Albaner-Parteichef: "Mazedoniens Zukunft sind EU und Nato"

Interview10. Juni 2015, 05:30
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Vor den Krisengesprächen zu Mazedonien sagt DUI-Chef Ali Ahmeti, dass die Beziehungen zu den Nachbarn besser werden müssen

STANDARD: Sind Sie wie die Sozialdemokraten dafür, dass es eine Übergangsregierung gibt?

Ahmeti: Ich kann nicht im Voraus sagen, ob wir eine Übergangsregierung haben werden. Die Themen der Vereinbarung von vergangener Woche sind, die Wahllisten in Ordnung zu bringen, Reformen in der Justiz, die euro-atlantische Integration voranzutreiben, die Beziehungen zu den Nachbarstaaten und die interethnischen Beziehungen zu verbessern.

STANDARD: Sie waren immer dafür, dass Mazedonien der EU und der Nato beitritt. Nehmen Sie die Regierungspartei VMRO-DPMNE ernst, die das offiziell auch will, wenn sie gleichzeitig einen prorussischen Kurs eingeschlagen hat?

Ahmeti: Ich möchte nicht auf diese konspirativen Spekulationen eingehen. Ich kann Ihnen versichern, dass es einen politischen Konsens im Land gibt, dass unsere Zukunft die EU und die Nato sind. Ob es auch geheime Verhandlungen gibt oder nicht, steht nicht auf unserer Agenda.

STANDARD: Es geht hier auch nicht um Konspirationen, sondern um Interessen, etwa die Pipeline Turkish Stream für russisches Gas, die die mazedonische Regierung unterstützt hat.

Ahmeti: Unser Interesse ist die Nato-Allianz; und dass wir so schnell wie möglich in die EU eintreten können.

STANDARD: Griechenland stoppt seit langem wegen des Namensstreits den Nato-Beitritt und weitere Schritte in Richtung Europäische Union, auch Bulgarien ist skeptisch. Was kann man tun, um die Beziehungen zu diesen Nachbarstaaten zu verbessern?

Ahmeti: So wie es bisher mit diesen Konflikten mit den Nachbarn war, so geht es nicht mehr weiter. Wir müssen die Beziehungen verbessern. Die USA, die Nato und die EU sollten ihre Aktivitäten intensivieren und uns helfen, das Problem des Staatsnamens zu lösen. Die Namensfrage ist eine emotionale Frage, und wo es Emotionen gibt, gibt es keinen Rationalismus. Eine Lösung ist zum Vorteil des Landes, der Region und zum Vorteil Europas. Der Westbalkan ist Teil Europas und muss so schnell wie möglich zur EU, denn Europa ist nicht vollständig ohne den Westbalkan. Wir wollen, dass hier die gleichen Standards umgesetzt werden. Ein gutes Beispiel sind die Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland. Es gab schlimme Kriege in Europa. Aber die Zukunft wird nicht durch die Tragödien der Vergangenheit gebaut.

STANDARD: Zu den interethnischen Beziehungen: Der niederländische Diplomat Pieter Feith ist im Land. Es geht um das Ohrid-Abkommen, das den Konflikt 2001 beendet hat. Was soll daran verbessert werden?

Ahmeti: Das Kommen von Feith ist eine gute Nachricht für uns. Er wird eine Expertise vorlegen, inwiefern das Abkommen umgesetzt wurde, und die wird der EU, den USA und der Nato präsentiert.

STANDARD: Und die Änderungen?

Ahmeti: Laut dem Ohrid-Abkommen muss eine Sprache, die in einer Gemeinde von mehr als 20 Prozent der Leute gesprochen wird, zur offiziellen Sprache werden. Die mazedonischen Behörden vollziehen das nur auf lokaler Ebene. Ich denke, dass wir auf Verständnis stoßen werden und das ausgleichen können.

STANDARD: Sie wollen das auch auf regionaler Ebene?

Ahmeti: Ja, sicherlich.

STANDARD: Zu den Feuergefechten in Kumanovo: Weshalb wurde die Zivilbevölkerung nicht vor dieser Aktion in Sicherheit gebracht?

Ahmeti: Kumanovo ist eine spezielle Angelegenheit mit vielen Unbekannten. Ein Teil der Zivilisten wurde zuvor evakuiert. Es ist eine Tatsache, dass kein Zivilist getötet wurde ...

STANDARD: ... aber das war reines Glück. Ich habe mit Leuten geredet, die stundenlang vom Tod bedroht waren und nicht gewarnt wurden.

Ahmeti: Das ist eine operative Sache, ich habe nichts damit zu tun. Wir sind eine politische Partei.

STANDARD: Sind Sie für eine internationale Untersuchung der Ereignisse in Kumanovo?

Ahmeti: Es wäre gut, wenn es eine internationale Beobachtung gäbe, damit man die wahren Intentionen von allen sehen kann. (Adelheid Wölfl, 10.6.2015)

Ali Ahmeti (56) war während des Aufstands 2001 politischer Führer der mazedonischen UÇK. Er studierte Philosophie an der Uni Prishtina und bekam 1986 in der Schweiz Asyl. Seit dem Ohrid-Abkommen 2001 ist er Chef der Partei DUI, die seit 2008 mit der VMRO-DPMNE in der Regierung sitzt.

  • Ali Ahmeti, Chef der Albanerpartei DUI: "So wie es bisher mit diesen Konflikten mit den Nachbarn war, so geht es nicht mehr weiter."
    foto: reuters

    Ali Ahmeti, Chef der Albanerpartei DUI: "So wie es bisher mit diesen Konflikten mit den Nachbarn war, so geht es nicht mehr weiter."

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