Quartiernot bei jungen Flüchtlingen scheint unlösbar

9. Juni 2015, 18:04
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Von den rund 2650 unter 18-jährigen Asylwerbern in Österreich werde die Mehrheit völlig unzureichend betreut, kritisieren Experten. 1400 Kinder und Jugendliche würden nur verwahrt, ohne Lösungsperspektive

Wien – Katharina Glawischnig, Expertin für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UMF) bei der österreichischen Asylkoordination stellt die Lage klar dar: Insgesamt leben derzeit rund 2650 Asylwerber im Land, die jünger als 18 Jahre sind - oder bei denen ein Feststellungsverfahren läuft, ob sie noch minder- oder schon volljährig sind. Für sie alle in absehbarer Zeit kinder- und jugendgerechte Betreuung zu organisieren sei unter den herrschenden Bedingungen unrealistisch: "Für die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge in Österreich ist keine Lösung in Sicht".

Denn nur 1250 dieser Minderjährigen – großteils Buben und Burschen aus Syrien, Afghanistan und Somalia – hatten das Glück, in Heimen oder Jugend-WGs unterzukommen, die ihren Bedürfnissen einigermaßen gerecht werden, mit Betreuungsstandards, die dem bundesweit geltenden Kinder- und Jugendhilfegesetz und den jeweiligen Länderbestimmungen entsprechen.

Für weitere 1400 gab es keine solchen Plätze. Glawischnig: "Sie befinden sich in Bundesbetreuung, viele von ihnen im Erstaufnahmezentrum Traiskirchen". Im Innenministerium bestätigt ein Sprecher die genannten Kinderflüchtlingszahlen.

Mehrheit unterversorgt

Damit, so Glawischnig, sei eine Situation erreicht, in der die Mehrheit alleinstehender unter 18-jähriger Flüchtlinge in Österreich völlig unzureichend betreut würde. Im überfüllten Lager Traiskirchen etwa gebe es zu wenig dafür ausgebildetes Personal und nur ein sehr beschränktes Deutschkursangebot.

Tatsächlich gestalten sich die in den Bundesländern laufenden Bemühungen, neue Quartiere für die Jugendlichen zu eröffnen, zäh. In Niederösterreich, wo diesbezüglich ein Schwerpunkt gesetzt wird, will man bis Sommer gerade einmal 60 Burschen in Landes-Jugendheimen unterbringen. Weitere Projekte sind in Vorbereitung, aber noch nicht fix.

Schuld daran sei die schwierige Suche nach geeigneten und leistbaren Häusern oder Wohnungen, heißt es vonseiten der Träger: Caritas, Diakonie und andere. Mit dem Tagsatz von 77 Euro, der pro unter 18-jährigem Asylwerber ausgeschüttet wird, sei eine adäquate Betreuung nicht zu finanzieren. Mindestens 20 Prozent der Kosten müssten durch Spendengelder aufgebracht werden, heißt es bei der Caritas – eine rasche Erhöhung der Tagsätze tue not. Für kommenden Montag hat ein Zusammenschluss von 30 Flüchtlingshilfs- und Kinderrechtsgruppen eine Demonstration vor dem Innenministerium angekündigt.

Auch Marianne Engelmann vom Verein Fluchtweg wird daran teilnehmen – obwohl sie einem Konzept folgt, das mit dem gebotenen 77-Euro-Tagsatz auskommen möchte. Es gehe darum, den jungen Flüchtlingen eine möglichst familiäre Umgebung zu bieten, sagt sie. Daher würden in ihren Georg-Danzer-Häusern – benannt nach dem verstorbenen Liedermacher – zwei sozialpädagogisch ausgebildete Betreuer fix mit den bis zu zwölf Jugendlichen im Haus wohnen.

Betreuung ohne Mehrkosten

Auf diese Art sei eine 24-Stunden-Betreuung möglich, ohne teure Sonntags- und Nachtzuschläge bezahlen zu müssen. Die Arbeitszeit des restlichen Personals beschränke sich auf die üblichen Stunden. In Wien betreibt Engelmann ihr erstes Danzer-Haus, in Niederösterreich ist sie mit den Behörden wegen drei weiteren Häusern im Gespräch - auch wenn Kritiker arbeitsrechtliche Bedenken äußern.

Einer von Engelmanns Schützlingen hat indes ein privates Hilfsangebot erhalten. Husam M., 15-jähriger Syrer, dem IS-Leute öffentlich drei Finger amputiert hatten, wurde vom Teefirmeninhaber Andrew Demmer kontaktiert. Demmer will ihm, wenn möglich, eine Prothese finanzieren. Husam M. war im Rahmen der STANDARD-Serie "Menschen auf der Flucht" porträtiert worden. (Irene Brickner, 10.6.2015)

  • Diese Wohngemeinschaft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Wien - das Foto stammt aus 2003 - wurde inzwischen geschlossen. Neueröffnungen gibt es aus Geldgründen nur wenige.
    newald

    Diese Wohngemeinschaft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Wien - das Foto stammt aus 2003 - wurde inzwischen geschlossen. Neueröffnungen gibt es aus Geldgründen nur wenige.

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