Zu dick, zu dünn: Wie Spiegelbilder trügen

10. Juni 2015, 11:03
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Am Max-Planck-Institut wird die Selbstwahrnehmung des Menschen unter die Lupe genommen. Kleidung spielt eine wesentliche Rolle

Von jedem Menschen gibt es Fotos, von denen er wünschte, sie wären nie entstanden. Zu dick, schlecht sitzende Kleidung – generell bevorzugt werden jene Bilder, die den Abgebildeten vorteilhaft erscheinen lassen.

Nur unter bestimmten Bedingungen akzeptiert der Mensch sich also so, wie er ist. Doch welche Kleidungsstücke erscheinen besonders schmeichelhaft? Und welche Farben haben einen Einfluss darauf, wie man das Körpergewicht wahrnimmt?

Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik sind diesen Fragen nun auf den Grund gegangen. Um zu untersuchen, wie Menschen ihren Körper wahrnehmen, verwenden Forscher meist Zerrbilder von Fotografien oder zeichentrickähnliche Abbildungen des Körpers.

Nutzt man jedoch Fotos oder Abbildungen, ist es schwierig die Körperwahrnehmung systematisch zu untersuchen. Man erhält keine ausreichenden Informationen darüber, wie sich die Gewichtszunahme beziehungsweise -abnahme auf andere Körperteile wie Arme, Beine oder Gesicht auswirkt.

Inneres Bild des äußeren Selbst

Dennoch deuten viele Forschungsreihen darauf hin, dass auch gesunde Menschen ihren Körper nicht so wahrnehmen, wie er wirklich ist. Ivelina Piryankova, Wissenschafterin in der Forschungsgruppe für Körper- und Raumwahrnehmung von Betty Mohler am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik nutzte realistische 3D-Körpermodelle von Frauen zwischen 20 und 40 Jahren, um deren Wahrnehmung ihres eigenen Körpers zu untersuchen.

Sie wollte wissen, inwieweit ihre Wahrnehmung der Realität entspricht. Die Avatare dafür entwickelte die Forschungsgruppe gemeinsam mit der Abteilung für Perzeptive Systeme am Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme.

Insbesondere untersuchte die Informatikerin Piryankova, ob die Form dieses Avatars und sein Farbmuster einen Einfluss auf die Gewichtswahrnehmung haben. Welche Rolle spielen diese Aspekte bei der Selbstwahrnehmung? Hierzu wurden die Körper der Frauen zunächst gescannt und ihr BMI leicht verändert. Die Avatare hatten im Versuch dann entweder dieselben Körperproportionen wie die Probandinnen oder aber Durchschnittsmaße.

Selbsteinschätzung gefragt

Die Wissenschaftler konnten so messen, wie akkurat Menschen ihr aktuelles Körpergewicht in Abhängigkeit von Figur und Muster einschätzen. Es stellte sich heraus, dass die Probanden das eigene Körpergewicht richtig einschätzen konnten. Auffällig war dabei aber, dass Frauen offenbar bereitwillig einen schlankeren Körper als ihren eigenen akzeptieren, nicht jedoch einen dickeren.

Wurde die farbbasierte Information geändert und ein Schachbrettmuster auf den Körper der Avatare gelegt, also das Kleidungsmuster geändert, tendierten die Teilnehmerinnen generell zu den schlankeren Versionen.

Unsere Forschungsergebnisse können nun genutzt werden, um neue Methoden zur Messung der Selbstwahrnehmung für Personen zu entwickeln, die in dieser Hinsicht sehr empfindlich reagieren. Auf diese Weise können wir ihnen sogar alternative Erfahrungen ermöglichen", erklärt die Wissenschafterin Piryankova. Gemeint sind Menschen mit Körperwahrnehmungs- und Körperbildstörungen, zum Beispiel Patienten mit Essstörungen oder jene, die nach einem Schlaganfall einzelne Gliedmaßen nicht als ihre eigenen erkennen.

Hightech-Verfahren

Im Rahmen eines Kollaborationsprojekts untersuchen die Wissenschaftler nun die Wahrnehmung von Patienten bezüglich ihrer Körperdimensionen wie Gewicht oder der Arm- und Beinlänge. Eine wichtige Rolle dabei spielen die mit 4D-Ganzkörperscannern erzeugten Avatare, die möglichst wirklichkeitsgetreue Darstellungen erzeugen sollen. Entwickelt hat den 4D-Scanner Michael J. Black, Direktor am Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme, gemeinsam mit dem amerikanischen Unternehmen 3dMD. (red, 10.6.2015)


Originalpublikationen:

Can I Recognize My Body's Weight? The Influence of Shape and Texture on the Perception of Self

Owning an Overweight or Underweight Body: Distinguishing the Physical, Experienced and Virtual Body

  • Wie bin ich? Das Spiegelbild und die Selbstwahrnehmung stimmen oft nicht überein, zeigen Studien, bei denen Avatare eingesetzt werden.
    foto: ivelina piryankova / max-planck-institut für biologische kybernetik

    Wie bin ich? Das Spiegelbild und die Selbstwahrnehmung stimmen oft nicht überein, zeigen Studien, bei denen Avatare eingesetzt werden.

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