Kleinstadthölle, Supermamas und Al Bundy: Lasst uns über Familie in Serien reden

Blog11. Juni 2015, 11:23
201 Postings

Ein Format des Schreckens und der Liebe: Familienserien und was dieses Format heute sein kann

Seine Familie kann sich niemand aussuchen. Ein bisschen besser ist das bei Fernsehfamilien. Mittlerweile ist das Spektrum so breit, dass sich jede und jeder was findet. Mamas arbeiten außer Haus, Papas machen Hausarbeit, und nicht immer mögen sich alle. Diesmal ging es in unserer kleinen "Serienreif"-Familie darum, wie sich dieses Format verändert hat, welche anderen Geschichten erzählt werden können und warum "Roseanne" uns nostalgisch macht.

Julia Meyer: So aus dem Bauch heraus würde ich behaupten, dass Familienserien im Allgemeinen nicht den besten Ruf genießen. Oder anders: Wenn ich das Wort höre, denke ich ganz undifferenziert an ein Genre, dessen erzählerische Grenzen recht eng sind und dessen Strukturen vorhersehbar. Und bei dem die Moral am Ende jeder Folge siegt.

Doris Priesching: Liebe Julia, ich würde behaupten, dein Bauch trügt dich. Klar gibt's die tranigen mit der muffeligen Moral, aber doch nicht nur! "Roseanne", die allergrößte, hat sämtliche Konzepte durcheinandergewürfelt und hat lange Jahre ein irres Bild der typischen amerikanischen Kleinstadthölle abgeliefert. Oder "Cybill" – zwei Töchter von zwei verschiedenen Vätern, beide sind noch in Kontakt mit der Mutter, deren beste Freundin auf Haus und Mann aber sowas von pfeift. In bester Erinnerung ist mir auch noch – ich komm nicht auf den Namen, unter dem sie bei uns lief, in Deutschland hieß sie "Familienbande". Mit den Hippie-Eltern und den straighten Kindern, Michael J. Fox war dabei, und es gab nur ganz wenig Moral. Oder die außerirdische Familie "Hinterm Mond gleich links". Hysterisch göttlich! Oder "Malcolm mittendrin", die beste Familiencomedy von allen.

foto: reuters/mario anzuoni
Einige Jahre nach dem Serienfinale: Roseanne Barr und John Goodman. Oder einfach für Fans wie uns Roseanne und Dan.

Daniela Rom: Gerade bei "Malcolm mittendrin", aber auch bei "Roseanne" steht im Zentrum eigentlich die in beiden Fällen zumeist recht harmonische Beziehung zwischen den Eltern. Da ist zwar das Außenbild: Die Chaostruppe mit vielen Kindern, ohne Geld und in irgendwelchen schlecht bezahlten Jobs. Innen drin ist aber recht viel eitel Wonne, zumindest zwischen Mama und Papa.

Michaela Kampl: Es gibt eben ziemlich viele unterschiedliche Familienkonzepte in Serien. Das Format ist einfach ein Gefäß, das mit allem Möglichen gefüllt werden kann. Da sind die Klassiker, wie die "Cosby Show", dann die ein bissi moderneren Varianten mit Männern in der Hausarbeiter-Rolle wie bei "Wer ist hier der Boss?" oder auch Abseitiges wie die Alles-ist-gut-wenn-wir-nur-an-Gott-glauben-und-uns-alle-liebhaben-"Himmlische Familie". Und dann waren da auch noch die Arbeiterklassen-Serien, wie "Roseanne" oder "Eine schrecklich nette Familie". Letztere hab ich übrigens nie gemocht. Nie. Nie. Nie. Im Gegensatz zu "Roseanne". Die war immer super. Abgesehen vom Ende, das war ein wenig verstörend.

Julia Meyer: Okay, dann hatte mein Bauchgefühl eingangs wohl nicht ganz recht. Zu den Bundys fällt mir ein, dass dies eine Serie war, die mich als Kind ziemlich verstört hat. Die Lieblosigkeit und die Wurschtigkeit, mit der sich die Familienmitglieder begegnet sind, revidierte so ziemlich alles, was ich mir bis dato unter der Idee "Familie" zusammengedacht hatte. Familie wird hier ja eher über die unterschiedlichen Fronten zwischen den Mitgliedern definiert als über den Zusammenhalt. Einheit funktioniert nur über den Kontrast gegenüber den bürgerlichen Sehgewohnheiten der Zuschauerschaft.

