Wenn Maschinen Befehlen von Maschinen folgen

12. Juni 2015, 09:00
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Im Dienstleistungsbereich hat die neue Zeit schon Einzug gehalten, in der Industrie schreitet sie mit Riesenschritten voran: Die Fusion von Produktion und Informationstechnologie

Wien – Das größte Taxiunternehmen der Welt heißt Uber, Facebook ist der größte digitale Medienkonzern, Airbnb die größte Hotelkette. Allen drei ist gemein, dass sie weder Taxis noch Laptops noch Hotels besitzen. Sie sind aber top, was das Verständnis der Informationstechnologien und das Handling einschlägiger Daten betrifft. Was im Dienstleistungsbereich schon vor längerem Einzug gehalten hat, drängt nun mit Vehemenz auch in die heiligen Hallen der Industrie.

Industrie 4.0 heißt das Zauberwort, von dem Experten in Europa auch eine Ankurbelung des Wirtschaftswachstums erwarten. Außerhalb des deutschsprachigen Raums besser bekannt als Internet der Dinge soll die Verschmelzung von Produktion mit Informationstechnologie auch viele neue Jobs bringen. Gleichzeitig werden freilich auch viele Arbeitsplätze in alten Industrien, die den Wandel nicht rechtzeitig schaffen, verlorengehen. "Die Schnellen werden die Langsamen fressen", sagte Claus Gerberich, Professor für Unternehmensführung, Ex-Vorstand und -Geschäftsführer bei Konzernen wie Adidas und Schöller Mövenpick, dem STANDARD.

Chance für Mittelstand

Gerberich, der jetzt als Berater tätig ist, sieht durch die nun mögliche Kommunikation zwischen Maschine und Maschine Chancen vor allem für den Mittelstand. Das Pendel schlage wieder zurück, es sei ein Trend von großen zentralen Fabriken hin zu vielen dezentralen Einheiten zu beobachten – Einheiten, die sich selbst steuern.

Und noch etwas: Das Outsourcing von Produktionen in Länder mit niedrigeren Arbeitskosten wie China oder Indien könnte durch die Möglichkeiten, die die Fusion von Produktion und IT mit sich bringt, ein Ende finden.

"Es gibt einen Paradigmenwechsel", sagte Gerberich. "Wollte man früher die Wertschöpfungskette unter allen Umständen besitzen, sind heute diejenigen erfolgreich, die diese Wertschöpfungskette ganzheitlich steuern."

Der Wandel geht mit einer Rasanz vor sich, die bisher Gewohntes in den Schatten stellt. Dessen seien sich viele Betriebe noch gar nicht bewusst. "Wir stecken mittendrin im Internet der Dinge", sagte Michael Klemen, Vorstandsmitglied im Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik in Österreich (BMÖ). "Viele verschlafen die Entwicklung."

Vorreiter in Maschinenbau und Automobil

Branchen wie Maschinenbau und Automobil schwimmen obenauf, Länder wie Deutschland, Großbritannien und die Staaten im Norden Europas sind so etwas wie Vorreiter der Industrie 4.0.

Ängste, die Neuerungen mit sich bringen, könne nur die Zeit heilen, glaubt Henz Pechek, geschäftsführender BMÖ-Vorstand. "Auch beim Übergang von der Pferdekutsche zur Dampfeisenbahn gab es Widerstand und Ängste. Man hat sich dann daran gewöhnt. Das wird auch hier passieren", ist sich Pechek sicher.

Aber was passiert eigentlich, wenn Maschinen mit Maschinen sprechen? Ein Gerät erkennt beispielsweise, dass ein Teil kaputtgeht. Es ordert rechtzeitig Ersatz, indem es mit dem Roboter im Lager kommuniziert, der das benötigte Teil dann flugs transportklar macht. Die Rolle des Menschen tritt immer mehr in den Hintergrund. Am augenscheinlichsten wird das beim selbstfahrenden Auto – auch ein Produkt von 4.0.(Günther Strobl, 12.6.2015)

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