Wider die Vernachlässigung des Körperlichen

12. Juni 2015, 16:59
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Ein Elise-Richter-Projekt widmet sich "beharrlicher Leiblichkeit" in Philosophie und Geschlechtertheorie

Wien - Ein besonders spannendes unter den Elise-Richter-Forschungsprojekten des FWF ist eines mit einem knackigen Titel ("Beharrliche Leiblichkeit") und einer paradox klingenden Erläuterung ("Vormoderne Naturphilosophie trifft auf Postmoderne Geschlechtertheorie"). Für die Forscherin, die diese beiden Enden wissenschaftlich zusammenfügt, ist es eine logische Verknüpfung: "In Zeiten großer Umbrüche gibt es immer eine Veränderung im Körperbewusstsein, eine größere Konzentration auf das Selbst, auch in physischer Hinsicht", sagt Marlen Bidwell-Steiner, Romanistin und Literaturwissenschafterin an der Universität Wien.

Bidwell-Steiner erinnert daran, dass im 16. Jahrhundert erstmals eine globale Weltsicht entstand: Die Erkenntnis, dass die Erde rund ist, hatte sich halbwegs durchgesetzt, der Buchdruck revolutionierte das Wissen. In ähnlichen Zeiten befindet sich die Menschheit heute: Internet, soziale Medien und die geopolitischen Umbrüche der letzten Jahrzehnte stellen hier eine Parallele zur Vergangenheit dar.

Bidwell-Steiner stellt Körpermodelle der feministischen und Gendertheorie Körpermodellen aus der Naturphilosophie des 16. Jahrhunderts gegenüber. Es geht dabei um das komplexe Feld wechselseitiger Einflüsse zwischen Körperinnerem und Körperumgebung.

Unglückliche Allianzen

In den Anfangszeiten der Gender-Studies hat die einschlägige Forschung den Körper lange Zeit vernachlässigt. Noch in den 1990er-Jahren herrschte eine starke Körperabstinenz vor, durch die "unglückliche Allianz aus Frauen- und Naturthema, die bis dahin immer verhindert hat, dass Weiblichkeit anders gedacht werden konnte", sagt Bidwell-Steiner.

Dieses Hemmnis scheinen neuere Gender-Theoretikerinnen wie Anne Fausto Sterling, Donna Haraway oder Karen Barad nicht zu empfinden, sie verfolgen Konzepte eines "verkörperten Geistes". Das tat auch die spanische Philosophin Oliva Sabuco de Nantes y Barrera aus dem 16. Jahrhundert, deren Werk Bidwell-Steiner in ihrer Dissertation analysierte und übersetzte. In ihrer Nueva filosofía de la naturaleza del hombre aus dem Jahr 1587 entwickelte die frühneuzeitliche spanische Philosophin einen "erstaunlich philogynen Materialismus" (Bidwell-Steiner). Oliva Sabuco und andere Autorinnen und Autoren verhandelten dabei "äußerst originäre Theorien zu Materialität und Leiblichkeit, die auf eine spezifisch mediterrane Tradition des Materialismus verweisen". Gemeinsam sei ihnen der Fokus auf ein Zusammenspiel von Körper und Seele, Materie und Form.

Bidwell-Steiners Forschungsansatz ist dabei, "dass wir nicht immer nur alte Texte mit neuen Theorien beurteilen, sondern uns umgekehrt fragen, was aus den alten Theorien geworden ist". Dass die Romanistin und Spezialistin für frühneuzeitliche Texte lange das Gender-Referat der Uni Wien geleitet hat, erklärt ihr eher ungewöhnliches Forschungsinteresse.

Ob sie ihre Forschung im Geiste von Elise Richter sieht? "Sie war eine Linguistin, ich bin eine Literaturwissenschafterin. Das ist ein Riesenunterschied. Aber im Sinne einer Sichtbarmachung von weiblicher Forschung sehe ich sehr wohl Parallelen zu ihr." (stui, 9.6.2015)

  • Marlen Bidwell-Steiner vergleicht Zeiten großer Umbrüche.
    foto: standard/corn

    Marlen Bidwell-Steiner vergleicht Zeiten großer Umbrüche.

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