Doris Priesching: Al Bundy mochten Buben, ich fand die auch alle schrecklich unkomisch. Man muss aber den Begriff der Fernsehfamilie weiter fassen. Sobald ich mich einer Serie völlig verschreibe, sind die Protagonisten auch "meine" Familie. "Roseanne" – mit ihr bin ich groß geworden. Sie hat mich wirklich geprägt. Jetzt werde ich gleich sentimental.

Daniela Rom: Wenn wir ein wenig in die Gegenwart kommen ...

Doris Priesching: ... danke!

Daniela Rom: ... dann sind Familienserien ein Kaleidoskop unterschiedlichster Lebensentwürfe. Also, wenn wir Familienserie ganz eng fassen, fallen mir so Sache wie "Brothers and Sisters", "Parenthood" oder "Modern Family" ein. Da gibt es immer einen älteren Charakter, der gewollt oder ungewollt ein neues Leben beginnt: die Witwe, die die Liebe neu entdeckt, oder der Geschiedene mit einer blutjungen neuen Frau. Dann gibt es so gut wie immer einen schwulen Sohn oder eine lesbische Tochter, den Familienvater oder die Supermama, die Karrieristen, und irgendein Problemkind nimmt Drogen, durchlebt Beziehungskatastrophen, ist ein Verbrecher oder alles zusammen. Eigentlich ist das der Mix, aus dem solche Familienserien gestrickt werden, da ist für jeden was dabei. Im Vergleich zu den Serien die du genannt hast, Michi, ist das vielschichtiger – muss jetzt nicht unbedingt heißen, dass es besser ist.

foto: ap/peter 'hopper' stone
Ed O'Neill war schon Al Bundy in einer schrecklich netten Familie. Jetzt spielt er Jay Pritchett in "Modern Family". Dort ist er deutlich freundlicher zu Hund und Familie.

Michaela Kampl: In den Familienserien spiegeln sich eben auch gesellschaftliche Entwicklungen. Wenn bei "Familienbande", das war die Serie mit Michael J. Fox, die Mutter arbeiten ging, war das zu einer Zeit, als sich mehr und mehr Frauen für Arbeit außerhalb der Familie entschieden. Und aktuell sind es Familien, die nicht der traditionellen Kernfamilienrolle – Mama, Papa, Kinder plus Haustier – entsprechen, die in den Familienserien vorkommen. Der Begriff Familie wurde also auch im Fernsehen erneuert oder vielleicht eher erweitert. Und es kann jetzt etwas anderes gezeigt werden als vor 50 oder 30 Jahren.

Julia Meyer: Einerseits stimmt das sicherlich. Gesellschaftliche Umbrüche lassen neue Rollen zu: die alleinerziehende Mutter aus "Gilmore Girls", das schwule Paar mit der adoptierten Tochter aus Vietnam in "Modern Family". Aber letztlich ist es auch immer wieder frustrierend, wie harmlos genannte Beispiele bleiben.

Doris Priesching: Vergesst mir "Big Love" nicht! Da wurden Moralvorstellungen geradezu gesprengt.

Daniela Rom: Stimmt. Es gibt da aber schon eine nicht unspannende Entwicklung: Da gibt's einmal die klassischen Familiengeschichten, die in der Liga von den "Waltons" oder "Unsere kleine Farm" spielen: ein bissi heile Welt, zumindest innerhalb der Familie, die Familie als Anker und Stütze bei allen Problemen. Dann kommen die Serien, wo es um irgendwas Spezielles geht: "Party of Five" – Eltern tot, Kinder allein machen Familie, "Malcolm mittendrin" – das Wunderkind und alle rundherum. Und nun kommen wir offenbar wieder zu den normalen Familiengeschichten ohne besonders ausgefallenen Plot zurück. Nur ist eben nicht mehr alles heil und die Familie nur super, sondern auch der Quell von vielem Übel. So wie in echt halt.

