten Salzgitter lief es dank Sanierung zuletzt wieder besser. Salzgitter ist im Auftaktquartal in die schwarzen Zahlen zurückgekehrt, ThyssenKrupp steckte sich höhere Geschäftsziele.

Woran alle knabbern, ist ein Bündel an Problemen. "Wir haben derzeit Überkapazitäten von rund 30 bis 40 Millionen Tonnen, die Preise bleiben im Keller", sagt Voest-Sprecher Felsbach. Sein Chef Eder macht keine Hoffnung, dass sich das Problem von selbst löst: "Wir müssen uns in Europa in den nächsten 20 Jahren wohl von etwa zwei Dritteln der Kapazitäten verabschieden." Derzeit erwirtschaften die europäischen Stahlkonzerne nicht einmal die Kapitalkosten.

Stahl aus China

Die stagnierende Nachfrage und steigende Exporte aus China machen die Lage nicht besser. Verstärkt wird die explosive Mischung dadurch, dass man sich mancherorts in Europa schwertut, Werke zuzusperren. In Italien hat etwa die Regierung den Stahlkonzern Ilva - Europas größtes Stahlwerk - wiederverstaatlicht, um 16.000 Arbeitsplätze zu retten. Was die Stahlbranche auch umtreibt, sind steigende Kosten. Etwa durch den Beschluss der EU-Kommission, über eine Reduktion der Zertifikate im Emissionshandel ab 2019 den Preis für eine Tonne CO2 deutlich anzuheben. Dieser ist 2008 unter die Marke von zehn Euro gerutscht - ein zu geringer Anreiz nach Ansicht Brüssels, um in die CO2-Reduzierung zu investieren.

Klimaschutzpläne der EU

"Wenn die Klimaschutzpläne der EU-Kommission so umgesetzt werden, kann das für die Stahlindustrie lebensbedrohlich werden", warnt Robrecht Himpe, Vizepräsident von ArcelorMittal Europe und Chef des Europäischen Branchenverbands Eurofer. Die Voestalpine rechnet etwa mit einer Kostenbelastung von deutlich über 200 Millionen Euro im Jahr. Der Deutsche-Bank-Analyst Josef Auer erwartet in einer Analyse "eine gewisse politische Vernunft hinsichtlich der Regelungen für die Stahlwirtschaft beim Energiebezug sowie der Fortentwicklung der Klimapolitik". Bei der Voest ist man da eher skeptisch.

Analyst Rochus Brauneiser von der französischen Investmentbank Kepler Cheuvreux hat in einer Branchenstudie aber auch gute Nachrichten. Die EU-Kommission geht Dumping-Vorwürfen nach. Chinesische und russische Stahlhersteller sollen bestimmte flachgewalzte Erzeugnisse aus Eisen oder Stahl unter Wert verkauft haben. Im Ernstfall drohen Strafzölle. Laut Brauneisers Einschätzung wendet sich das Blatt für Europas Branchengrößen damit zum Besseren, könnten doch die Stahlpreise im zweiten Halbjahr steigen.

Hoffen auf EU

Brauneiser ortet ein Umdenken in der EU. Man beginne zu realisieren, wie wichtig der Stahlsektor für Europas Konjunkturaussichten sei. Die Unterstützung seitens der EU ist es auch, die Eder bei der Präsentation der Zahlen positiv stimmt: Vor allem die schwächelnde Baubranche dürfe ab dem zweiten Halbjahr von dem geschnürten Infrastrukturpaket profitieren. Was für die Voest gut ist, dürfte auch die gesamte heimische Stahlbranche entspannen, fährt sie doch im Windschatten des "Ökosystems Voest" mit, wie Wifo-Experte Andreas Reinstaller sagt. Obgleich die Branche an sich gut aufgestellt und geprägt durch hohe Werkstoffkompetenz ist, schlage sich die Krise seit 2009 deutlich nieder. "Der Wert der Importe ist gegenüber dem Wert der Exporte gestiegen. Die Betriebe versuchen die Zahl der Jobs und die Auslastung zu halten - mit niedrigeren Preisen." (Regina Bruckner, 10.6.2015)

  • Ein Blick in ein Werk von ThyssenKrupp.
    foto: apa/weihrauch

    Ein Blick in ein Werk von ThyssenKrupp.

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