Angriff aufs Radio: Apple Music soll alle glücklich machen

10. Juni 2015, 11:34
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Apple-Manager Jimmy Iovine und Eddy Cue sehen Musikdienst als Win-Win für Musikbranche und Konsumenten

Ein Mix aus einer Radiostation im Live-Betrieb und Stationen, deren Playlisten im Vorfeld von erfahrenen DJs erstellt wurden. Das ist das Kernelement von Apples neuem Musikdienst Music, für den der Konzern von den Nutzern künftig zehn Dollar im Monat verlangt.

Zumindest vorerst scheint das Angebot kein Angriff auf etablierte Größen wie Spotify zu sein, die allerdings eine ähnliche Strategie verfolgen. Viel eher, schätzt etwa der Guardian, zielt Apple darauf ab, Hörer zu gewinnen, die bislang konventionellem Radio treu geblieben sind.

Zane Lowe und Trent Reznor an Bord

In der Branche, erklärt Iovine, drehe sich vieles nur noch um die Frage, welches Lied man produzieren muss, um in den Radios zu landen. Das führe dazu, dass viel hörenswerte Musik wie hinter einer Wand versteckt bleibe, was für die Künstler entmutigend sei. Mit Apple Music wolle man ein Ökosystem schaffen, das dieses System aufbreche.

Daher wurde auch Zane Lowe, einst Programmchef von BBC Radio 1, für Beats 1 engagiert. Iovine bezeichnet ihn als einen "abenteuerlustigen Kerl" mit dem "Mut, neue Musik zu spielen". Kreativchef der Unternehmung ist Trent Reznor von den Nine Inch Nails. Wenngleich natürlich auch Algorithmen den Hörern helfen sollen, Lieder nach ihrem Geschmack zu finden, soll Apple Music mit einem "menschlichen Touch" punkten. Nur weil jemand viel lateinamerikanische Musik in seiner Sammlung habe, muss daraus nicht unbedingt eine tolle Playlist mit kubanischen Songs erwachsen.

Menschliches Element

Das menschliche Element könnte durch Apple Connect beigesteuert werden, das der Guardian als eine von den Künstlern und Labels gefütterte Mischung aus Soundcloud, Facebook und Youtube beschreibt. Sie können ihre Inhalte dort entweder gratis anbieten, zum Teil des abonnementpflichtigen Angebots machen oder zum digitalen Kauf auf iTunes anbieten.

Diese Flexibilität soll auch Teil des Rezeptes sein, um den Publishern und Musikern teures Geld für die Bezahlung von Marketingunternehmen zu sparen, die sich bislang darum kümmern, ihren Werken öffentliche Aufmerksamkeit zu bescheren. Dazu soll Apples Angebot für die Künstler mehr abwerfen, die nach Iovines Ansicht nach bei anderen Streamingdiensten zu schlecht entlohnt würden. Details zur Aufteilung der Abonnementeinnahmen und dem Zusammenwirken des Ökosystems ließ er sich allerdings nicht entlocken.

Kein "Werkzeug"

Während sich Plattformen wie Spotify laut dem Manager nur als "Werkzeug" verstehen, soll Apple Music mehr bieten. Mit dieser Ansage will man die Konkurrenten im Streaming-Geschäft auch ausstechen. Dieser Logik folgend verzichtet Apple auch darauf, andere Dienste mit niedrigeren Abonnementpreisen auszustechen. Vorhergehenden Gerüchte, die monatliche Kosten von fünf bzw. später acht Dollar kolportierten, erwiesen sich als falsch.

Zehn Dollar sei ein üblicher Preis für ein Album, das halte man für gerechtfertigt, erklärt Iovine. Viel Hoffnung setzt man auch in das Familienangebot, das für 15 Dollar bis zu sechs Personen den Zugang ermöglicht. Aggressive Werbung auf iTunes soll es auch nicht geben. "Man sollte einem Kunden, der glücklich damit ist, ein Album zu kaufen, nicht versuchen zu erklären, dass er damit etwas Falsches tut". Viele Nutzer würden auch in Zukunft lieber auf diesem Wege Musik erwerben, hätten aber trotzdem Zugang zu Apple Connect und Beats 1.

Nach Einschätzung von Apple gibt es aktuell weniger als 20 Millionen Musikstreaming-Abonnenten weltweit. Der Musikverband IFPI wiederum geht von 41 Millionen aus. Apples Ziel ist es weniger, diese zum Umstieg auf das eigene Angebot zu bewegen, sondern neue Zielgruppen zu erschließen und den Markt zu verbreitern.

Abwarten

Vieles bleibt über die Funktionsweise von Apple Music noch im Ungewissen. Das Unternehmen könnte, wie Berichte aus den vergangenen Monaten nahe legen, möglicherweise einen starken Fokus auf Exklusivität legen und damit vielleicht auch die Gunst von Künstlern wie Taylor Swift gewinnen, die Streamingangeboten sehr kritisch gegenüber stehen. Ob der Plan aufgeht, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. In den ersten Märkten geht Apple Music bereits diesen Monat an den Start. (gpi, 10.06.2015)

  • Jimmy Iovine (l.) und Apple-CEO Tim Cook bei der Vorstellung von Apple Music.

    Jimmy Iovine (l.) und Apple-CEO Tim Cook bei der Vorstellung von Apple Music.

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