Doris Priesching: Vielleicht haben sich die Erwartungen des Publikums verändert. "Waltons", "Unsere kleine Farm" waren ja in einer Zeit, in der sich Eskapismus noch anders abgespielt hat als heute mit den unendlichen Möglichkeiten der Zerstreuung. Die Zuschauer sind in gewisser Weise abgebrühter geworden, weil sich auch das eigene Familienbild verändert hat, Es muss sich ja nicht gerade so abspielen wie in "Shameless".

Julia Meyer: Vielleicht haben sich die Erwartungen aber auch eben nicht geändert. Klar, ich würd dir auch erstmal recht geben, dass – was jetzt auch schon öfter erwähnt wurde – das starre Familienbild von Vater, Mutter, Kind heute altbacken daherkommt. Aber es hat von der Zuseherseite meiner Meinung nach auch den Effekt, dass gerade die "wilden" Familienserien eine Art beruhigende Wirkung haben. Nach dem Motto "Also, so arg ist es bei uns nicht" bzw. "Ui, das kenn ich, Gott sei Dank sind wir keine Ausnahme". Der anhaltende Erfolg von Familienserien ist ja auch deswegen gesichert, weil es das anschlussfähigste Format aller Zeiten ist: Familie, in welchen Konstellationen auch immer, hat jede und jeder.

Michaela Kampl: Wahrscheinlich gibt es darauf keine eindeutige Antwort. Aktuell gibt es in der Familiendarstellung eine größere Offenheit – auch dessen, was in der Erzählung passiert. Also mehr als die 25 Minuten Konflikt und am Ende ist alles gut. Es ist demnach nicht alles anders geworden, sondern einfach mehr nebeneinander möglich. Ich frag mich, ob es überhaupt noch Tabus in Familienserien gibt.

foto: ap/nick briggs
Familie Crawley wartet gespannt, was das 20. Jahrhundert so bringen wird.

Doris Priesching: Die Serie, die sich übrigens am ehesten noch am "alten" Konzept der klassischen Familienserie orientiert, ist "Downton Abbey". Die Hermetik hat ja fast was von der "Schwarzwaldklinik" – und ist auch schwer morallastig. Trotzdem ist das einfach unheimlich lässig anzusehen.

Daniela Rom: "Downton Abbey" ist wahrscheinlich deswegen so "klassisch", weil's die Zeit halt hergibt. Aber eigentlich sind einige Charaktere gegen den Strich gebürstet, uneheliche Kinder, Sex vor der Ehe und alternde Damen mit Liebesleben – alles da.

Julia Meyer: Hahahaha, "Schwarzwaldklinik"! Aber ja, ich würd auch sagen: "Downton Abbey" ist Eskapismus pur! Klar, die Figuren sind mitunter – wie du sagst, Dani – gegen den Strich gebürstet. Aber gleichzeitig ist die Zeit sehr gefällig nach den Bedürfnissen der Zuschauerinnen erzählt. Die im Rückblick fortschrittlichen Bewegungen werden als jeweils persönliche Errungenschaft der Figuren dargestellt, und die lassen dann halt auch nichts aus – von sozialistischen Ideen übers Hosentragen bis zu feministischen Aufbäumungsversuchen: Es werden aus heutiger Sicht (erzählerisch nicht uninteressant) unterschiedliche Emanzipationsstadien beleuchtet. Aber es läuft dann doch immer auf eine moderne Perspektive hinaus oder auf eine "Wie schwer es auch ist, es lohnt sich"-Sichtweise. Von daher: Eskapismus. Aber ich mag ja Eskapismus. "Shameless" hab ich ja noch nicht gesehen. Aber ich sollte anscheinend?

Daniela Rom: "Shameless" ist wohl die ehrlichste Serie, wenn es um kaputte Familien geht, die dennoch irgendwie funktionieren. Auch wenn es schon ein wenig arg viel Drama für eine Familie Gallagher ist.

Michaela Kampl: Übrigens könnten auch "Die Sopranos" die beste Familienserie der Welt sein. (Michaela Kampl, Julia Meyer, Doris Priesching, Daniela Rom, 11.6.2015)

Und jetzt diskutieren Sie: Wie stehen Sie zu Familienserien? Welche sind Ihre Lieblingsfamilien, welche halten Sie gar nicht aus?

Share if you care.