Geisteswissenschaften: Wie aus guten Kunden Sieger wurden

10. Juni 2015, 14:28
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Der Wittgenstein-Preis ging nach langer Zeit wieder an eine Geisteswissenschafterin. Die Naturwissenschaften liegen in jeder Statistik voran

Wien - Eine Gerücht ist unter österreichischen Wissenschaftern weit verbreitet: Die Geisteswissenschaften hätten demnach keinen guten Stand, und die Gelder des Wissenschaftsfonds FWF würden hauptsächlich in die teuren, weil durch Experimente getriebenen Naturwissenschaften fließen. Das Gegenteil ist statistisch erwiesen: Falk Reckling, Abteilungsleiter der FWF-Strategieanalysen, berichtet von einem Budgetanteil der Geisteswissenschaften von 13 bis 15 Prozent. "Das ist im westeuropäischen Vergleich hoch." Manche Fächer aus diesem Bereich gehören neben der Physik und Mathematik zu den erfolgreichsten beim FWF. Dennoch hieß es auch Montag wieder recht defensiv, als die Byzantinistin Claudia Rapp den Wittgenstein-Preis im 20. Jahr seines Bestehens entgegennahm: Endlich wieder eine Geisteswissenschafterin!

Sieht man die Bereiche Geistes- Sozial- und Kulturwissenschaften als ein Ganzes, dann kommt diese Äußerung nicht überraschend: Von bisher 32 ausgezeichneten Wissenschaftern sind nur fünf Preisträger diesen Fächer zuzuordnen: die Linguistin Ruth Wodak, der Mittelalterforscher Walter Pohl, der Sozialanthropologe Andre Gingrich, der Demograf Wolfgang Lutz und eben Claudia Rapp. Zum Vergleich: Immerhin 13 von 32 Wissenschafter kommen aus den Biowissenschaften.

Die Sozialwissenschafter schneiden auch bei den Einzelanträgen im FWF vergleichsweise schlecht ab. Eine von ihnen, Ruth Wodak, war 1996 neben dem Genetiker Erwin Wagner die erste Wittgenstein-Preisträgerin. Sie sieht gleich mehrere Gründe für diese vergleichsweise schwächere Ausbeute der Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften (GSK). "Es entspricht einem allgemeinen Trend, dass Naturwissenschaften und Technik erfolgreicher und gesellschaftlich angesehener sind als unsere Fächer", sagt sie. Das sei kein Österreich-Spezifikum. Die Ergebnisse der Natur- und Technikwissenschaften würden von der Gesellschaft "stärker wahrgenommen als eine geisteswissenschaftliche Analyse".

In Buchform publiziert

Zudem würden die Kriterien der Naturwissenschaften auf die GSK angewendet, die aber anderen Gesetzen folgen. Für internationale Peer Reviews wie im Fall der Wittgenstein-Preisverleihung seien Publikationen in sogenannten "High Impact Journals" besonders wichtig. Das sei in den Natur- und Technikwissenschaften der Alltag. "In unseren Fächern wird aber noch viel in Buch- und Essayform publiziert." Ein weiteres Problem sei das der Sprache: Gerade in den Geistes- und Kulturwissenschaften sei man es gewohnt, in den Landessprachen zu publizieren. Es gehöre auch zu den Spezifika vieler Disziplinen. "Dadurch ist aber die Community, die das lesen kann, viel kleiner, und bei internationalen Peer Reviews hat man kaum eine Chance." Man müsse sich dem internationalen Wettbewerb und dem daraus entstehenden Dilemma stellen.

Dass die Kuchenverteilung zwischen den Life-Sciences und den GSK-Fächern auch international vergleichbaren Mustern folgt, sieht man am Vorbild des Wittgenstein-Preises, dem mittlerweile mit bis zu 2,5 Millionen Euro dotierten Gottfried-Wilhelm-Leibnitz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG): 2015 wurden hier acht Preise vergeben. Drei davon gingen an Geisteswissenschaften, die anderen an Physik, Chemie und Medizintechnik.

Wodak sagt aber auch, was bezeichnend für Österreich sein dürfte: Es sei kein Zufall, dass nur die Fächer beim Wittgenstein-Preis reüssieren, die von Studenten nicht überrannt und personell relativ gut ausgestattet sind, sodass genug Zeit für innovative und aufwendige Forschung bleibt. "Das war bei mir in den Sprachwissenschaften so, dass ist zum Beispiel in Walter Pohls Mittelalterforschung in der ÖAW so gewesen. Und das wird in der Byzantinistik nicht anders sein." Die aktuelle Preisträgerin Claudia Rapp sagte in ihrer Dankesrede am vergangenen Montagabend sinngemäß, es gehe nicht immer nur darum, einen unmittelbaren Nutzen in Form von neuen Medikamenten oder Ähnlichem aus der Grundlagenforschung zu erzielen, man müsse auch die Basis für mehr Wissen über die Geschichte des Menschen schaffen. Dieses Credo hat sie wohl mit den anderen Preisträgern aus den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften - und nicht nur mit ihnen - gemeinsam. Der Wittgenstein-Preis gilt als eine Auszeichnung für Grundlagenforschung, ohne ein Anwendungsziel vor Augen zu haben - ob er nun an Mathematiker oder Sprachwissenschafter vergeben wurde.

Hochachtung für Forschung

Der Physiker Arnold Schmidt, ehemaliger Präsident des Wissenschaftsfonds und als solcher Gründervater des Preises, meinte zum Zehn-Jahr-Jubiläum des Wittgenstein-Preises 2006, die Auszeichnung sei aus dem Geist des FWF entstanden. Und den beschrieb er mit klaren Worten: "Liebe zu den Wissenschaften und Hochachtung vor intellektuellen Leistungen."

Der Preis ist aber noch aus einer anderen, vergleichsweise pragmatischen Überlegung entstanden. Schmidt erzählte von einem geflügelten Wort, das der langjährige FWF-Präsident Kurt Komarek prägte: der gute Kunde. "Eine Bezeichnung für einen Antragsteller, der in schöner Regelmäßigkeit Forschungsprojekte beim Fonds beantragt und sie mit großer Sicherheit auch bewilligt bekommt, einfach weil die Projekte so gut sind." Komarek habe in diesem Kontext die Frage gestellt, "ob man solchen WissenschafterInnen nicht in einfacher Weise auch größere Summen zur Verfügung stellen könnte".

So entstand also der Wittgenstein-Preis. Eine internationale Jury vergibt seither jährlich im Auftrag von FWF und Wissenschaftsministerium ein bis zwei Auszeichnungen zu je 1,5 Millionen Euro auf fünf Jahre. Der Preis wird Personen, nicht ihren Projekten zuerkannt, selbstverständlich müssen die Laureaten das Geld aber für Forschung verwenden. Gleichzeitig wurde eine projektbezogene Auszeichnung für jüngere Wissenschafter aus der Taufe gehoben, der hoch kompetitive Start-Preis. Er ist mit jeweils 1,2 Millionen auf sechs Jahre dotiert und ging heuer an acht Forscher, 82 hatten Anträge gestellt.

Sowohl Wittgenstein- als auch Start-Preis gelten als etabliert, Letzterer hat im Starting Grant des ERC ein Pendant auf europäischer Ebene gefunden. Beide Auszeichnungen werden dennoch im Auftrag des FWF evaluiert: vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung und von der KMU Forschung Austria. Ist das System angesichts der Grants durch den ERC noch zeitgemäß? Schmidt bejaht: "Warum sollten neu ins Leben gerufene Europäische Preise, und seien sie noch so prestigeträchtig, das Ende hochangesehener 'nationaler' Preise bedeuten? Ich bin sicher, dass andere Fördergeber wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft diese Vorstellung kopfschüttelnd ignorieren würden." (Peter Illetschko, 10.6.2015)

  • Ludwig Wittgenstein als Namenspatron: Alle anderen Namen wie Boltzmann oder Schrödinger waren bei der Erfindung des Wissenschaftspreises bereits in vielfacher Verwendung.
    foto: österr. nationalbibliothek / picturedesk.com

    Ludwig Wittgenstein als Namenspatron: Alle anderen Namen wie Boltzmann oder Schrödinger waren bei der Erfindung des Wissenschaftspreises bereits in vielfacher Verwendung.

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